Faktencheck Wie realistisch war der Bodensee-"Tatort"?

Mit zwei Jahren entführt, 15 Jahre lang gewaltsam indoktriniert: Im Bodensee-"Tatort" erlebt eine junge Frau erstmals die Außenwelt, ein Kommissar wird zum Hilfstherapeuten. Reine Fiktion? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

ARD/ Stephanie Schweigert

Von


Sie war nie auf dem Spielplatz, kannte weder Eltern noch Freunde, sie konnte sich nicht als Teenager verlieben, nicht streiten, nicht verreisen - sie wusste nicht einmal ihren richtigen Namen: Im Alter von zwei Jahren wurde Rebecca (Gro Swantje Kohlhof) entführt und als "Brut" erzogen. Zu Beginn des "Tatort" ist sie 17 und hat eine Kindheit und Jugend hinter sich, in denen ihr Peiniger, ihr "Erzieher" sie perfide programmiert, geschlagen und sexuell missbraucht hat. Durch seinen Tod endet ihr Martyrium, doch frei ist sie dadurch noch lange nicht.

In einem 89-minütigen Schnelldurchlauf begleitet der Zuschauer Rebeccas Entdeckung der Außenwelt und ihr Vortasten in die Selbstständigkeit. Der Regiekniff: Weil die junge Frau den ersten Mann mittleren Alters, den sie trifft, als ihren neuen "Erzieher" ansieht, wird Kommissar Perlmann (Sebastian Bezzel) in die Therapie eingebunden. Wie realistisch ist das Ganze?

Gibt es Fälle wie den von Rebecca?

Leider ist es nicht bloß Fiktion. Ulrike Held, Traumatherapeutin bei der Stiftung Jugendhilfe aktiv, kennt Fälle, die jenem von Rebecca ähneln: Junge Menschen, die vom Kleinkindalter an in Sekten aufgewachsen sind und dort immer wieder physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt waren. "Wenn ein Kind ab dem Alter von zwei Jahren so programmiert wird, wird es komplett in seiner Entwicklung gehemmt", sagt sie.

Geliebter Sadist
In der Psychologie spricht man von der "traumatischen Zange": Betroffene können sich dem Schrecklichen, das sie durchleben müssen, nicht entziehen, indem sie flüchten oder dagegen ankämpfen. Die Folge ist, dass sie innerlich erstarren und das Erlebte abspalten. In manchen Fällen kann dies zu einer Dissoziativen Identitätsstörung führen, bei der Betroffene zwischen verschiedenen Ich-Anteilen springen.

Rebecca wirkt im "Tatort" nicht so, als würde sie von einer Persönlichkeit zu anderen wechseln. "Aber jemand mit dieser Hintergrundgeschichte hätte sicher innere Spaltungen", vermutet Held.

Ein Polizist als Hilfstherapeut?

Dass Rebecca sich sofort einen neuen "Erzieher" sucht, ist plausibel. "Sie hat gelernt, dass sie nur überlebt, wenn sie sich unterwirft. Es war ihr Leben lang ein notwendiger Schutzmechanismus", sagt Psychotherapeutin Held. Sie sei nur stabil, solange sie jemanden hat, der ihr sagt, was zu tun ist. Dies zu verlernen, sei ein schwieriger Prozess. Kommissar Perlmann in die Therapie einzubinden - "warum nicht?", fragt Held. "Wichtig ist nur, seinen Einfluss nach und nach zu reduzieren.

Wie sieht die Therapie überhaupt aus?

Sie ist ein langer, schwieriger Prozess, sagt Held. "Betroffene brauchen ein stabiles, unterstützendes Umfeld, das sie nicht überfordert. Und Training, wie sie ihren Alltag gestalten."

Menschen, die von frühster Kindheit an so missbraucht wurden, fühlten sich massiv schuldig, sagt die Psychotherapeutin. Sie denken, sie seien schlecht und hätten es verdient. Sie müssten erst begreifen, dass sie nicht verantwortlich sind, dass sie Opfer waren und nicht Täter.

Der "Tatort" mündet in einer dramatischen Begegnung Rebeccas mit einem Mittäter. Ist das nicht völlig unverantwortlich?

Die Therapeutin im "Tatort" ist klar gegen dieses Treffen. Auch Held sagt: "Täterkontakt ist in der Traumatherapie tabu." Der Fall ist daher ein Dilemma: Zum Schutz der Betroffenen ist es wichtig, dass sie keinen Kontakt zum Täter hat - sonst droht die Gefahr, dass sie wieder in eine Krise gerät.

Jedoch will Rebecca einem anderen gepeinigten Mädchen und ihrer Familie damit helfen, aus eigenem Antrieb. Zur möglichen Rettung dieses anderen Opfers ist das Treffen notwendig. "Wenn man ihr das verweigert, würde sie sich schuldig fühlen", nimmt Held an.

Aber: "Traumakonfrontation, also das direkte Durcharbeiten eines traumatischen Erlebnisses, kann erst nach einer guten Stabilisierung stattfinden", warnt die Psychotherapeutin.

Zur Autorin
  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 83 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wiesnase111 11.01.2016
1. Bodensee Tatort
Ich war froh,das der Fim zu Ende war.So einen Mist habe ich lange nicht gesehen.Langweilig Das dumme gehabe der Psychologin wiedersprach sich auch oft.Alles Quatsch.
gracie 11.01.2016
2. Unrealistisch ...
...und desswegen guck ich auch. Realität kriege ich genug ab.
ackergold 11.01.2016
3.
Auf jeden Fall haben die Schauspieler ihre Rollen sehr überzeugend dargestellt. Der Fall war bedrückend, aber spannend.
donmeier 11.01.2016
4.
seit wann sind Fernsehkrimis realistisch? Die sorgen bei Kriminalbeamten ohnehin nur für belustigtes Schenkelklopfen
r.muck 11.01.2016
5. Beeindruckend....
die schauspielerische Leistung vom Gro Swantje Kohlhof. Aber auch Eva Matthes und Sebastian Brezzel liefernden eine gute leistung ab. Dass dieses Tatort-Format eingestellt wird, unaufgeregt, gut gespielt, finde ich schade.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.