Therapie gegen Alpträume "Eine neue Handlung kreieren"

In Alpträumen ist oft das eigene Leben in Gefahr. Psychologin Kathrin Hansen spricht im Interview über mögliche Auslöser der bedrohlichen Träume und erklärt, wie sie sich bekämpfen lassen.

Unruhiger Schlaf: Alpträume entstehen möglicherweise durch am Tag Verdrängtes
Corbis

Unruhiger Schlaf: Alpträume entstehen möglicherweise durch am Tag Verdrängtes


ZUR PERSON
    Kathrin Hansen ist Psychologin und Verhaltenstherapeutin. Sie hat 2014 an der Universität Frankfurt ihre Promotion über die Therapie von Alpträumen abgeschlossen. Jetzt arbeitet sie als niedergelassene Psychologin in Frankfurt.
SPIEGEL ONLINE: Wann ist ein Traum ein Alptraum?

Hansen: Wichtigstes Kriterium ist, dass man aus dem Traum aufwacht, weil er so belastend ist. Ebenso charakteristisch ist, dass man sich noch sehr detailliert an den Inhalt des Traums erinnert. Alpträume gehen mit negativen Emotionen einher, mit starken Ängsten etwa oder auch Schamgefühlen. Oft ist das eigene Leben oder das Selbstwertgefühl im Traum bedroht - und zwar so stark, dass man erwacht. Ein weiteres Merkmal ist, dass man sofort nach dem Aufwachen weiß, dass man geträumt hat.

SPIEGEL ONLINE: Weil der Alptraum so erschreckend ist?

Hansen: Nein, das Merkmal dient der Abgrenzung gegenüber einer anderen Schlafkrankheit, dem Pavor Nocturnus, bei dem ebenfalls beängstigende Träume auftreten. Bei diesem Krankheitsbild dauert es im Gegensatz zum Alptraum sehr lange, bis man nach dem Aufwachen weiß, dass man nur geträumt hat. Außerdem kann man sich beim Pavor Nocturnus nicht an den Inhalt des Traums erinnern.

SPIEGEL ONLINE: Was verursacht Alpträume?

Hansen: Typisch sind Alpträume bei einer posttraumatischen Belastungsstörung. Aber es gibt auch Alpträume ohne klare Ursache. Wir haben Hinweise darauf, dass, wenn wir uns am Tag nicht mit bestimmten belastenden Situationen auseinandersetzen, wenn wir Gedanken unterdrücken oder wegschieben, genau diese Themen vermehrt in unseren Träumen vorkommen. Es ist also denkbar, dass das Verdrängen von besonders düsteren Gedanken tagsüber nachts Alpträume auslösen kann. Aber das ist nur eine von mehreren Theorien.

SPIEGEL ONLINE: Was besagen die anderen?

Hansen: Es gibt auch die Theorie, dass das, was wir träumen, nur die Fortsetzung von dem ist, mit dem wir uns am Tag beschäftigen. Drittens gibt es noch eine Hypothese, die besagt, dass die Hirnaktivität während des Träumens die gleiche Funktion hat wie die im Wachzustand - also der Problemlösung dient. Ein Alptraum wäre nach dieser Theorie eine mentale Auseinandersetzung mit einem real belastenden Ereignis oder einem Problem. Er würde dazu dienen, mit Ängsten besser umzugehen oder Lösungen für bedrohliche Situationen zu durchdenken beziehungsweise durchzuspielen.

SPIEGEL ONLINE: Demnach hätten Alpträume einen Sinn?

Hansen: Beim Alptraum wird man ja durch das Aufwachen aus der Handlung herausgerissen - ich weiß nicht, wie zielführend das sein kann, um ein Problem zu lösen. Aber weil wir nicht genau wissen, wie und warum Alpträume entstehen, wissen wir auch nicht sicher, ob sie eine Funktion haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen haben Alpträume?

Hansen: Jedes zweite Kind und bis zu 70 Prozent der Allgemeinbevölkerung. Bei den meisten Menschen kommen sie nur vereinzelt vor. Aber bei drei bis fünf Prozent aller Menschen sind sie chronisch - das heißt mindestens einen Alptraum pro Woche und das mindestens ein halbes Jahr lang.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen haben Alpträume?

Hansen: Gelegentliche Alpträume haben meistens keine schwerwiegenden Folgen. Aber wenn die Alpträume chronisch sind, finden die Betroffenen keinen erholsamen Schlaf und sind am Tag müde. Viele haben zudem Angst vorm Einschlafen. Das kann eine sehr belastende Situation sein.

SPIEGEL ONLINE: Früher hat man dem Traumdeuten große Bedeutung zugemessen in der Psychologie, warum jetzt nicht mehr?

Hansen: In der psychotherapeutischen Verhaltenstherapie wird nicht viel gedeutet. Ich würde mich in der Therapie mit dem Patienten insbesondere dann näher mit dem Inhalt des Traums beschäftigen, wenn darin immer wieder ähnliche Situationen auftauchen. Dann würde ich versuchen, festzustellen, ob sich im Traum ein Konflikt aus der Realität zeigt, der immer wieder durchlebt wird. Wenn ein Trauma vorliegt, muss dieses behandelt werden, wenn nicht, beschränken wir uns in der Therapie meistens darauf, die Alpträume in den Griff zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich wie?

Hansen: Ein Konzept ist die Konfrontationstherapie. Die Betroffenen schreiben den Alptraum zunächst auf und lesen ihn anschließend mehrmals hintereinander laut vor. Ich ermutige die Patienten dabei, die negativen Gefühle zuzulassen. Der Patient beschäftigt sich dann so lange mit dem Inhalt des Alptraums, bis die unangenehmen Gefühle nachlassen, also eine Gewöhnung eingetreten ist.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ansätze gibt es noch?

Hansen: Am bekanntesten ist die Imagery Rehearsal Therapy (IRT). Dabei führt man sich im entspannten Zustand den Inhalt des Alptraums vor das innere Auge. Die Patienten werden dann angeleitet, den Inhalt des Traums so lange zu verändern, bis nichts Belastendes mehr enthalten ist. Die Betroffenen kreieren sozusagen eine neue Traumhandlung, mit der sie sich wohlfühlen oder die zumindest neutral ist.

SPIEGEL ONLINE: Welche Methode funktioniert besser?

Hansen: Beide Methoden sind sehr gut wirksam. Der Leidensdruck durch die Alpträume verringert sich, in einigen Fällen verschwinden die Alpträume sogar. Die Konfrontation wird als anstrengender empfunden als das IRT. Für das IRT braucht man allerdings ein bisschen Phantasie.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie jemanden mit chronischen Alpträumen zur Therapie ermutigen?

Hansen: Auf jeden Fall. Die Methoden sind sehr einfach zu lernen und die Therapie dauert nur vier Sitzungen. Außerdem ist die Prognose sehr gut und es verschwinden nicht nur die schlechten Träume, sondern die Patienten bekommen auch viel mehr Lebensqualität, weil sie besser schlafen und entspannen können. Man ist fitter, kann besser arbeiten, hat mehr Energie. Die Therapie wird von der Krankenkasse übernommen.

Das Interview führte Frederik Jötten.

insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
Julia M.B. 23.04.2014
1.
Ich empfehle der Interviewten dringend die Lektüre der Traumdeutung von Freud als Basis- und Pflichtlektüre.
psychologiestudent 23.04.2014
2.
Zitat von Julia M.B.Ich empfehle der Interviewten dringend die Lektüre der Traumdeutung von Freud als Basis- und Pflichtlektüre.
da die Interviewte promovierte Psychologin und Psychotherapeutin ist, hat sie vermutlich mal den ein oder anderen Blick in Freuds Werke geraten, würde ich schätzen. Nichtsdestotrotz hat sich die Welt seit Freud eben weiter gedreht und vieles ist eben veraltet...
meinemeinung: 23.04.2014
3. Psychoanalytische Sicht
Zitat von sysopCorbisIn Alpträumen ist oft das eigene Leben in Gefahr. Psychologin Kathrin Hansen spricht im Interview über mögliche Auslöser der bedrohlichen Träume und erklärt, wie sie sich bekämpfen lassen. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/therapie-gegen-alptraeume-eine-neue-handlung-kreieren-a-965596.html
Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie Menschen glauben können das sich die Psyche des Menschen in küzester Zeit therapieren lassen könnte. Ein Gehirnforscher wie Gerhard Roth ist da z.B. sehr skeptisch: "Nach einer mehrjährigen Psychotherapie, das zeigen Studien, kann ein Gehirn tatsächlich anders vernetzt sein. Viele Seelenspezialisten behaupten aber, dass ein Mensch auch hinsichtlich seiner Persönlichkeit in nur wenigen Wochen ein anderer wird, wenn er bloß seine Fehler einsieht und sich demgemäß anders verhält. Das ist aber ein Märchen." http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-124956893.html Wieso gleichzeitig immer wieder Vorstellungen entstehen können, die glauben das wie im Artikel beschrieben nach 4 Sitzungen das Problem bereits gelöst sein könnte, ist für mich nicht nachvollziehbar. Auch die tiefere Dynamik von Träumen, die seid Freud bekannt ist, wird so kaum berücksichtigt und verarbeitet. Ich würde solche Alpträume vor allem als ein Symptom verstehen das auf eine tiefer sitzende Ursache hinweist, was vor allem durch die psychoanalytische Sicht erklärt werden kann.
Julia M.B. 23.04.2014
4. optional
Da schliesse ich mich gerne an. Der Traum ist der Königsweg zum Unbewussten. Zum anderen Kommentar: Psychologiestudium und Promotion sagt leider gar nichts aus, ob sich Jemand der Freud'schen Lektüre gewidmet hat. Im Gegenteil: Ich würde sogar die Hypothese aufstellen, dass eine Verhaltenstherapeutin keine Zeile von Freud gelesen hat. Das, ganz im Gegenteil, die wissenschaftliche Psychologie und die VT stehen der Psychoanalyse tendenziell ablehnend gegenübersteht. Und es gibt kein umfassenderes Werk über Träume als die Traumdeutung.
Julia M.B. 23.04.2014
5. optional
Da schliesse ich mich gerne an. Der Traum ist der Königsweg zum Unbewussten. Zum anderen Kommentar: Psychologiestudium und Promotion sagt leider gar nichts aus, ob sich Jemand der Freud'schen Lektüre gewidmet hat. Im Gegenteil: Ich würde sogar die Hypothese aufstellen, dass eine Verhaltenstherapeutin keine Zeile von Freud gelesen hat. Ganz im Gegenteil, die wissenschaftliche Psychologie und die VT stehen der Psychoanalyse tendenziell ablehnend gegenüber. Und es gibt kein umfassenderes Werk über Träume als die Traumdeutung.
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