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Unkontrolliertes Zucken: Mein Kind hat einen Tic

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Corbis

Zwinker, zwinker: Die meisten Tics sind harmlos

Ständiges Hüsteln, Blinzeln oder Grimassieren: Viele Kinder haben Tics, die sie nicht beeinflussen können. Keine Angst, die Symptome verschwinden meist von allein wieder.

Wann hat das Räuspern angefangen? Und wann wieder aufgehört? Heute wissen wir es nicht mehr, damals kamen uns die Monate wie eine Ewigkeit vor. Unser damals fünfjähriger Sohn hatte keine Erkältung, keine Halsschmerzen, keinen Husten. Er räusperte sich einfach so, mal mehr und mal weniger, und konnte nicht damit aufhören.

Unser Sohn hatte einen Tic, wie viele andere Kinder auch: Die meisten von ihnen sind zwischen 6 und 14 Jahren, im Grundschulalter haben vermutlich 10 bis 15 Prozent aller Kinder Tic-Störungen - die Zahlen in verschiedenen Studien weichen mitunter stark voneinander ab. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen, viele haben mehrere Tics gleichzeitig.

"Bei einer Tic-Störung fehlt wahrscheinlich die optimale Abstimmung zwischen verschiedenen Hirnarealen, die Bewegungswunsch und -ausführung koordinieren", sagt Helge Topka, Chefarzt der Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie am Münchner Klinikum Bogenhausen. Forscher vermuten, dass die Nervenbahnen zwischen diesen Hirnregionen nicht in gleicher Geschwindigkeit reifen und so ein Ungleichgewicht bei der Bewegungssteuerung entsteht.

"Dadurch kommt es zu ungewollten Handlungen, die nur geringfügig steuerbar sind", erklärt Topka. Das können Laute, Wörter oder Räuspern sein, hastige Arm- oder Kopfbewegungen, Blinzeln. "Reifen die beteiligten Bahnsysteme nach, verschwinden auch die Tics wieder", so der Neurologe, "die Prognose bei einfachen Tics ist gut."

Verbote helfen nicht

Ähnlich wie beim Niesen kündigt sich der Tic häufig mit einem Vorgefühl an. Die Ausführung des Tics entspannt dann meist. Stresssituationen können die unwillkürlichen Bewegungen, Laute oder Geräusche verstärken. Diese können die meisten Betroffenen zwar für eine bestimmte Zeit unterdrücken, die Tics kommen dann aber oft umso deutlicher zum Vorschein.

Verbote helfen daher nicht, sondern setzen das Kind unter Druck. Eltern sollten ihm vor allem signalisieren, dass sie es auch mit seinen Tics akzeptieren, und dass es nicht psychisch krank ist. Längst nicht alle betroffenen Kinder und ihre Freunde haben Probleme mit den unwillkürlichen Bewegungen. "Manche Kinder werden aber durch die Reaktionen der Umgebung auf die ungewollten Bewegungen verunsichert", sagt Topka.

Eine oft belastende Form eines Tics ist das sogenannte Tourette-Syndrom, bei dem motorische und vokale Tics zusammentreffen und das im Kindes- oder Jugendalter beginnt. Obwohl das Tourette-Syndrom vor allem dafür bekannt ist, dass die Betroffenen immer wieder obszöne Wörter wiederholen, ist das nur bei jedem fünften bis dritten der Fall. Der Tourette-Tic hält mindestens ein Jahr an, und mitunter verstärken sich die Symptome in der Pubertät noch. Trotzdem beruhigt Topka: "Auch das Tourette-Syndrom verschwindet bei 50 Prozent der Betroffenen bis zum Erwachsenenalter von selbst wieder."

Tics können auf andere Krankheiten hinweisen

Halten Tics länger als zwölf Monate an, gelten sie als chronisch. Wann Eltern mit ihrem Kind einen Arzt aufsuchen sollten, muss im Einzelfall entschieden werden. "Man versäumt in der Regel nichts, wenn man eine Zeit lang abwartet", sagt Topka, "sofern die Symptomatik typisch ist und das Kind nicht darunter leidet."

Sehr selten können Tics Folge anderer Erkrankungen sein. Dies kann ein Arzt bei lang anhaltenden Tics mit zusätzlichen Untersuchungen ausschließen.

Die Behandlung hängt von der Art des Tics und dem Leidensdruck des Kindes ab. Zunächst werden das Kind und seine Begleitpersonen beim Kinder- und Jugendpsychiater oder in Spezialambulanzen aufgeklärt. Das hilft schon vielen Betroffenen. Zudem kann eine Verhaltenstherapie sinnvoll sein, einige Kinder werden auch mit zentral wirksamen Medikamenten behandelt. Alle Therapieformen hemmen lediglich die Symptome, beheben aber nicht die Ursache. Da Tics mit anderen psychiatrischen Erkrankungen wie ADHS, Zwangsstörungen, Depressionen oder Ängsten einhergehen können, ist es wichtig, diese zu erkennen und dann in die Therapie mit einzubeziehen.

Entscheidend ist vor allem ein offenes Verhältnis mit den Kindern, denn das größte Problem ist oft nicht der Tic selbst, sondern die soziale Situation. Ohne die Reaktionen auf das "merkwürdige" Verhalten, könnten Betroffene mit Tics ein normales Leben führen. "Lassen Sie Ihre Kinder nicht allein", sagt Topka. "Hören Sie ihnen zu, und machen Sie sich selbst und den Kindern keine Schuldgefühle. Die sind unbegründet."

Auch in unserem Fall waren die Sorgen unbegründet. Am Ende verschwand das Räuspern unseres Sohnes so plötzlich, wie es aufgetaucht war.

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1. Gehört in jeden Eltern-Ratgeber!
Fthagua 12.04.2015
Vielen Dank für diesen Artikel! Für mich und meinen Sohn kommt er ein Jahrzehnt zu spät. Er hatte im Alter von 3 Jahren einen nächtlichen Grimassen-Lach-Tic. Das Lachen war eher ein lautes Keckern, das uns den Schlaf raubte. Völlig übermüdet und überfordert mit der Situation, sind wir von einem Arzt zum Anderen, landeten wir schließlich in einer Epilepsie-Klinik. Und selbst dort hat man uns die Tics nicht so verständlich erklärt. Die Tic-Episode dauerte etwa ein halbes Jahr!
2. von wegen harmlos
ykarsunke 12.04.2015
werden die tics von den eltern nicht als harmlos erkannt, dann sind die folgen alles andere als harmlos. mein vater hat jahrelang versucht, mir meine tics "abzugewöhnen", und mir natürlich unbelehrbarkeit, wenn nicht bösartigkeit vorgeworfen, wenn das schiefging. man kann sich kaum ausmalen, was in einem kind vorgeht, das trotz aller anstrengung immer wieder zuckt oder merkwürdige geräusche von sich gibt, während der eigene vater nur darauf wartet, ihm das als selbstverschuldetes fehlverhalten auszulegen.
3. Elterliche Methoden...
frgrber 12.04.2015
Mir hat meine Mutter damals (nicht allzu lang her) meinen Tic mit besagten Verboten ?ausgetrieben?. Kann mich noch an die ein oder andere Schelle erinnern...ob das geholfen hat, bezweifle ich. Aber es hat mich stark unter Druck gesetzt. Stimme dem Artikel zu
4.
SchneiderG 12.04.2015
Zitat von frgrberMir hat meine Mutter damals (nicht allzu lang her) meinen Tic mit besagten Verboten ?ausgetrieben?. Kann mich noch an die ein oder andere Schelle erinnern...ob das geholfen hat, bezweifle ich. Aber es hat mich stark unter Druck gesetzt. Stimme dem Artikel zu
Bei mir hats geholfen, hab mich selbst unter Kontrolle bekommen und bei späteren ersten Anzeichen von neuen /anderen Tic's hab ich sofort reagiert und eine Eigenkontrolle durchgeführt. Ich bin überzeugt, daß man Tic's ab einem bestimmten Alter kontrollieren kann. Man braucht nur den Willen dazu zu haben.
5. Schön, wenn eine SPON-Redakteurin Lebenshilfe leistet,
wohlmein 12.04.2015
...aber dann sollte sie auch gründlicher recherchieren... "Die meisten Tics verschwinden dann wieder von selbst, so um die 14..." Und zwar deshalb, weil mit dem Wechsel auf eine höhere Lehranstalt der Leistungsdruck sinkt und dadurch die Tics allmählich abgebaut werden [SARKASMUS: AUS!!!!]
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ZUR AUTORIN
  • Nathalie Dampmann/ www.ndsign.de
    Lisa Harmann ist freie Journalistin und schreibt über Menschen, Gesellschaft und Familien. Die Mutter dreier Kinder lebt in einem Drei-Generationen-Haus bei Köln. Sie glaubt, dass sich unser Verständnis für Gesundheit bereits mit dem Kinderwunsch verändert.

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