"Tote Mädchen lügen nicht" Netflix-Serie steigert Google-Suchen nach Suizid

Die Serie "Tote Mädchen lügen nicht" hat in den USA die Zahl der Suizidsuchen bei Google steigen lassen. In Deutschland sollen laut Experten erste Todesfälle mit der Netflix-Produktion in Verbindung stehen.

Szene mit Hannah aus "Tote Mädchen lügen nicht"
Netflix

Szene mit Hannah aus "Tote Mädchen lügen nicht"


Die Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" thematisiert den Suizid einer Jugendlichen. Im Detail nimmt der Zuschauer Anteil am Schicksal der jungen Frau. In einer dreiminütigen Sequenz sieht er, wie die 17-Jährige ihr Leben beendet.

Schon bei der Veröffentlichung der Serie, die in Deutschland Ende März angelaufen ist, warnten Psychologen vor der Gefahr der Geschichte. Die Darstellungen könnten labile Jugendliche in ihren Suizidgedanken bestärken, lauteten etwa die Bedenken der International Association for Suicide Prevention (IASP). Hilfsmöglichkeiten präsentiert die Sendung keine.

Jetzt zeigt eine erste Auswertung aus den USA, dass zumindest Google den Kritikern recht gibt. Für ihre Analyse verglichen Forscher um John Ayers von der San Diego State University Suchanfragen zum Thema Suizid vor und nach dem Anlaufen der Serie in den USA. Zum Vergleich wählten sie einen Zeitraum vor der Veröffentlichung, in dem sich keine bekannte Persönlichkeit das Leben genommen hatte, berichten die Forscher in der Fachzeitschrift "Jama Internal Medicine".

Das Ergebnis:

  • In den knapp drei Wochen nach dem Erscheinen der Serie gingen die Suchanfragen rund um das Thema Suizid um 19 Prozent in die Höhe. Das entspricht rund 900.000 bis 1,5 Millionen mehr Suchanfragen, als eigentlich zu erwarten gewesen wären.
  • Einige der Suchanfragen drehten sich um die Suizid-Prävention. So suchten Menschen in der Zeit nach dem Serien-Start etwa nach Hotlines. Daneben gingen jedoch auch Suchanfragen in die Höhe, die sich mit Suizidgedanken und Möglichkeiten beschäftigten, sich das Leben zu nehmen.

Ihr Ergebnis zeige, dass die Serie beides bewirke: Sie schaffe ein positives Bewusstsein für das Thema, könne gleichzeitig aber auch Suizidgedanken bei den Zuschauern verstärken, schreiben die Autoren. Ob eine der Anfragen auch in einen Suizidversuch gemündet habe, lasse sich aus den Daten nicht herauslesen.

Deutschland: Erste Suizidfälle im Zusammenhang mit der Serie

Deutsche Fachgesellschaften wurden jedoch bereits mit ersten Berichten von Suiziden konfrontiert, die direkt mit dem Konsum der Serie in Verbindung stehen sollen. Das geht aus einer gemeinsamen Stellungnahme der Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) sowie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) von Ende Juni hervor.

"Die Darstellung des Suizids selbst ist explizit und verstörend", kritisieren die Experten die Serie. "Der Suizid wird als letzter Ausweg dargestellt und vielfach romantisiert." Da die Mitschüler das Schließfach des Mädchens zu einem Schrein umfunktionieren, erhalte der Suizid nach dem Tod des Mädchens noch eine Aufwertung.

Internationale Studien haben deutlich gezeigt, dass detaillierte Darstellungen und Beschreibungen von Suiziden das Risiko für Nachahmer steigern. Eine Untersuchung etwa kam zum Schluss, dass sich häufiger Gleichaltrige selbst töten, wenn Medien intensiv über Suizide von Teenagern berichten und diese etwa als nachvollziehbar darstellen. Eine sensible Berichterstattung mit Hinweisen auf Hilfsangebote hingegen kann Betroffene auch vor einem Suizid schützen.

Jugendliche: Suizid zweithäufigste Todesursache

Psychisch labilen Kindern und Jugendlichen werde dringend davon abgeraten, die Serie zu gucken, schreiben DGKJP und DGPPN. Ob diese Warnung die Betroffenen abhalten kann, ist allerdings fraglich. "Aktuell berichten Psychotherapeuten, Schulsozialarbeiter und Lehrer bereits, dass die Serie ein großes Thema unter Kindern und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen in den sozialen Netzwerken darstellt", heißt es im weiteren Verlauf der Stellungnahme.

Die Experten empfehlen Lehrern und Eltern deshalb auch, proaktiv über die Serie zu sprechen. "Eventuell kann es sinnvoll sein, die Serie in einem geschützten Setting gemeinsam anzusehen und zu diskutieren", schreiben die Fachgesellschaften.

Die Forscher der US-Google-Auswertung richten sich mit einem Appell direkt an die Macher der Serie. "Der schädliche Effekt könnte möglicherweise abgeschwächt werden, wenn sich die Macher an die Leitlinien zur Suizidprävention der Weltgesundheitsorganisation halten würden", schreiben sie. Dazu würde etwa zählen, Suizid-Szenen zu entfernen und in jeder Folge Hilfsangebote aufzuzeigen. Selbsttötungen sind in Deutschland nach Unfällen die häufigste Todesursache bei Jugendlichen.

irb

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