Trauma vorbeugen: Angehörige sollten bei Reanimation dabei sein

Von Julia Merlot

Das Herz steht still, letzter Versuch der Ärzte: Reanimation. Sollen Angehörige dabei zusehen? Ja, sagt jetzt eine Studie. Denn wer bei der Wiederbelebung zusieht, verkraftet den Tod eines geliebten Menschen leichter. Das Ergebnis könnte die Reanimationspraxis in Europa verändern.

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Reanimation: Wer zusieht, verkraftet den Tod eines geliebten Menschen leichter

Ein Schock, Blaulicht, Reanimation. In den Industrienationen sterben jährlich etwa 600.000 Menschen nach einem plötzlichen Herzstillstand - meistens verursacht durch einen Herzinfarkt. Oft erleben die Angehörigen den Vorfall mit und rufen selbst den Krankenwagen. Wenn der Wiederbelebungsversuch beginnt, werden sie allerdings weggeschickt. Ist das die richtige Vorgehensweise?

Bereits seit Einführung der Wiederbelebungsmaßnahmen Ende der achtziger Jahre streiten Mediziner darüber, ob Angehörige bei der Reanimation mit dabei sein sollten. Eine Studie im "New England Journal of Medicine" zeigt nun: Wer beim Versuch der Reanimation eines Angehörigen anwesend ist, leidet später seltener an einer posttraumatischen Belastungsstörung. "Bisher war das noch nicht so eindeutig nachgewiesen", bewertet der Intensivmediziner Bernd Böttiger von der Uniklinik Köln die Ergebnisse der Studie.

Die Wissenschaftler um Patricia Jabre vom Assistance Publique-Hôpitaux de Paris teilten für ihre Untersuchung 15 französische Rettungsteams in zwei Gruppen auf: Acht von ihnen sollten den Angehörigen anbieten, bei der Reanimation zuzusehen. Sieben Teams führten ihre Einsätze zur Kontrolle wie üblich durch. Nach dem Erlebnis dokumentierten die Forscher die psychische Gesundheit von insgesamt 570 Angehörigen.

Die meisten wollen bei der Reanimation dabei sein

Das Ergebnis: Von den 304 Personen aus der Kontrollgruppe hatten 131 den Wiederbelebungsversuch beobachtet (43 Prozent). "Auch in Deutschland ist es meist so, dass die Angehörigen nicht explizit gefragt werden", sagt Böttiger. "Trotzdem sind sie manchmal beim Wiederbelebungsversuch dabei." Drei Monate nach dem Vorfall litt gut ein Drittel (37 Prozent) der Angehörigen aus dieser Gruppe an posttraumatischen Belastungsstörungen.

Von den 266 Angehörigen, denen angeboten wurde, den Wiederbelebungsversuch zu beobachten, wollten 211 (79 Prozent) dabeibleiben. In dieser Gruppe hatten im Anschluss nur 27 Prozent eine posttraumatische Belastungsstörung. Die Betroffenen verspüren ein starkes Gefühl der Hilflosigkeit, leiden an Alpträumen und ziehen sich aus dem alltäglichen Leben zurück.

Unabhängig von der Gruppenaufteilung sahen insgesamt 342 Angehörigen bei der Reanimation zu. 27 Prozent von ihnen hatten anschließend Symptome der psychischen Störung. Dagegen erkrankten 41 Prozent der Angehörigen, die nicht zugesehen hatten. Sie entwickelten außerdem häufiger Angstzustände oder Depressionen.

Zusehen, um zu verstehen

Die Anwesenheit bei der Reanimation könne Angehörigen im Todesfall das Gefühl vermitteln, dass alles für den Verstorbenen getan wurde, schreiben die Forscher. Außerdem könne die Familie sich verabschieden und den Tod leichter begreifen. "Die Patienten und die Angehörigen sollen die Chance haben, mitzubekommen, was bisher oft hinter verschlossenen Türen vor sich ging", sagt Böttiger. "Das baut Misstrauen ab."

In den europäischen Leitlinien zur Reanimation wird bislang eher vorsichtig darauf hingewiesen, dass es möglicherweise einen positiven Effekt auf Angehörige hat, wenn ihnen angeboten wird, bei der Wiederbelebung mit dabei zu sein. "Das wird nach der nächsten Überarbeitung wahrscheinlich sehr viel eindeutiger von uns formuliert sein", so der Intensivmediziner.

Es gibt aber auch Argumente gegen das Beisein von Angehörigen bei der Reanimation: So wird befürchtet, dass sie das Rettungsteam behindern und es durch die Beobachtung zusätzlichem Stress aussetzen. Außerdem sei die Gefahr erhöht, dass Angehörige klagen, befürchten Kritiker.

Angehörige sind kein Störfaktor

Die aktuelle Untersuchung widerlegt diese Ängste. Nach jedem Einsatz erhoben die Wissenschaftler den Stresslevel des Rettungsteams und erfassten, wie viele Patienten die Reanimation überlebten und wie häufig im Anschluss Klage eingereicht wurde. Demnach hatte die Anwesenheit der Familie keinen Einfluss. Insgesamt überlebten allerdings nur vier Prozent der Verunglückten die ersten 28 Tage nach der Wiederbelebung - eine vergleichsweise schlechte Bilanz.

"Notfallmediziner sind es gewohnt, in der Öffentlichkeit zu arbeiten", erklärt Böttiger. Etwa 30 Prozent der Herzstillstände fänden in der Öffentlichkeit und nicht Zuhause statt. "Reanimation ist nicht kompliziert. Man kann absolut nichts falsch machen, sonst würde auch niemand die Laienreanimation empfehlen", sagt er.

Den Patienten selbst wiederzubeleben, bevor der Rettungsdienst eintraf, versuchten gerade einmal 20 Prozent der Angehörigen. Damit schneiden die Franzosen im europaweiten Vergleich - genauso wie die Deutschen -schlecht ab. Hierzulande sind nur 15 Prozent der Menschen bereit, mit einer Herzdruckmassage zu helfen . Dabei kann der Einsatz verhindern, dass das Gehirn der Verunglückten dauerhaft beschädigt wird, bevor der Rettungsdienst eintrifft - und Leben retten.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Man sollte nur viel genauer hinsehen,
diskantus 18.03.2013
wo eine Reanimation Sinn macht. Denn sie kann auch in einem Wachkoma enden. Dann sind die Betroffenen eingeschlossen in ihrem Körper, bewegungs- und reaktionsunfähig. Eine Tortur. Für sie selbst und für Angehörige und Pfleger. Eine Verwandte von mir lag über 2 Jahre im Wachkoma, nach Reanimation nach einem Herzanfall (Bypässe, dazu COPD).
2. ...........
janne2109 18.03.2013
ich glaub's nicht, diese Überschrift! Nicht immer können Angehörige dabei sein.
3. warum...
zilpzslp 18.03.2013
... nur wird eine webside der Stiftung Deutsche Anästhesiologie angezeigt und nicht die, des GERC die in Deutschland die Guidelines der Wiederbelebung in allgemeinem Konsens zwischen Ärzeschaft, Rettugnsdiensten, Hilfsorganisationen und Pädagogen prägen? Klar.. Mund zu Mund Beatmung ist ja angeblich unnötig und "eklig". Wobei der Großteil der Wiederbelebungen doch im familiären Kreis statt finden. Hat man da Ekel? Und.. ja.. auch die Beatmung hat ihren Stellenwert und ist notwendig. @Spon: Machen Sie lieber Aufrufe für Erste Hilfe Kurse und die Frühdefibrillation... DAS rettet Leben!
4. wenn es so einfach wäre
ion72 18.03.2013
Die Laienreanimation zuhause ist wirklich im Ergebnis heikel, wie dikantus schreibt. Kündigt sich eine Herzattacke an, ist der Notruf schon getätigt und kommt es dann zum Herzstillstand - gut. Wird der Betroffene allerdings schon mit stehendem Herzen aufgefunden und hat der Rettungswagen einen langen Anfahrtsweg, so ist die Prognose schlecht. Leider werden zum Output sehr ungern differenzierte Zahlen veröffentlicht. Und so ein Appallisches Syndrom ist kein Zuckerschlecken.
5. Auf jedenfall dabeisein
mischpot 18.03.2013
Es soltle mehr Defibrillatoren geben und Schulungen über deren Anwendbarkeit damit keine wertvolle Zeit verloren geht einem Menschen zu helfen.
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  • Julia Merlot studierte Wissenschaftsjournalismus und begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft von SPIEGEL ONLINE.

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