Wir machen uns mal frei Der Alptraum beim Traumdeuter

Es gibt Dinge im Leben, an die sollte man glauben, oder man sollte sie lassen. Kartenlegen gehört dazu, Wahrsagen oder eben Traumdeuten. Frederik Jötten ist Skeptiker. Doch als ihn ein Alptraum quält, wagt er sich zum Experten - und erlebt eine Überraschung.

Wenn selbst das Kopfkissen gefährlich erscheint: Alpträume machen die Nacht zur Qual
Corbis

Wenn selbst das Kopfkissen gefährlich erscheint: Alpträume machen die Nacht zur Qual


Ich war schweißgebadet aufgewacht, wieder und wieder. Tagsüber konnte ich mich nicht mehr konzentrieren, ich war erschöpft - alles wegen eines Alptraums. "Wenn du wieder richtig schlafen willst, musst du dahinterkommen, was dir der Traum sagen will", riet mir eine Freundin. Ich war skeptisch, aber sie machte einen Termin mit einem Traumdeuter für mich.

Der Traumdeuter wollte meinen Traum schriftlich. Hier ist er: Ich hetze zum Bahnhof, schaffe es gerade noch in den Zug. Ich bin froh, ihn erreicht zu haben, als mein Blick auf ein Schild auf der Innenseite der Zugtür fällt. Da steht Milano - doch ich will nach Paris! Ich stürze nach draußen. Renne zu einem anderen Bahnsteig. Der Pfiff des Schaffners ertönt, ich reiße die Tür des richtigen Zuges auf. Stehe schweißgebadet und glücklich am Fenster, als er losfährt. In dem Moment merke ich, dass ich mein Gepäck im ersten Zug vergessen habe. Den sehe ich behäbig aus dem Gleis in Richtung Italien rollen. Mit dem verzweifelten Gefühl, nichts tun zu können, schrecke ich aus dem Schlaf hoch.

Ich schickte den Traum an den Traumdeuter. Er gab er mir einen Termin, zu dem ich anrufen sollte. Seine Stimme klang sanft. "Herr Jötten", sagte er, "was haben Sie gefühlt, als Sie in diesem Waggon standen?" - "Panik, mein Gepäck war ja weg…" - "Können Sie dieses Gefühl näher beschreiben?" - "Na ja, ich dachte, ich muss in den anderen Zug, konnte aber nicht, meine Sachen waren weg - es war ein Scheißgefühl…." - "Welche Farbe hatte das Innere des Zugs?" - "Das war ein deutscher Intercity, die haben diese grauvioletten Sitze…" - "Was fühlen Sie, wenn Sie daran denken?" - "Die Vorstellung eines deutschen Intercity-Waggons lässt mich ehrlich gesagt relativ kalt."

"Melden Sie sich noch mal, wenn Sie über Ihre Gefühle sprechen können"

Der Traumdeuter holte tief Luft. "So funktioniert das nicht", sagte er. "Sie müssen Ihren Assoziationen freien Lauf lassen." - "Es tut mir leid, aber in meiner Vorstellung waren die Sitze nun mal nicht knatschgelb…" Der Traumdeuter klang jetzt ein wenig ärgerlich. "Welche Farbe hatte der Zug, in dem Ihr Gepäck weggefahren ist?" Glücklich, mich daran noch erinnern zu können, sagte ich: "Ein weißer Zug mit grünen Streifen, ein italienischer Fernzug!"

Der Traumdeuter war einen Moment still. Dann sagte er: "Das macht keinen Sinn, Sie sind noch nicht bereit für eine Traumdeutung." - "Vielleicht träume ich einfach relativ realistisch?", antwortete ich. "Immerhin hetze ich wirklich jedes Mal, wenn ich mit dem Zug fahre, zum Bahnhof…" - "Melden Sie sich noch mal, wenn Sie über Ihre Gefühle sprechen können", sagte er.

Was sollte das denn? Der Typ hatte wohl nichts drauf. Weder kannte er sich mit dem europäischen Schienenverkehr aus noch mit Träumen, sonst hätte er doch merken müssen: Ich habe Angst, Züge zu verpassen und Gepäck zu vergessen - und am schlimmsten für mich wäre, wenn mir beides passiert. Den Alptraum habe ich bis heute, aber nur noch sehr selten, und seitdem ich ihn habe, habe ich nie mehr etwas im Zug vergessen.

Albträume - die wichtigsten Fragen
Wann treten Albträume auf?
Albträume kommen vorwiegend gegen Ende der Nacht im REM-Schlaf vor, einer Schlafphase, bei der sich die Augen schnell bewegen und der Puls steigt. Der Träumende hat intensive Ängste, die meist zwischen wenigen Minuten und einer halben Stunde andauern und mit Aufschrecken abrupt enden. Nach dem Aufwachen sind sich die Betroffenen in der Regel sofort bewusst, dass sie wach sind, und wissen, wo sie sich befinden.
Warum kommt es zu Albträumen?
Wissenschaftler kennen die Ursachen noch nicht. Sie gehen jedoch davon aus, dass unverarbeitetes Tagesgeschehen, traumatische Erlebnisse, Stress oder psychische Probleme zu Albträumen führen. Auch gibt es offensichtlich eine genetische Veranlagung, die manchen Menschen häufiger schlechte Traumerlebnisse beschert als anderen. Etwa fünf Prozent aller Menschen leiden regelmäßig unter Albträumen. Wer mindestens einmal die Woche schlecht träumt, gilt als chronischer Albträumer.
Wovon handeln Albträume?
Im Prinzip können Albträume von allem handeln, was Menschen Angst bereitet. Der am weitesten verbreitete Albtraum ist ein Fall aus großer Höhe. Bei einer Umfrage des GFK-Marktforschungsinstituts unter 2000 Deutschen berichteten rund 40 Prozent von derartigen Träumen. Etwa jeder Vierte wurde in seinem Traum schon einmal verfolgt, war plötzlich gelähmt oder kam zu spät zu einem wichtigen Termin. Jeder Fünfte träumte vom Tod einer nahestehenden Person. In der Regel können sich die Betroffenen nach einem Albtraum noch detailliert an den Inhalt erinnern.
Was für Folgen können Albträume haben?
Albträume stören den Schlaf: Die Betroffenen schrecken schweißgebadet hoch und fürchten, dass sich der Horror fortsetzt, wenn sie wieder einschlafen. Tagsüber rächt sich der Schlafmangel. Die Konzentration leidet, die Menschen sind erschöpft, ihre Lebensqualität verschlechtert sich. Bei chronischen Alpträumen kann es dazu kommen, dass sich die Betroffenen zurückziehen, ängstlich werden und sich davor fürchten, abends ins Bett zu gehen.
Wie lassen sich Albträume therapieren?
Eine Methode, um vor allem regelmäßig auftretende Albträume positiv zu beeinflussen, kann das Klarträumen sein. Dabei macht sich der Träumer seinen (alb-)träumenden Zustand bewusst und kann den Traumverlauf steuern. Eine andere Möglichkeit ist, Träume direkt nach dem Aufwachen niederzuschreiben. Tagsüber sollten die Betroffenen sie dann in Gedanken noch einmal durchspielen und positiv enden lassen, um dem Inhalt den Schrecken zu nehmen.



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
kalumeth 29.06.2012
1. Träume besser selber reflektieren
Zitat von sysopCorbisEs gibt Dinge im Leben, an die sollte man glauben, oder man sollte sie lassen. Kartenlegen gehört dazu, Wahrsagen oder eben Traumdeuten. Frederik Jötten ist Skeptiker. Doch als ihn ein Alptraum quält, wagt er sich zum Experten - ein schwerwiegender Fehler. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/0,1518,816433,00.html
Manchmal fassen unser Träume gefühltes Alltagsleben gut zusammen. (Seltener mal gefühlte Ahnungen der Zukunft - ganz gleich oft nun eintreffend oder nicht..) Träume machen unsere subjektiven Ängste deutlich. Solche oft auf der Hand liegenden Erkenntnisse kann man gut selbst reflektieren. Dazu braucht es nun wirklich keinen "professionellen" Traum-Experten.
avnas_ 29.06.2012
2. Deutungsversuch
Ich bin kein Traumdeuter, befasse mich aber seit einigen Jahren intensiv mit dem Thema. Deshalb wage ich mich mal an einen Deutungsversuch: Für mich würde dieser Traum, stark vereinfach, auf die Angst vor (zu schnellen) Entscheidungen, die das eigene Leben betreffen, hinweisen. Ein Zug bzw. das Fahren mit einem Zug kennzeichnet für mich immer einen Weg, den man einschlägt und der sich dann (bis zum nächsten Halt) auch nicht mehr korrigieren lässt. Der überstürzte Wechsel in den anderen Zug zeigt das ja sehr treffend. Das Gepäck sehe ich dabei symbolisch für Dinge, die man fürchtet zu vergessen, wenn man gezwungen wird, sich schnell um zu entscheiden. Sie bleiben sprichwörtlich liegen, auf der anderen „Strecke“. ;-) Für mich persönlich würde ich daraus entnehmen, dass ich (aus der unbewussten Sicht) geneigt bin zu sprunghaft zu handeln, mit der Gefahr, Dinge die mir wichtig sind zu verlieren. Die Lösung im Traum wäre vielleicht, den Zug einfach zu verlassen und sich neu zu orientieren. Das lässt sich problemlos auf die Realität beziehen … Die Deutung hat natürlich keinen Anspruch auf Richtigkeit. Letztlich sind die inneren Bilder immer etwas ganz persönliches und abhängig von dem, was man mit ihnen verbindet. Deshalb hat der „Traumdeuter“ vermutlich versucht die Emotionen aufzuarbeiten. Gruß, Avnas
rennflosse 29.06.2012
3. Zu spät
Zitat von sysopCorbisEs gibt Dinge im Leben, an die sollte man glauben, oder man sollte sie lassen. Kartenlegen gehört dazu, Wahrsagen oder eben Traumdeuten. Frederik Jötten ist Skeptiker. Doch als ihn ein Alptraum quält, wagt er sich zum Experten - ein schwerwiegender Fehler. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/0,1518,816433,00.html
Ich erlebe Träume als eine Mixtur aus Erlebtem, Gesehenem (durchaus auch im TV), Wünschen und Ängsten. Ein Traum, der immer mal wiederkehrt, läßt mich in verschiedenen Varianten auf ein Ziel hin bewegen und dabei läuft angesichts verschiedener Hindernisse die Zeit weg bis zur Unmöglichkeit, das Ziel innerhalb der vorgegebenen Zeit erreichen zu können. In der Tat eine Angst vorm Zuspätkommen. Was mir auffällt, ist das gewisse Chaos im Traum, die schnellen Szenenwechsel, das Durcheinander. Dafür habe ich auch eine Erklärung: Im Wachzustand gibt es eine Wahrnehmungsebene und eine gedankliche Ebene. Das geistige Auge und das tatsächliche sozusagen. Die tatsächliche Wahrnehmung steht deutlich über der gedanklichen und überlagert sie klar. Alles andere wäre auch höchst gefährlich. Im Traum aber gibt es keine Wahrnehmungsebene, da stehen alle gedanklichen Bilder gleichwertig neben einander. Ein Beispiel: Ich bin zu Fuß unterwegs und stelle mir vor, ich würde viel lieber mit dem Auto fahren. Natürlich bleibe ich Fußgänger. Im Traum aber wechselt die Szene tatsächlich, eben noch zu Fuß bin ich jetzt Autofahrer. Das sind so meine eigenen "Beobachtungen" ohne wissenschaftlichen Wert natürlich.
Sleeper_in_Metropolis 29.06.2012
4.
Hm. Ich bin sicherlich auch kein gelernter Traumdeuter, aber pauschal würde ich meinen : Zuviel beruflicher Streß, hauptsächlich selbst gemacht ? Dieses Hetzen und die Angst vor'm verpassen klingen irgendwie danach, würde ich vermuten.
michaalb 29.06.2012
5. Ein Standard-Traum
Zumindest träume ich den auch schon seit Jahren - allerdings in verschiedenen Varianten, die mir die Deutung erleichtern. Variante 1: Durch Bahnhof irren, um noch den wichtigen Zug zu erreichen. Im Zug dann die Feststellung, dass ich mein Gepäck, einen Mitreisegast o. ä. vergessen habe. Variante 2: Durch fremde Stadt irren, da ich den Anschluss an meine Truppe verpasst habe. Variante 3 & 4: Durch ein Schul- oder Bürogebäude irren, wo eine wichtige Aufgabe auf mich wartet. Auf dem Weg feststellen, dass ich meine Aktentasche nicht dabei habe oder mich nicht auf die Aufgabe vorbereitet habe. Klare Konstanzen in allen Varianten: a) den Weg zum Ziel finden. b) irgendetwas immer vergessen (auch gerne der Klassiker "nackt"). Für mich ist meine persönliche Deutung klar: Zukunftsängste (Weg finden, herumirren) gepaart mit Versagensängsten (Vergessen von wichtigen Dingen, mangelnde Vorbereitung). Schon faszinierend, dass der heutige Mensch offensichtlich beim Träumen auf eine gemeinsame Symbolik zurückgreift. Dem Autor möchte ich erstens "Freud - Traum und Traumdeutung" empfehlen. Das Buch hat zwar schon etwas Patina angesetzt, aber es ist m. E. wirklich hilfreich, wenn man sich selbst mit seinen Träumen auseinandersetzen möchte (und die typisch freudschen sexualfixierten Schlusskapitel ignoriert). Ansonsten würde ich an Stelle des Autors darüber nachdenken, ob die Ziele "Milano" und "Paris" einen persönlichen Hintergrund haben. Das ist sicher interessanter, als die Farbe der Sitzpolster.
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