Suchterkrankungen Was Zigaretten mit TTIP zu tun haben

Das "Jahrbuch Sucht" dokumentiert, wie viele Menschen in Deutschland an einer Abhängigkeit leiden. Aktuell beschäftigen sich die Experten auch mit dem umstrittenen Freihandelsabkommen TTIP.

Durchschnittlicher Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland: 1004 Zigaretten
REUTERS

Durchschnittlicher Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland: 1004 Zigaretten


Die meisten Menschen, die in Deutschland an einer Abhängigkeit leiden, konsumieren Legales: Alkohol, Tabakprodukte oder Medikamente. Oder sie spielen an ebenso legalen Glückspielautomaten. Dies berichtet die Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in ihrem "Jahrbuch Sucht". Insbesondere Männer sowie männliche Jugendliche sind demnach von Abhängigkeiten betroffen.

Die DHS äußert sich zum geplanten Freihandelsabkommen TTIP. Sie plädiert dafür, dass Tabakprodukte aus dem Abkommen ausgeschlossen werden sollen. Dies sei etwa beim transpazifischen Freihandelsabkommen (TPP) der Fall. Sie warnt, dass die Tabakindustrie das Abkommen sonst für sich nutzen könne. Beispielsweise nehme Philip Morris die Bestimmungen von Handelsabkommen zum Anlass, um nationale Gesundheitsgesetze juristisch anzugreifen. Unter anderem hat der Konzern Australien verklagt - wegen der Entscheidung, dass Zigaretten nur noch in Einheitsverpackungen verkauft werden dürfen.

Etwa 3,4 Millionen Erwachsene haben laut dem Jahrbuch einen problematischen Alkoholkonsum oder sind alkoholsüchtig. Im Schnitt trinke jeder Deutsche 9,6 Liter reinen Alkohol pro Jahr in Form von 137 Litern alkoholischer Getränke. 2014 starben nach Angaben der DHS 74.000 Menschen infolge des Alkoholkonsums beziehungsweise an den Folgen des kombinierten Konsums von Tabak und Alkohol.

Der Zigarettenkonsum habe insgesamt leicht zugenommen. Aber: Die Jugendlichen rauchen deutlich seltener. Unter den 12- bis 17-Jährigen sagten lediglich elf Prozent der Jungen und neun Prozent der Mädchen, dass sie rauchten. Das seien so wenige wie nie zuvor seit Beginn der Datenerhebung.

An den Folgen des Rauchens starben im Jahr 2014 etwa 121.000 Menschen in Deutschland, heißt es im Jahrbuch.

Die viel diskutierten E-Zigaretten probieren jugendliche Nichtraucher nur sehr selten: Gerade einmal ein bis zwei Prozent von ihnen gaben an, sie im Jahr 2014 getestet zu haben.

Von Medikamenten abhängig sind Schätzungen zufolge 1,9 Millionen Menschen in Deutschland. Sie nehmen meist sogenannte Benzodiazepine, die zu den Beruhigungsmitteln zählen. Betroffen sind in erster Linie ältere Frauen. Die DHS berichtet, dass die in Apotheken verkauften Benzodiazepine ausreichten, um 1,2 bis 1,5 Millionen Abhängige zu versorgen.

Mehr Prävention fordert die DHS insbesondere beim Glücksspiel. Die Einnahmen stiegen in Deutschland, obwohl Casinos weniger umsetzten. Dies liege an einem Zuwachs von Glücksspielautomaten, die in Gaststätten und Imbissbetrieben hängen. Die Organisation fordert ein Verbot der Geräte an diesen Orten: Wo kein Automat hänge, könne auch der Jugendschutz nicht unterlaufen werden.

Weniger als fünf von 1000 Menschen im Alter von 15 bis 64 Jahren sind von illegalen Drogen abhängig - das sei im europäischen Vergleich eine niedrige Zahl. 1032 Menschen starben 2014 infolge des Rauschmittelkonsums.

wbr

insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
frankenbaer 03.05.2016
1. Kurz und bündig:
TTIP ist ein Trojanisches Pferd!
klangschmied 03.05.2016
2.
etwas über 1000 tote bei Rauschmittel (das schliesst härtere Drogen als THC ein) gemessen an über 70k bei Alkohol und 120k Zigaretten... und nun bitte nochmal wie gefährlich das 'spritzen' von Marihuana ist. lmao
cyoulater 03.05.2016
3. Ja, super!
"Unter anderem hat der Konzern Australien verklagt - wegen der Entscheidung, dass Zigaretten nur noch in Einheitsverpackungen verkauft werden dürfen." Prima, sowas landet dann in Zukunft vor mauscheligen Schiedsgerichten, und Konzerne können nationales oder europäisches Recht aushebeln. Große Klasse, und in dieses Messer rennt Frau Merkel ganz freiwillig.
ulfD 03.05.2016
4.
Zitat von klangschmiedetwas über 1000 tote bei Rauschmittel (das schliesst härtere Drogen als THC ein) gemessen an über 70k bei Alkohol und 120k Zigaretten... und nun bitte nochmal wie gefährlich das 'spritzen' von Marihuana ist. lmao
sau gefährlich! davon lebt eine ganze Industrie! was treiben denn die ganzen Suchtberater, Gutachter Polizisten wenn der Stoff legal wird?
AxelSchudak 03.05.2016
5. CETA dazu...
Es stimmt zwar, das der Aspekt "indirekte Enteignung" die Wirkung von Gesetzten auf dem Marktwert eines "Investments" Entschädigungspflichtig machen kann. Es gibt aber dazu zumindest hierfür eine Zusatzklausel in Annex 8-A.3 (S 331): "3. For greater certainty, except in the rare circumstance when the impact of a measure or series of measures is so severe in light of its purpose that it appears manifestly excessive, non-discriminatory measures of a Party that are designed and applied to protect legitimate public welfare objectives, such as health, safety and the environment, do not constitute indirect expropriations." Wenn also "legitime öffentliche Ziele" betroffen sind, gilt diese Klausel nicht. Es bleibt den Anwälten natürlich immer noch, das "legitim" zu bestreiten oder als "offensichtlich exzessiv" (manifestly excessive) zu bewerten, und schon ist zumindest der Prozess wieder in Gang und kann so einige Millionen kosten. Das ist auch ein Hauptkritikpunkt des Gutachtens der für dir britische Regierung gemacht wurde - das hohe Kosten alleine aufgrund von Verfahren verursacht werden, die wenig bis keine Aussicht auf Erfolg haben. PM könnte also vermutlich klagen, würde aber mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit am Ende scheitern. Zumindest mit CETA.
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