Übergewicht: Geringschätzung macht Dicke psychisch krank

Von Dennis Ballwieser

Zu dicken Menschen fällt jedem etwas ein: Sie sind selbst schuld, sollten sich mehr bewegen, einfach weniger essen. Leipziger Forscher haben jetzt festgestellt, dass die öffentliche Meinung die Übergewichtigen krank macht - und das Abnehmen zusätzlich erschwert.

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Übergewichtige in der Öffentlichkeit: Ständig unter Beobachtung

Krankhaft Übergewichtige haben gegenüber vielen anderen chronisch Kranken einen Nachteil: Man sieht ihnen ihr Problem an. In der U-Bahn, am Arbeitsplatz. Vom Freibad, in das sie nicht mehr gehen, ganz zu schweigen. Die Meinung vieler schlanker Menschen über Dicke ist so klar wie einfach strukturiert: Wer zu viel wiegt, ist selbst schuld, schließlich könnte er ja abnehmen.

Ausgeblendet wird dabei, dass kaum ein Verhalten so schwierig zu ändern ist wie das Essen. Was lebenslang gelernt wird und sich über Jahre oder Jahrzehnte festigt, lässt sich nur mühsam dauerhaft ändern. Erschwert wird der Versuch von einer Umwelt, die Kalorien billig und im Überfluss bereithält.

Stigmatisierung begünstigt Depression und Angst

Die negative öffentliche Wahrnehmung verstärkt die gesundheitlichen Probleme übergewichtiger Menschen, hat jetzt eine Befragung der Universität Leipzig ergeben. Mit Hilfe von Fragebögen erfassten die Wissenschaftler von 1158 übergewichtigen Deutschen, wie sie mit typischen Vorurteilen gegenüber Dicken umgehen, wie sie diese auf sich selbst anwenden, sich selbst stigmatisieren - und wie sich das auf ihr Risiko für gesundheitliche Probleme auswirkt.

Übergewichtige und adipöse - also stark übergewichtige - Menschen leiden demnach unter der Stigmatisierung ihrer Körperfülle. Selbstachtung und Selbstvertrauen nehmen ab, Ängste und Depressionen werden wahrscheinlicher, schreiben Anja Hilbert und ihre Kollegen im Fachmagazin "Obesity" . Übergewichtige und Adipöse übernehmen laut der Studie die gängigen Vorurteile: Sie halten sich für faul, undiszipliniert und selbst schuld an ihrem Übergewicht.

Besonders stark trifft das auf Menschen zu, die über sich selbst sagen, sie seien zu dick. Zugleich steigt das Risiko für Symptome einer Angststörung oder einer Depression bei den Betroffenen. Je höher der Body-Mass-Index (BMI) der Befragten war, desto schwerwiegender wurde die Selbststigmatisierung. Frauen sind stärker betroffen als Männer.

"Wenn das negative Fremdbild zum Selbstbild wird, benötigen diese Menschen psychotherapeutische Hilfe, um das schädliche Selbststigma zu überwinden", sagt Studienautorin Hilbert. "Auch in der Behandlung der Adipositas ist es wichtig, darauf zu achten und es nicht weiter zu vertiefen." Die Leipziger Forscher fürchten, dass unter dem negativen Selbstbild auch die Bemühungen der Betroffenen leiden abzunehmen - wofür es allerdings noch keine Studienbelege gibt. Bisherige Untersuchungen lieferten dazu widersprüchliche Ergebnisse.

Ärzte und Pflegekräfte machen Dicke für ihr Leid verantwortlich

Überrascht hat die Forscher, dass stark übergewichtige Menschen nicht seltener medizinische Hilfe suchen, sondern häufiger. Das deckt sich allerdings mit früheren Untersuchungen, die steigende Krankheitskosten mit zunehmendem Übergewicht ergeben hatten. Die Hilfesuche bei Ärzten könnte auch ein Hinweis darauf sein, dass die Betroffenen nicht glauben, sich noch selbst helfen zu können - ein typisches Problem depressiver Patienten. Inwieweit auch Übergewichtige unter dieser gelernten Hilflosigkeit leiden, ist noch nicht untersucht.

Aus früheren Studien ist auch bekannt, dass Übergewichtige seltener Vorsorgeuntersuchungen und Früherkennungsprogramme nutzen als Normalgewichtige. Eine Erklärung ist, dass sie auch beim Arzt fürchten, stigmatisiert zu werden - wofür es wiederum Belege gibt: Ärzte und Pflegekräfte haben gegenüber Dicken die gleichen Vorurteile wie die Allgemeinbevölkerung. Sie sind weniger motiviert, Übergewichtige zu behandeln, und wenden für dicke Patienten weniger Zeit auf als für schlanke, schreiben die Autoren.

Die von der Uni Leipzig und dem Bundesforschungsministerium finanzierte Studie ist für Deutschland repräsentativ. Problematisch ist, dass die Befragten Körpergewicht und Größe zur BMI-Berechnung selbst angegeben haben, wodurch üblicherweise zu niedrige Werte erfasst werden. Zudem wäre eine persönliche Befragung mit einer Untersuchung des Patienten genauer als eine reine Fragebogenumfrage.

Die Forscher regen an, die Auswirkungen der Selbststigmatisierung Übergewichtiger auf das Leben der Betroffenen zu untersuchen. Nahe liegend wäre, dass die Schuldzuweisung an die Übergewichtigen, für ihre Beschwerden selbst verantwortlich zu sein, die Lösung des Problems erschweren könnte.

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1. .
frubi 06.08.2013
Zitat von sysopZu dicken Menschen fällt jedem etwas ein: Sie sind selbst schuld, sollten sich mehr bewegen, einfach weniger essen. Leipziger Forscher haben jetzt festgestellt, dass die öffentliche Meinung die Übergewichtigen krank macht - und das Abnehmen zusätzlich erschwert. Übergewicht: Ächtung von Dicken macht psychisch krank - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/uebergewicht-aechtung-von-dicken-macht-psychisch-krank-a-915007.html)
Natürlich werden wir Dicke (gehöre NOCH dazu) gering geschätzt. Das spürt man ja an jeder Ecke. Es darf aber für keine dicke Person eine Ausrede sein. Ich habe Anfang dieses Jahres einen Turnaround gehabt und mein gesamtes Leben auf den Kopf gestellt. Ich habe nie gefressen wie manch ein anderer aber ich habe zu doofen Zeiten das falsche gegessen (Döner zum Feierabend um 21:00 Uhr etc,). Zudem ist die Bewegung ein Knackpunkt gewesen. Mitlerweile gehe ich zu Fuß zur Arbeit und habe dadurch allein 90 Minuten Bewegung am Tag, Es nervt aber es hilft. Diätpläne von Promis, Fitness-Stuido oder Personal-Coach braucht niemand. Einfach zu Hause ganz normal Sit-ups, Liegestütze, Kniebeugen und den ganzen anderen Kram machen und schon wird es besser. Ich wiege mich nicht, weil die Zahlen einen demotivieren aber vor einer WOche habe ich mal nachgesehen. 28 Kilogram sind in 6 Monaten runter. Meine Beweglichkeit hat sich enorm verbessert. Dennoch empfinde ich (noch) keine Zufriedenheit. Es ist irgendwie seltsam. Das Phänomen, dass Dicke ausgegrenzt werden, ist ja nichts neues. Meiner Meinung nach liegt es aber daran, dass sich viele Menschen eher am Leid anderer aufgeilen. Deswegen gibt es auch dermaßen viel Trash-TV. Viele Dicke schieben sich aber auch regelmäßig Depressionsfilme und glauben, dass man sowieso nichts ändern kann. Das stimmt nicht. Ich esse an einem Tag in der Woche richtig gut und viel. Das kann man sich erlauben, wenn man die anderen 6 Tage recht bescheiden mampft und sich viel bewegt. Die Vorfreude auf den Tag der Sünde ist der Wahnsinn und motiviert unter der Woche. Man muss nicht alles komplett ändern. Man sollte nur damit anfangen, überhaupt etwas ändern zu wollen.
2. Meine Oma, ...
noeufmaison 06.08.2013
... eine alte Landfrau, hat die Problematik mit dem Satz zusammnegefasst: "Jedes Pfund geht durch den Mund!". Und zwra durch den Mund des Übergewichtigen, nicht durch den dessen Betrachters ...
3. Und nun?
u30 06.08.2013
Die öffentliche Meinung, dass Dicke an ihrem Übergewicht selbst Schuld sind ist belastend. Was genau soll man jetzt machen? Sich in die Tasche Lügen? Sorry, aber man kann auch nicht alle Verantwortung für sich abgeben!
4. Es sind immer die anderen schuld
mopsfidel 06.08.2013
Bei H4-Empfänger ist das System schuld, dass sie keine Arbeit finden. Bei Dicken sind die Schlanken schuld daran. Und Raucher würden gern aufhören, aber die Nichtraucher sind ja so intolerant.
5. Soziale Kontrolle ist wichtig
ditor 06.08.2013
Natürlich ist es ein Elend wenn krankhaft Übergewichtige an der Geringschätzung zu leiden haben. Aber ohne diese Art der sozialen Kontrolle würde "der normale Dicke" immer noch einen oben drauf satteln, mit den bekannten schädlichen Folgen.
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  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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