Verhaltenstherapie Ich bin stärker als die Angst

In der Therapie lernen Patienten, sich ihren Ängsten auszusetzen. Dabei müssen sie alles Gewohnte hinterfragen: ihre Gefühle, ihre Gedanken, ihr Verhalten. Ein Besuch bei Menschen, die sich das trauen.

Frau in Menschenmasse
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Frau in Menschenmasse

Von Vinzent Leitgeb


Eine Woche durfte Thomas Huber* schweigen. Um sich einzugewöhnen. Jetzt muss er reden. Vor elf anderen Menschen. Über seine Familie und den Beruf. Über all die Alltagssituationen, die ihm so schwerfallen. Über den Leistungsdruck, den er in Gruppen spürt, um akzeptiert zu werden. "Ich habe am Abend noch lange darüber nachgedacht", erzählt er einen Tag später denselben Zuhörern. Er ist nervös, rutscht auf seinem Stuhl herum. "Bisher konnte ich von mir wegschieben, dass es eine Krankheit ist."

Huber hat eine soziale Phobie. Seit einer Woche ist er in der Gruppentherapie der Tagesklinik Westend in München. Sechs Männer und drei Frauen zwischen 20 und 60 Jahren sitzen dort im Stuhlkreis. Sie haben entweder die gleiche Diagnose wie Huber oder kämpfen gegen eine generalisierte Angststörung. Manche sind fast am Ende der sechswöchigen Behandlung. Andere haben die Hälfte der Zeit hinter sich oder fangen gerade erst an, so wie Huber. Zeitversetzt durchlaufen sie das gleiche Programm. Abends gehen sie nach Hause, um sich dem gewohnten Umfeld zu stellen.

Das ganze Jahr über bietet die Tagesklinik Westend diese Form von Angsttherapie an. In Deutschland gibt es rund 700 vergleichbare Einrichtungen, dazu kommen die vielen Einzelpraxen niedergelassener Spezialisten. In besonders schweren Fällen betreuen Fachkliniken Angstpatienten außerdem stationär.

Die Angst verstehen

Generalisierte Angststörungen gehören neben den Phobien zu den häufigsten Angsterkrankungen. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung haben einmal in ihrem Leben generalisierte Ängste. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Etwa dreißig Prozent aller Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Panikattacke.

Die genauen Behandlungsarten variieren von Haus zu Haus, doch sie folgen im Kern der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT). Darin geht es darum, sich über seine eigenen Gedanken, Gefühle und Einstellungen klar zu werden und das Verhalten zu verändern. In zahlreichen Studien wurde die positive Wirkung der KVT nachgewiesen, viele Betroffene können durch sie wieder normal leben, bei einem Großteil führt sie zu einer deutlichen Besserung der Situation.

Huber steht erst am Anfang. Als erstes muss er lernen, seine Situation zu verstehen. Dieses Zusammenspiel aus falsch eingeprägtem Verhalten, übersteigerten Gefühlen und Gedanken, wie es in der KVT beschrieben wird.

Das erste Gespräch, das er hatte, nennen Psychologen die "Problembereichsanalyse". Denn vielen Patienten ist genau wie Huber der Umfang der eigenen Phobie überhaupt nicht klar. Manche haben sogar seltener Angst als Menschen ohne Phobien. Der Grund: Sie meiden jede Situation, in der sie sich unwohl fühlen könnten. Und meistens glauben sie nicht, dass sie eine Therapie brauchen, obwohl sie sich selbst immer weiter einschränken.

Falsches Verhalten korrigieren

Heute soll Huber seine Therapieziele formulieren: Was möchte er in fünf Wochen erreicht haben? Die Frage soll er selbst beantworten, die Gruppe darf helfen. Huber denkt still nach und spricht dann leise. Er möchte Menschen mehr an sich heranlassen, seine Gefühle besser erkennen und dann richtig handeln. Die Psychologin Katharina Strömsdörfer leitet die Gruppe. An der Wandtafel notiert sie Hubers Ziele mit. Immer wieder hakt sie nach oder lässt einzelne Punkte diskutieren. "Richtig handeln", das sei ein hoher Anspruch. Wie wäre es mit "angemessen handeln"? Huber nickt.

Thomas Hubers Therapieziele
Vinzent Leitgeb

Thomas Hubers Therapieziele

Die KVT leitet zur Selbsthilfe an. Nachdem der Patient den Kern seiner Phobie verstanden und seine Therapieziele festgelegt hat, muss er nun seinen eigenen Alltag beobachten und jene Situationen protokollieren, die bei ihm Angst auslösen. Er muss lernen, dass die jeweilige Reaktion falsch ist, und darüber nachdenken, wie er sein Verhalten künftig korrigieren kann.

Muss ich sterben?

Später im Verlauf der Therapie wird Huber sich denselben Situationen gezielt aussetzen - in Begleitung. Die Therapeuten erarbeiten dazu mit dem Patienten konkrete Angsthierarchien. Wann fürchtete er, ohnmächtig zu werden oder sogar zu sterben? Wann hatte er nur einen erhöhten Pulsschlag und Schweißausbrüche? Weniger bedrohliche Situationen werden zuerst geübt. Dadurch nimmt der Patient direkt Erfolge wahr und geht die schwierigeren Übungen motivierter an.

Bei den ersten Konfrontationen kommen in der KVT oft Medikamente zum Einsatz. Die Leitlinie Angststörungen empfiehlt Patienten sogenannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Sie sollen bewirken, dass der Patient weniger Angst verspürt, emotional ausgeglichener wird und so den Alltag etwas distanzierter erlebt. Situationen, die früher kritisch waren, soll er so einfacher bewältigen und sich ihnen später entspannter stellen können.

Je ausgeprägter die Symptomatik ist, umso wichtiger sind die Medikamente. Gerade Patienten mit einer zweiten Diagnose - wie einer Depression, Zwangsstörung oder Sucht - sind meist auf sie angewiesen. Dennoch unterstützen Medikamente die Therapie lediglich und sind kein Ersatz. Eine angemessene Psychotherapie behandelt auch die Ursachen der Krankheit und nicht nur die Symptome.

"Meine Eltern haben mich oft allein gelassen"

In der Gruppensitzung der Tagesklinik Westend ist gerade eine Pause zu Ende. Huber hat seine Therapieziele formuliert. Jetzt dreht sich alles um Michael Trapp*. Seit vier Wochen ist er hier. Trapp leidet unter einer sozialen Phobie und Zwangsstörung. Nach vielen Gesprächen und Übungen ist er bereits deutlich offener als Huber. Heute früh hatte er sich sogar freiwillig gemeldet, um über einen Familienkonflikt von letzter Nacht zu sprechen. Es waren private Gedanken. Als sein Sitznachbar mitten in der Erzählung einen Witz machte, lachte er trotzdem mit.

Jetzt aber geht es um mehr als um kritische Situationen und Probleme. Die Psychologin Strömsdörfer möchte mit Trapp ein sogenanntes biopsychosoziales Modell seiner Krankheit erstellen. Es soll veranschaulichen, welche Faktoren in Trapps Biografie seine Ängste ausgelöst haben. Außerdem soll es auf eine Blick zeigen, was die Angstzustände seither aufrechterhalten oder verstärkt hat. Wenn Trapp in zwei Wochen die Gruppe verlässt, kann das Modell als eine Art Spickzettel dienen, damit er nicht in alte Muster verfällt.

Auf die Tafel schreibt Strömsdörfer: "Oft von Eltern allein gelassen." Diesen Halbsatz hatte Trapp in einer früheren Sitzung über die Beziehung zu seinen Eltern gesagt. Wie er die Situation bewältigt habe? Er habe sich in Traumwelten geflüchtet, antwortet Trapp. Auf Nachfrage ergänzt er konkrete Erlebnisse, die damals Angst in ihm hervorriefen.

Langsam entwickelt sich das Bild eines Kreislaufs: Die ersten negativen Erlebnisse führen zu sozialem Rückzug, zu geringem Selbstbewusstsein, zu wachsenden Ängsten vor Fehlern in Gruppen. Die Tafel wird voller. Trapp versuche daher stets Fehler zu vermeiden, er sei wachsamer als andere, konzentriere sich, sei ständig angespannt. Er werde dadurch anfälliger für Stress, Schlaflosigkeit, Erschöpfung. Und natürlich für neue Ängste.

Facetten der Angst
Arten der Angststörung im Überblick
Eigentlich ist Angst ein Instinkt und natürlicher Schutzmechanismus. Doch Millionen Deutsche leiden unter krankhafter Angst. Wie äußert sich das? Welche Typen der Angststörung gibt es? Und welche Berühmtheiten leiden darunter?
Generalisierte Angststörung
Wovor besteht die Angst? Betroffene haben übermäßige Angst vor einem Unglück oder einer Erkrankung. Sie machen sich viele unbegründete Sorgen um alltägliche Lebensumstände wie ihren Beruf oder befürchten, dass den eigenen Kindern schlimme Dinge wie etwa Unfälle passieren könnten.

Was macht die Angst mit Betroffenen? Die übermäßigen Sorgen sind unkontrollierbar, und Betroffene können sie nicht unterdrücken. Beispiel: Während eines wichtigen beruflichen Termins wird der Betroffene die Angst nicht los, den Kindern könnte auf dem Schulweg etwas zugestoßen sein. Anders als bei anderen Angststörungen lassen sich angstauslösende Situationen nicht vermeiden, weil die Angst nicht mit konkreten Situationen verbunden ist. Die Folge: Betroffene sind ruhelos und unkonzentriert und selbst nach einfachen Tätigkeiten schnell müde. Im schlimmsten Fall lässt die Angst keine Kraft mehr für die alltäglichen Aufgaben.

Berühmte Betroffene der Angst: Die Schriftstellerin Charlotte Roche sprach in einem Interview über ihre Angststörung: "Ich habe Angst vor Einbrechern oder dass meiner Familie etwas zustößt. Ich hatte sogar eine Zeit lang Angst, dass plötzlich die Erdanziehung nicht mehr da ist und wir alle wegfliegen."
Agoraphobie
Wovor besteht die Angst? Die Agora war in der griechischen Antike der zentrale Marktplatz. Agoraphobie ist die Angst vor öffentlichen Plätzen, Menschenmengen, weiten Reisen oder Reisen ohne Begleitung. Dahinter steht eine Angst vor Kontrollverlust: Betroffene befürchten zum Beispiel, dass sie im Falle einer Panik oder einer Peinlichkeit nicht schnell genug flüchten können.

Was macht die Angst mit Betroffenen? Sie vermeiden die Öffentlichkeit. Um etwa nicht in den Supermarkt gehen zu müssen, lassen sich Betroffene das Essen nach Hause liefern. In besonders ausgeprägten Fällen sind sie völlig an das eigene Zuhause gebunden und können es wochen- oder gar monatelang nicht verlassen.

Berühmte Betroffene der Angst: Der Regisseur Woody Allen leidet unter Agoraphobie, ebenso die Hollywood-Schauspielerin Kim Basinger.
Spezifische Phobie
Wovor besteht die Angst? Bei einer spezifischen Angststörung können Betroffene sehr genau benennen, wovor sie sich fürchten. Entweder sind es Objekte, beispielsweise Spinnen oder Spritzen, oder eine Situation, zum Beispiel einen Ort in großer Höhe. Die Anzahl der Dinge, die Angst auslösen können, ist fast unbegrenzt.

Was macht die Angst mit Betroffenen? Die Angst wird größer, je näher das Objekt oder die Situation kommt - und zwar jedes Mal, wenn das geschieht. Betroffene vermeiden deshalb solche Situationen aktiv, was auch zu speziellen Verhaltensmustern führen kann: Um beispielsweise zu sehen, ob eine Spinne im Raum ist, muss stets das Licht an sein, bevor der Betroffene ihn betritt.

Berühmte Betroffene der Angst: Johann Wolfgang von Goethe litt unter Höhenangst. Er besiegte sie nach eigener Aussage, indem er auf den Turm des Straßburger Münsters stieg. Goethe schrieb: "Dergleichen Angst und Qual wiederholte ich so oft, bis mir der Eindruck ganz gleichgültig ward."
Soziale Angststörung
Wovor besteht die Angst? Bei einer sozialen Angststörung fürchtet man sich davor, von anderen Leuten negativ bewertet zu werden. Nicht zu verwechseln mit Schüchternheit: Auch Menschen ohne Angststörung sind oft aufgeregt, wenn sie etwa eine öffentlich Rede halten müssen. Menschen, die unter einer sozialen Phobie leiden, machen Situationen, in denen sich die Aufmerksamkeit auf sie richtet, allerdings viel stärker zu schaffen. Bewegen sie sich in einer anonymen Menschenmasse, ist die Angst kein Problem. Überschaubare Gruppen wie ein Kaffeekränzchen im Familienkreis können dagegen Probleme bereiten.

Was macht die Angst mit Betroffenen? Entweder sie vermeiden sozialen Kontakt - oder sie ertragen die Situationen. Dabei erleben sie intensive Angstsymptome: Herzrasen, Zittern, Schwitzen, Erröten, Harn- oder Stuhldrang. Im schlimmsten Fall steigert sich das zu einer Panikattacke. Das Problem: Betroffene befürchten, dass man ihnen die Angstsymptome ansehen könnte.

Berühmte Betroffene der Angst: 2004 erhielt Elfriede Jelinek den Literaturnobelpreis, den sie wegen ihrer sozialen Angststörung nicht persönlich in Empfang nahm. Auch die Sängerin Adele hat Angst vor der großen Bühne - es ist mehr als nur ein bisschen Lampenfieber: Während ihrer Shows erlitt sie bereits Panikattacken. Heute hat sie die Krankheit unter Kontrolle.
Panikstörung
Wovor besteht die Angst? Diese Angststörung ist nicht an spezifische Objekte oder Situationen geknüpft. Die Betroffenen fürchten sich allerdings vor der nächste Panikattacke. Sie haben Angst vor der Angst.

Was macht die Angst mit Betroffenen? Menschen, die unter einer Panikstörung leiden, durchleben wiederholte Panikattacken. Das sind plötzlich auftretende Angstschübe, die innerhalb weniger Minuten ihren Höhepunkt erreichen. Sie treffen die Betroffenen wie aus heiterem Himmel. Zu den körperlichen Symptomen zählen: Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Atemnot, Erstickungsgefühle, Übelkeit, Schwindel und die Angst "verrückt zu werden" oder zu sterben. Häufig entwickelt sich aus der Panikstörung eine Agoraphobie, da die Betroffenen in bestimmten Situationen befürchten, nicht schnell genug Hilfe zu bekommen.

Berühmter Betroffener der Angst: Charles Darwin war 28 Jahre alt, als er plötzlich unerklärliche Anfälle erlitt. In seinen Tagebüchern und Briefen notierte er viele der typischen Symptome und schränkte sein Leben weitgehend ein. Heutzutage hätte man wohl eine Panikstörung bei ihm diagnostiziert - und ihm wahrscheinlich helfen können. Eine Übersicht von Christoph Fuchs und Marco Wedig

Die übrigen Patienten schreiben mit, selbst wenn es nicht um sie selbst geht. Das Gemeinschaftsgefühl ist ein zentrales Ziel der Gruppentherapie. Die Patienten lernen voneinander, sprechen miteinander, simulieren in Rollenspielen soziale Situationen, um selbstbewusster zu werden. Gerade Patienten mit sozialer Phobie setzen sich durch diesen Therapieaufbau ständig ihrer Angst aus und lernen, sie zu überwinden. Nach Ende der gemeinsamen Zeit in der Klinik bestehen die Gruppen oft auf WhatsApp weiter. Manchmal werden Stammtische gegründet. Dass es hilft, mit anderen zu reden, anstatt allein zu schweigen, davon sind die meisten nach der Therapie überzeugt.

Zurück in den Beruf

Für Betroffene in Einzeltherapie sind Selbsthilfevereine die passende Ergänzung, um so in Kontakt zu anderen zu kommen. Die deutsche Angsthilfe e.V., der größte derartige Verein in Deutschland, organisiert allein in München wöchentlich 15 Gesprächsrunden mit bis zu 14 Teilnehmern. Die Selbstverantwortung der Patienten steht im Mittelpunkt. Sie sollen von anderen Betroffenen lernen, kritische Situationen allein zu bewältigen. Bei Menschen, die die Krankheit bereits besiegt haben, sehen sie, wie diese das eigene Leben wieder gestalten.

Obwohl die Selbsthilfe in dieser Form meist therapiebegleitend ist, wird sie auch danach besucht. Die Vereine stehen daher immer in Kontakt mit Kliniken und Praxen. Ihre Mitarbeiter stellen sich regelmäßig den Patienten vor. Der Einstieg in eine ihrer Gruppen soll so einfach wie möglich werden.

In die Tagesklinik Westend kommt alle acht Wochen ein Vertreter der Angstselbsthilfe. "In zwei Wochen müsste es wieder so weit sein", sagt Strömsdörfer, als sie um Viertel nach elf die Vormittagssitzung beendet. Auf dem Stundenplan der Teilnehmer stehen jetzt Entspannungsübungen. Je ruhiger man ist, desto unwahrscheinlicher ist eine Angstattacke.

Ist die Therapie vorbei, beginnt die eigentliche Arbeit - außerhalb der geschützten Räume der Tagesklinik. Aber dann haben die Patienten gelernt, wie sie sich mit den verschiedenen Werkzeugen selbst helfen können.

So wie Katharina Maurer*. Sie erzählt, dass sie viele Situationen draußen jetzt wesentlich ruhiger erlebt als früher. Bald kommt der Tag, an dem sie zum ersten Mal wieder zur Arbeit geht. Aber sie ist zuversichtlich. Zu Beginn der Therapie hatte sie noch viel geschwiegen. Am Ende fand sie immer mehr Selbstbewusstsein. Sie hat begonnen, offen zu sprechen.

*Name geändert


Dieser Text gehört zum Projekt "Was Angst macht" der Deutschen Journalistenschule. Die Schüler der Lehrredaktion 55K wollen die Krankheiten damit fassbar machen und sie in all ihren Schattierungen zeigen.



insgesamt 6 Beiträge
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wishfulthinking 25.04.2017
1. Wenn's denn so einfach wäre
KVT wird seit vielen Jahren als Mittel der Wahl bei generalisierter Angststörung propagiert. Dabei ist die Wirksamkeit vergleichbar mit der von Selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmern. Es geht mehr um den Glauben an die Wirksamkeit als um tatsächlich beweisbare Ergebnisse (siehe BMC Psychiatry vom 08.02.2017). Ich spreche hier auch aus eigener Erfahrung. Ich bin seit 18 Jahren an generalisierter Angststörung erkrankt, habe 5 ambulante kognitive Verhaltenstherapien durchlaufen, die ebenso wirkungslos waren wie die SSrIs. Eine gewisse Linderung haben nur Neuroleptika gebracht. verhaltenstherapeutische Maßnahmen versuchen, einzelne Verhaltensweisen zu trainieren die dann auf andere Bereiche übertragen werden sollen, was jedoch oft nicht funktioniert. Hinzu kommt, dass einmal erworbene Fähigkeiten, die nicht ständig weiter trainiert werden, wieder verloren gehen. Da die generalisierte Angststörung in der regel auf Traumata zurückzuführen ist, wäre eine tiefenpsychologisch orientierte Therapie wohl wesentlich besser geeignet, allerdings auch deutlich teuerer. Warum nun die KVT als Goldstandard in der psychologischen Behandlung der generalisierten Angststörung betrachtet wird möchte ich der Vorstellungskraft des Lesers überlassen. Viel wichtiger als Therapieempfehlungen finde ich das Bewußtsein in der Öffentlichkeit zu fördern und so auch Wege für uns psychisch Behinderte zu öffnen, wie das für die Körperbehinderten längst geschehen ist.
juergenausrinteln 25.04.2017
2. @wishfulthinking, #1
Dass GAS "in der Regel" auf Traumata zurückgehen, dafür sind mir keine Belege bekannt. Umgekehrt allerdings wird ein Schuh daraus: Posttraumatische Belastungsstörungen gehen i.d.R. außer mit Intrusionen, Alpträumen etc. auch mit erhöhten Angstleveln und vegetativer Erregbarkeit einher. Da kommt es dann auf eine ausreichend sorgfältige Diagnose an. Sollte eine PTBS vorliegen, geht eine Therapie für generalisierte Angststörung natürlich am Thema vorbei, aber Gottseidank gibt es inzwischen empirisch gut abgesicherte Traumatherapien -- die übrigens weder reines Verhaltenstraining sind (was der KVT oft vorgeworfen wird, m.E. zu Unrecht) noch aber nur aufdeckende Analyse innerer Konflikte (was bei PTBS erwiesenermaßen NICHT zu einer Veränderung ausreicht). --- Als praktizierender Psychotherapeut finde ich den Artikel gut und wertvoll, v.a. da es wichtig ist, diese Volkskrankheiten zu enttabuisieren. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass soziale Phobien und generalisierte Angststörungen durchaus auch ohne Einsatz von SSRI oder anderen Psychopharmaka behandelbar sind und kein Betroffener befürchten muss, in einer Klinik oder Praxis genötigt zu werden, gegen seinen Willen Medikamente einzunehmen.
hape2412 25.04.2017
3. Ich habe
zwölf Jahre unter einer massiven Panikstörung geltten, die damit einherging, dass ich - um diese Ängste überhaupt aushalten zu können - stark getrunken habe und zeitweise auch von Benzodiadiazepinen abhängig gewesen bin. Ich habe diverse Entzugstherapieen und auch diverse Psychotherapieen (unter anderem auch KVT mit bewusster Expositionen in angstbesetzte Situationen) durchgeführt. Nichts hat mir wirklich geholfen - auch die so hochgelobten Serotoninwiederaufnahmehemmer nicht. Subjektiv haben diese mein Befinden eher noch verschlechtert. Erst eine kombinierte stationäre Behandlung, in der sowohl meine Angst- als auch meine Suchterkrankung therapiert wurde, war erfolgreich. Seit nunmehr acht Jahren habe ich weder Panikattacken gehabt noch wieder zu Alkohol oder Beruhigungsmitteln gegriffen. Obwohl ich mich sehr intensiv mit meiner Erkrankung befasst und auseinandergestzt habe, kann ich im Nachhinein nicht sagen, was bei dieser erfolgreichen Behandlung der Grund für den Erfolg gewesen ist. Ein Unterschied war vielleicht, dass in dieser Behandlung die Patienten menschenwürdig behandelt wurden. Es ist leider nach wie vor so, dass sowohl psychische als auch Suchterkrankungen als Charakterschwäche betrachtet werden und nicht als das, was sie sind: Erkrankungen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich - zumindest in dieser Hinsicht - wieder gesund bin und nicht mehr diesen ungeheuren Leidensdruck, der durch eine Angsterkrankung verursacht wird, aushalten muss.
pcpero 05.05.2017
4. Souveränität durch Aggression?
Ich bezweifle stark, dass diese Technik funktioniert: mal eben den Effe machen im Angesicht lebenspraktischer Insuffizienzen. Grade bei Patienten, die verbale Konfrontationen mit der Präluminarie "Du, hör mal Du-" eröffnen. Sich grade machen, statt einer Körperspannung wie ein am Spaten hängender Regenwurm. Aggression beinhaltet Angst, die das substantielle Grundgerüst für Leisetreter ist, und die ist zwar nicht unbehandelbar, aber auch am wichtigsten in den Griff zu bekommen. Konfrontation, das bewusste Erleben von angstbesetzten Situationen, ist m. M. n. nicht die zielführende Technik, weil sie zuviele Grundzüge des Patienten touchiert, und somit fehleranfällig ist. Besser ist der Schulterschluss mit ihr, die bewusste Annäherung und das Kennenlernen von sich selbst in einer Angstsituation!
pcpero 05.05.2017
5. Angst, ziemlich bester Freund.
Zitat von hape2412zwölf Jahre unter einer massiven Panikstörung geltten, die damit einherging, dass ich - um diese Ängste überhaupt aushalten zu können - stark getrunken habe und zeitweise auch von Benzodiadiazepinen abhängig gewesen bin. Ich habe diverse Entzugstherapieen und auch diverse Psychotherapieen (unter anderem auch KVT mit bewusster Expositionen in angstbesetzte Situationen) durchgeführt. Nichts hat mir wirklich geholfen - auch die so hochgelobten Serotoninwiederaufnahmehemmer nicht. Subjektiv haben diese mein Befinden eher noch verschlechtert. Erst eine kombinierte stationäre Behandlung, in der sowohl meine Angst- als auch meine Suchterkrankung therapiert wurde, war erfolgreich. Seit nunmehr acht Jahren habe ich weder Panikattacken gehabt noch wieder zu Alkohol oder Beruhigungsmitteln gegriffen. Obwohl ich mich sehr intensiv mit meiner Erkrankung befasst und auseinandergestzt habe, kann ich im Nachhinein nicht sagen, was bei dieser erfolgreichen Behandlung der Grund für den Erfolg gewesen ist. Ein Unterschied war vielleicht, dass in dieser Behandlung die Patienten menschenwürdig behandelt wurden. Es ist leider nach wie vor so, dass sowohl psychische als auch Suchterkrankungen als Charakterschwäche betrachtet werden und nicht als das, was sie sind: Erkrankungen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich - zumindest in dieser Hinsicht - wieder gesund bin und nicht mehr diesen ungeheuren Leidensdruck, der durch eine Angsterkrankung verursacht wird, aushalten muss.
Wenn man die Angst kennenlent, versteht, und so entdämonisiert, nicht mehr leidet, sondern bearbeitet, bekommt die Zügel über sich selbst wiederin die Hand, man macht sich handlungsfähig und so stark, dass im Idealfall und am Schluss der Erkrankung der Hirnstoffwechsel ins Lot kommt, der ja einen nicht unerheblichen Anteil am Fortbestand der Symptome hat. In den meisten Fällen halte ich sogar psychopharmakologische Interventionen in Hirnstoffwechselzusammenhänge für obsolet, da die die Selbstheilungskompetenzen des Körpers untergraben! Viel besser ist, sich im Zuge einer selbstgesteuerten und psychotherapeutisch begleiteten Heilungsarbeit an die Selbstheilungskräfte heran zu arbeiten, sie kennen zu lernen, auf sie zu vertrauen, und so an Selbstvertrauen zurück zu gewinnen.
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