Vollmond Ich. Kann. Nicht. Schlafen.

Der Vollmond macht uns aggressiv, wahnsinnig und raubt uns den Schlaf. Davon sind viele Menschen überzeugt. Stimmt das?

Vollmond über Berlin: Beeinflusst die Mondphase unseren Schlaf?
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Vollmond über Berlin: Beeinflusst die Mondphase unseren Schlaf?


Na, haben Sie auch schon mal bei Mondschein Ihren Rasen gemäht? Brot gebacken? Oder gar Mondwasser hergestellt?

Viele Menschen sind davon überzeugt, dass der Mond, auf dem nun schon seit 42 Jahren keine Menschen mehr herumspaziert sind, einen großen Einfluss auf unser Leben hat.

Auf das des Samoa-Palolo-Wurms hat er es zweifellos: In Ermangelung anderer nocturner Lichtquellen nutzt der Meereswurm die kostenlose Beleuchtung zur Optimierung seiner sexuellen Aktivitäten. Wird es Vollmond, weiß der Wurm, dass es an der Zeit ist - und schnallt seinen Hinterleib ab. Dieser schwimmt auf eigene Faust gen Licht, also zur Wasseroberfläche. Dort entlassen dann alle Hinterleiber ihre Eier und Spermien, und die größte Orgie im ansonsten eher freudlosen Leben des Wurms kann beginnen.

Aber wie steht's mit uns? Menschen existieren seit ein paar Millionen Jahren. Bis zur Nutzung des Feuers und später der Glühlampe könnte man vermuten, dass der Mond auch für uns eine größere Rolle spielte und sich das noch heute in unseren Genen niederschlägt. Theorien besagen, dass er uns möglicherweise auch bei unseren sexuellen Aktivitäten beeinflusst. "Man weiß, dass Frauen, die einen Menstruationszyklus zwischen 28 und 30 Tagen haben, sich mit dem Mondzyklus synchronisieren können", sagt der Chronobiologe Christian Cajochen im Interview.

SCHLAFLOS BEI VOLLMOND? FRAGEN AN DEN EXPERTEN
Um den Mond ranken sich Legenden: Er raubt uns den Schlaf, macht uns aggressiv (zum Werwolf) und treibt uns in den Wahnsinn. Ein Wahnsinniger heißt auf Englisch "lunatic". Wissenschaftler sprechen vom "Transylvania effect".

Mehr Wahnsinnige an Vollmondnächten?

Viele Studien wurden in den vergangenen Jahrzehnten unternommen, um all die vermeintlichen Mondeinflüsse auf uns zu untersuchen. Weder erhöhte Kriminalitätsraten an Vollmondnächten noch vermehrte Fälle von Wahnsinn waren nachweisbar.

Beim Schlaf aber ist die Sache nicht so einfach. 2013 sorgte Cajochen mit einer neuen Studie für viel Aufsehen, denn er fand tatsächlich Effekte des Mondes auf den Schlaf. Besser gesagt: Die Studie sorgte für Aufsehen in der Presse, nicht aber unter Wissenschaftlern. Sie witterten Esoterik-Alarm.

Cajochens Studie war besonders, weil er ursprünglich gar nicht vorhatte, die Wirkung des Vollmondes zu untersuchen: Schon vor Jahren hatte er die Probanden ins Schlaflabor geholt. Aber nur, um ihre Schlaf-Wach-Rhythmik zu untersuchen. Eines Abends, Jahre später, so schreibt Cajochen in seinem Fachartikel, saßen er und sein Team in einer Bar bei einem Glas Wein. Der Vollmond schien, und dem Schweizer kam eine Idee: Lass uns die alten Daten nochmal untersuchen und ein für allemal die Vollmond-These widerlegen.

Auf diese Weise, betont Cajochen, sei die Studie doppelt verblindet gewesen: Wie bei einer guten Medikamentenstudie wussten weder Experimentator noch Proband zum Zeitpunkt des Versuchs, dass es bei dem Versuch eigentlich um den Mond ging. Angesichts der kulturhistorischen Aufladung dieses Themas wären sonst nämlich Placebo-Effekte bei den Leuten zu erwarten gewesen.

Verkürzte Tiefschlafphase

Cajochen, der eigentlich den Mythos Vollmond entzaubern wollte, war überrascht. Wider Erwarten fand er bei der Analyse der Daten deutlichere Effekte als gedacht: An Vollmondnächten hatten seine Probanden im Schnitt 20 Minuten kürzer geschlafen, fünf Minuten länger zum Einschlafen gebraucht, ihre Tiefschlafphasen waren um ein Drittel reduziert und der Melatonin-Spiegel war vermindert. Das Hormon regelt den Schlaf-Wach-Rhythmus. Bei Licht wird seine Bildung gehemmt, in der Nacht steigt seine Konzentration im Blut an.

2014 veröffentlichten Forscher des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie jedoch eine Studie, die diese Effekte nicht reproduzieren konnte. Angesichts der hohen Probandenzahl von 1265 im Gegensatz zu den nur 33 Probanden Cajochens schien die Sache entschieden.

Aber nur auf den ersten Blick. Cajochen kritisiert, dass die Leute zum Teil gar nicht im Schlaflabor untersucht worden seien, sondern im heimischen Bett. "Dadurch können Sie nicht die Lichtverhältnisse gleichmäßig halten und ausschließen, dass das Mondlicht direkt den Schlaf stört." Zudem sei ihr Schlafrhythmus nicht zuvor eingestellt worden. "Diese Vorsynchronisation ist wichtig, weil die Effekte klein sind", so Cajochen. "Wenn der Tag-Nacht-Rhythmus durcheinander ist, kann man die nicht mit einer einzigen Nachtmessung entdecken." Später erschien eine weitere Studie mit 319 Probanden. Sie bestätigt Cajochens Ergebnisse.

Damit steht es nun 2:1 für den Mond und Cajochen. Der Schweizer würde nun gerne eine Folgestudie durchführen. Aber das ist nicht so leicht, denn Wissenschaftler sind mondscheu. Am Donnerstag ist Vollmond. Schlafen Sie gut!

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