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Psychotherapie: Wie Schlafentzug die Depression vertreibt

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Wach bleiben: Die Stimmung hebt sich oft bereits nach einer Nacht ohne Schlaf Zur Großansicht
Corbis

Wach bleiben: Die Stimmung hebt sich oft bereits nach einer Nacht ohne Schlaf

Menschen mit Depression sind antriebslos, wirken müde und erschöpft. Dabei herrscht in ihrem Kopf ein permanentes Tohuwabohu. Eine neue Theorie könnte erklären, wie die Krankheit entsteht - und warum Schlafentzug hilft.

Was passiert, wenn man einen Menschen mit Depression mit geschlossenen Augen in einen ruhigen Raum setzt, wo es nichts gibt, womit er sich beschäftigen könnte? Wird er müde, schläft er ein, oder sitzt er die Zeit unbeeindruckt ab? Die Antwort verblüfft: "Gesunde Probanden nicken in der Situation mitunter ein. Ein Mensch mit Depression wird in dieser Situation aber nicht einmal dösig", sagt der Psychiater Ulrich Hegerl, Leiter der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Hegerl und seine Kollegen stellten fest: Die Betroffenen wirken zwar matt und müde und fühlen sich auch so, sind aber nicht wirklich schläfrig. Im Gegenteil. Depressive sind angespannt, ihr Gehirn läuft auf Hochtouren. Eine Entdeckung, die neue Therapieansätze ermöglicht und altbekannte endlich erklärt.

In drei Untersuchungen haben Hegerl und Kollegen Unterschiede in den Hirnströmen von gesunden, manischen und depressiven Probanden beobachtet. Ihr Befund: In langweiliger Umgebung schlafen Menschen mit einer Manie, also mit einem stark gesteigerten Antrieb, rascher ein als Gesunde. Depressiv Erkrankte haben dagegen Schwierigkeiten, Schlaf zu finden. Sie würden nicht einmal gähnen, berichtet Hegerl. Erst nachdem sie mit Antidepressiva behandelt wurden, berichten ihm Patienten meist überrascht von plötzlichen "Gähnorgien".

Mit der Müdigkeit kommt die Aktivität

Der Psychiater erklärt die Beobachtungen anhand einer anderen wohlbekannten Erscheinung: übermüdete Kinder. "Die drehen auf. Sie können Langeweile nicht ertragen, suchen nach Aufregung und schaffen sich eine reizintensive Umgebung - damit sie nicht einschlafen", sagt der Psychiater. So sei es auch bei der Manie, dem Gegenstück zur Depression. Die Betroffenen dürsteten nach Aufregung und Aktion. Ihr Gehirn versuche so, die Wachheit zu stabilisieren.

Bei einer Depression sei genau das Gegenteil der Fall. "Diese Menschen sind wie in einem Alarmzustand und innerlich sehr unruhig. Um wieder ins Gleichgewicht zu kommen, ziehen sie sich zurück." Depressive meiden soziale Kontakte, gehen kaum vor die Haustür und verschanzen sich nicht selten in ihrem Schlafzimmer.

Hegerls Untersuchungen erklären, warum eine simple, aber lange Zeit kritisch beäugte Methode den Erkrankten helfen kann: der Schlafentzug. Tatsächlich bleiben schon seit Jahrzehnten in Deutschlands Kliniken Patienten mit Depression nachts öfter mal wach - um gesund zu werden. Die sogenannte Wachtherapie ist vielerorts eine Standardbehandlung bei Depression.

Was rabiat klingt, ist schmerzfrei und sehr wirksam. Nicht selten vergleichen behandelnde Psychiater die Therapie mit einem gemütlichen Silvesterabend. Die Patienten bleiben entweder die ganze Nacht hindurch auf oder werden gegen ein Uhr geweckt, um dann bis zum nächsten Abend wach zu sein. Meist sind es mehrere Patienten gleichzeitig. Sie können dann alles tun, was sie munter hält: Gesellschaftsspiele miteinander spielen, Musik hören, fernsehen, sich unterhalten. Der Tag darauf verläuft normal, möglichst ohne Mittagsschlaf. Erst nach ungefähr 36 Stunden ist wieder eine Nachtruhe eingeplant.

Einfach und effektiv

Mehrere Dutzend Studien aus aller Welt haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass diese Methode nicht nur simpel, sondern auch effektiv ist. Bei etwa 50 bis 80 Prozent aller Patienten verfliegt die Schwermut schon nach einer schlaflosen Nacht- und zwar oft innerhalb von 24 Stunden.

Doch bisher konnte man nicht erklären, warum der Schlafenzug funktioniert. Hegerls Theorie könnte diese Lücke schließen. Die Methode wirkt demnach der permanenten Wachheit von depressiv Erkrankten entgegen und fördert die Neigung zu schlafen. Kurz: Das Gehirn schaltet einen Gang runter. Die Betroffenen brauchen den Rückzug nicht mehr.

Die Krux: Schon kleine Mittagsschläfchen nach der durchwachten Nacht holen die meisten Patienten wieder zurück in die Depression. Bereits nach der ersten schlafreichen Nacht landen viele erneut im Tief, selbst wenn die Wachtherapie sie vergleichsweise in Hochstimmung versetzte.

Zuversicht durch Schlafentzug

Trotzdem kann die Behandlung sehr sinnvoll sein, betont der Psychiater Ulrich Hegerl. "Der Schlafentzug macht den Patienten Mut", sagt er. "Die Betroffenen haben dadurch gesehen, dass ihre Symptome weggehen und sie die Krankheit durchbrechen können." Das gebe ihnen Hoffnung, dass sie eine Chance auf bessere Tage haben. Sie hätten dann auch mehr Vertrauen in die anderen Behandlungselemente wie Medikamente und Psychotherapie.

Hegerl und seine Kollegen tüfteln an einer neuen Form der Wachtherapie, die nachhaltiger und leichter zu Hause umsetzbar sein könnte: die milde Schlafrestriktion. Die Patienten müssen dabei nicht Nächte durchwachen, sondern schlicht vermeiden, zu lange zu schlafen, also später ins Bett gehen und früher aufstehen. Womöglich reicht das aus, um das Gleichgewicht im Gehirn wieder herzustellen. Erweist sich die Methode in aktuell laufenden Studien tatsächlich als erfolgreich, könnten Betroffene sich künftig allein vor einem neuen Tief bewahren - oder sich heraushelfen.

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insgesamt 107 Beiträge
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1. Diese Theorie kann ich exzellent widerlegen
indy555 28.07.2014
Nach knapp 2,5 Jahren permanentem Schlafentzug durch ein krankes Kind, kann ich gerne meine Rezepte für Antidepressiva vorzeigen, sie füllen Aktenordner.
2.
markus.pfeiffer@gmx.com 28.07.2014
Leider wird hier mal wieder - wie so oft - auf die kurzzeitigen Erfolge geschaut; und letztendlich auf die Bekämpfung des einen Problems mit einem anderen, nicght auf "Heilung". Diese kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Was sich jedoch auch bei einer "milden Schlafrestriktion" aufbaut ist ein gigantisches Schlafdefizit, verbunden mit immer größer werdenden Konzentrationsschwierigkeiten etc.. Gleicht man das Schlafdefizit dann endlich aus, hat man dafür die Depression wieder. Letztendlich also ein ewiger Teufelskreis @ indy555: Antidepressiva sind bei durch äußere Umstände bedingtem Schlafentzug (krankes Kind) m.E. das Schlechteste, was man machen kann: sie verstärken das Schlafbedürfnis in der Regel - verheerend, wenn Sie sowieso schon zu wenig Schlaf bekommen.
3. ...tüfteln an einer neuen Form der Wachtherapie
eggshen 28.07.2014
Meine simple 'Empfehlung: schnarchende Bettgenossen. Nervt zwar wie Sau, aber an Schlaf ist kaum zu denken.
4.
hergebuyther 28.07.2014
Zitat von indy555Nach knapp 2,5 Jahren permanentem Schlafentzug durch ein krankes Kind, kann ich gerne meine Rezepte für Antidepressiva vorzeigen, sie füllen Aktenordner.
Bei allem Mitgefühl für diese schwere Zeit: bei Ihnen schien ja erst durch mangelnden Schlaf zu den Depressionen gekommen zu sein (ich kann es vielleicht ein wenig nachempfinden). Fehlender Schlaf können ja eben psychisch krank machen. Das brauch ich Ihnen nicht zu sagen. Die Behandlung setzt ja aber eben darauf, dies kontrolliert einzusetzen. Ich wäre fast versucht zu sagen: Gleiches mit Gleichem zu heilen. Alles Gute!
5. ...
Newspeak 28.07.2014
Wie passt diese Theorie denn damit zusammen, daß Depressive in einem akuten Schub am liebsten gar nicht aus dem Bett wollen, sondern am liebsten den ganzen Tag verschlafen? Für mich fängt die Depression z.B. häufig dann an, wenn man wirklich aufgewacht ist, und die ganzen Dinge, die einen belasten, erneut realisiert. Schlafentzug macht meiner Erfahrung nach nur weniger kritisch, man ist eben müde, grübelt nicht mehr so viel, insofern geht es einem vielleicht besser, aber deswegen verschwindet keine der äußeren Ursachen für die Depression. In der Mehrzahl der Fälle sind es, denke ich, die Mitmenschen, die für diesen Zustand verantwortlich sind, die Chefs, die Familie, gerne auch mal Behörden, die nicht auf einen eingehen, die einen überfordern, oder schikanieren usw. Wenn man die äußeren Ursachen ignoriert, kann man die Therapie doch gleich ganz vergessen.
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Zur Autorin
  • privat
    Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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