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17. Juni 2012, 16:56 Uhr

Euphorie beim Fußball

Warum Fans fiebern

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Objektiv gesehen ist Fußball völlig unbedeutend: 22 Menschen laufen einem Ball hinterher. Subjektiv gesehen ist Fußball die größte Sache der Welt: gebündelte Leidenschaft auf dem Platz und auf den Rängen. Drei Ursachen, die Fußball so emotional machen.

Es ist die 80. Minute, in der Fankneipe hat der Barkeeper eine unverhoffte Pause. Niemand steht auf, niemand geht Bier holen, niemand geht auf die Toilette. Es gibt Wichtigeres. Die Blicke der Kneipenbesucher sind gebannt auf die Leinwand gerichtet, ihre Körper zucken in die Höhe. Sie wollen aufspringen, jubeln, die Spannung herauslassen.

Dann die Riesenchance! Der Ball zirkelt auf das Tor zu, für einen kurzen Moment scheint er die Linie zu passieren - und trifft dann doch nur das Außennetz. Ein Aufschrei geht durch den Raum. Wie kann das sein, den muss man doch machen!

Fußball fesselt, er entfacht Emotionen und Leidenschaft. Mehr als 28 Millionen Menschen fieberten vor dem Fernseher mit, als die deutsche Nationalmannschaft gegen Portugal kämpfte, etwa sechs Millionen feierten beim Public Viewing.

Was ist es, das Millionen in die Hysterie treibt? Was lässt selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel vor laufenden Kameras aufschreien und jubeln? Drei Gründe, warum Fußball so emotional ist:

1. Ursache: Die Bedeutungslosigkeit

"Fußball ist unser Leben", sangen die deutschen Nationalspieler 1974 und bestritten unsicher schunkelnd ihre Fernsehauftritte. Doch lässt sich die Botschaft, die für Profifußballer gilt, so einfach auf die Fans übertragen?

Objektiv gesehen hat es für die Zuschauer keine persönlichen Konsequenzen, ob die Lieblingsmannschaft verliert oder gewinnt. Der Chef wird nicht netter, der Kontostand nicht erfreulicher und die Schwiegermutter nicht zahmer. Gerade das ermöglicht es den Fans jedoch, sich den Emotionen beim Zuschauen voll hinzugeben und aus ihrer Haut zu gehen. Wer sich in ein Fußballspiel hineinsteigert, kann extreme Freude und Leidenschaft erleben - ohne dass er persönliche Nachteile fürchten muss.

Anders ist es in vielen anderen Bereichen des Lebens. Wer sich in einer Beziehung etwa in seine Gefühle stürzt, macht sich verletzbar, denn er könnte verlassen werden. Wer seinen Traumjob ergattert hat, muss Angst haben, ihn eines Tages wieder zu verlieren. Der Fußball hingegen bleibt, egal was passiert, und so können die Fans ihn gefahrlos für 90 Minuten jedes Wochenende zur wichtigsten Sache der Welt erklären, jede Kontrolliertheit ablegen und sich ihren Gefühlen voll hingeben.

"Natürlich frustriert es, wenn die eigene Mannschaft verliert. Nach zwei Nächten gilt aber meist das altbekannte Motto 'Nach dem Spiel ist vor dem Spiel' und die Zuversicht kehrt zurück", sagt Harald Lange, der das Institut für Fankultur in Köln und Würzburg leitet. "Der Ballsport bildet eine Gegenwelt zum durchorganisierten Arbeits- und Familienleben, wo so etwas Subjektives, Gefühlsgeleitetes häufig keinen Platz hat."

2. Ursache: Die Spielstruktur

Die nüchtern betrachtete Bedeutungslosigkeit ist eine Eigenschaft, die der Fußball mit allen Sportarten teilt. Was ihn darüber hinaus ausmacht und ihn von vielen anderen Sportarten abhebt, ist seine Einfachheit. Es gibt zwei Mannschaften, einen Ball, und der muss ins Tor. Auch Abseits, Einwurf, Elfmeter und Abstoß sind schnell erklärt. "Fußball versteht jeder sofort", sagt Lange. "Dadurch bekommt man schnell einen Zugang zum Spiel und kann sich eine Meinung zum Spielgeschehen bilden, auch wenn man nur auf dem Sofa vor dem Fernseher sitzt oder das Spiel von der Tribüne aus verfolgt."

Eine weitere Besonderheit des Fußballs ist seine Unberechenbarkeit. Sie treibt Fans an den Rand des Wahnsinns, in die Aufregung hinein, in seltenen und tragischen Fällen sogar bis hin zum Herzinfarkt, wie eine Studie der Universität München zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zeigt. "Die Leute gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie das Spiel ausgeht", sagte schon Sepp Herberger, dem 1954 als Bundestrainer mit seiner Mannschaft das Wunder von Bern gelang.

In einem packenden Finale hatten die Deutschen bereits nach acht Minuten 2:0 gegen den Favoriten Ungarn zurückgelegen, dann den Rückstand aufgeholt und mit Rahn schließlich sechs Minuten vor Spielende den Sieg erkämpft. Fernseher gab es damals noch kaum, und so fieberten die Deutschen vor ihren Radios mit, als der Reporter Herbert Zimmermann haltlos ins Mikrofon brüllte: "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt! Toooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor!"

Neben der Freude über den in diesem Moment fast sicheren Titelgewinn war es auch die Spannung, die den legendären Gefühlsausbruch befeuerte. "Nichts ist so langweilig wie ein Seriensieger", sagt Lange. "Die Spiele wären nie so spannend, wenn nicht auch der Gegner alles geben würde."

3. Ursache: Das Gemeinschaftsgefüge

Fußballbekanntschaften ergeben sich auf eine vollkommen unkomplizierte Art und Weise. Die Fans einer Mannschaft sitzen für 90 Minuten in einem Boot. Sie fiebern gemeinsam. Sie leiden gemeinsam. Sie jubeln gemeinsam. Alles, was im Alltag Schranken aufbauen würde, fällt weg. Wer morgens in der U-Bahn noch ins Hohlkreuz gegangen ist, um ja nicht den Rücken des Nachbarn zu berühren, liegt abends einem wildfremden Menschen jubelnd in den Armen. Intimzone? Euphorie!

"Die Menschen suchen im Fußball in erster Linie Unterhaltung und Spaß", sagt Lange. "Hinzu kommt aber auch die Identifikation und die Zugehörigkeit." Sie zeigt sich an den Trikots und Fanschals. Sie manifestiert sich in Stadiongesängen, in die bis zu 80.000 Fans im Stadion einstimmten. Und in den Gesprächen. Selbst wenn Menschen ein Spiel allein vor dem Fernseher gucken, tauschen sie sich anschließend in der Regel darüber aus. Auch Autokorsos haben zum Ziel, die gemeinsame Freude zu zelebrieren.

Mittlerweile sei die Fußballkultur so weit verbreitet, dass man sich einen regelrechten Wall aufbauen müsse, wenn man nicht infiltriert werden möchte, sagt Lange. Irgendwann passiert es häufig doch: Die Kollegen reden auf dem Flur immer mehr über Fußball, sie fachsimpeln, und man möchte mitfachsimpeln. Erste aufgeschnappte Fetzen werden an anderer Stelle eingeworfen, man beginnt, Zeitungsbeiträge zu lesen, sich Fernsehberichte anzuschauen. Irgendwann reichen Informationen aus zweiter Hand nicht mehr aus. Schon erwischen sich viele Menschen dabei, wie sie vorm Fernseher sitzen und ein Spiel verfolgen.

"Fußball hat spätestens mit der WM 2006 die Mitte der Gesellschaft erreicht", sagt Lange. "Ob Rechtsanwälte, Dachdecker oder Krankenpfleger, Männer oder Frauen - alle sind infiltriert, alle sind mit dabei und teilen die Leidenschaft." Lange geht davon aus, dass die Beliebtheit des Fußballs in den nächsten Jahren sogar noch weiter zunehmen wird: "Mittlerweile sind Fußballgespräche so selbstverständlich geworden, dass sie dem Wetter Konkurrenz machen", sagt der Sportwissenschaftler.

Fazit: Fußball ist objektiv gesehen unbedeutend und dadurch leidenschaftsgeladen, er ist simpel und doch spannend, er macht gesellig und baut Schranken ab. Natürlich lässt sich mit diesen Punkten nicht alles erfassen, das Menschen in die Stadien treibt. Natürlich kommt immer noch die individuelle Komponente hinzu. Es ist entscheidend, ob schon der Vater Fußball geguckt hat, ob man schon als Knirps in der Kurve stand oder ob der coole Freund von früher, dem man immer nacheifern wollte, auch Fußballfan war.

Und so erzählen viele gerne irgendwann ihren Fußballbekanntschaften über ihre Fußballvergangenheit, darüber, wie sie zum Fußball gekommen sind. Ein gutes Thema für einen spannenden Small Talk - viel besser als das Wetter.

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