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31. Dezember 2012, 13:43 Uhr

Erinnerung

Warum wir die ersten Lebensjahre vergessen

Von Susanne Schäfer

Die ersten Jahre im Leben eines Menschen sind ungeheuer wichtig: Das Kind entwickelt Urvertrauen, es lernt elementare Dinge über sich und die Welt. Dennoch verschwindet diese Zeit aus dem abrufbaren Erinnungsspeicher. Warum ist das so?

Die ersten Erinnerungen sind meist mit großen Gefühlen verbunden: Geburtstagsglück (alle Geschenke für mich), Anarchie (bei den Großeltern übernachten und länger aufbleiben), Schmerz (zusehen müssen, wie die Schwester die sehr, sehr tolle Armbanduhr aus Fruchtgummi allein isst). Was berührt, wird gespeichert.

Das gilt jedoch nicht für sehr kleine Kinder: Auch geimpft zu werden, ist bestimmt ähnlich aufwühlend, wie zum ersten Mal erfolgreich einen Deckel auf eine Flasche zu schrauben. Trotzdem erinnert sich niemand zuverlässig an die ersten zwei Jahre seines Lebens. Die frühesten dauerhaften Erinnerungen sind zwischen dem Ende des zweiten und dem Ende des dritten Lebensjahres möglich, sagen Hirnforscher. Im Schnitt setzen die ersten dauerhaften Erinnerungen mit dreieinhalb Jahren ein.

"Aber ich kann mich an etwas erinnern, das ich mit einem Jahr erlebt habe", werden jetzt viele rufen. Da muss man leider mit spröder Forschung gegenhalten - wissenschaftlich ist nicht belegt, dass das möglich ist. Das Gedächtnis trickst einen leicht aus, so konstruiert man oft aus Bildern und Erzählungen der Eltern Geschichten, die sich wie echte autobiografische Erinnerungen anfühlen.

Eltern können das Erinnerungsvermögen beeinflussen

Erstaunlicherweise kann sich ein Kleinkind durchaus an Ereignisse erinnern, die einige Wochen zurückliegen. Ein paar Jahre später verblasst jedoch genau diese Erinnerung. Warum geht das Erlebte verloren? "Bei Kleinkindern sind die relevanten Bereiche im Gehirn wahrscheinlich noch nicht gut genug ausgebildet, um Erinnerungen korrekt abspeichern und auch lange Zeit später wieder abrufen zu können", vermutet der Hirnforscher Gerhard Roth von der Universität Bremen. Das gelte vor allem für die Verbindung zwischen dem Hippocampus, in dem Erinnerungen wie in einem Zwischenspeicher abgelegt werden, und der Großhirnrinde, die als Langzeitspeicher dient. Es scheitert also daran, die Erinnerungen vom vorläufigen ins endgültige Speichersystem zu übertragen.

Dieser Mechanismus lässt sich allerdings trainieren. Ob ein Kind nur die ersten zwei Jahre vergisst oder gar vier, können die Eltern beeinflussen. Dass Gespräche entscheidend sind, zeigt eine Studie der neuseeländischen Psychologin Harlene Hayne. Sie nahm die Kommunikation zwischen Müttern und ihren zwei bis drei Jahre alten Kindern auf. Als diese zwölf bis dreizehn Jahre alt waren, fragte Hayne sie nach ihren frühesten Erinnerungen. Bei denjenigen, deren Mutter sehr detailliert mit ihnen über Erlebtes gesprochen hatten, setzten die ersten Erinnerungen früher ein.

Andere Studien bestätigen dieses Ergebnis: Wenn Gespräche über Erlebnisse auf das Kind ausgerichtet sind, formt es daraus Lebensgeschichten, in denen es selbst die Hauptrolle spielt. Diese Art der Kommunikation erleichtere es den Kindern, diese so zu codieren, dass sie sie gut im Langzeitgedächtnis abspeichern können, schreiben die kanadische Psychologin Carole Peterson von der University of Newfoundland und Kollegen.

Und wenn doch die ersten vier Lebensjahre für das Kind rückblickend im Nebel verschwinden, hat das für die Eltern auch etwas Gutes: Sie können umso mehr lange Geschichten von früher erzählen, während das groß gewordene Kind schweigt und nickt. Es kann ja nicht widersprechen.

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