Erinnerung: Warum wir die ersten Lebensjahre vergessen

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Die ersten Jahre im Leben eines Menschen sind ungeheuer wichtig: Das Kind entwickelt Urvertrauen, es lernt elementare Dinge über sich und die Welt. Dennoch verschwindet diese Zeit aus dem abrufbaren Erinnungsspeicher. Warum ist das so?

Schwerelos glücklich: Was in den ersten zwei Jahren passiert, können wir nicht langfristig behalten Zur Großansicht
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Schwerelos glücklich: Was in den ersten zwei Jahren passiert, können wir nicht langfristig behalten

Die ersten Erinnerungen sind meist mit großen Gefühlen verbunden: Geburtstagsglück (alle Geschenke für mich), Anarchie (bei den Großeltern übernachten und länger aufbleiben), Schmerz (zusehen müssen, wie die Schwester die sehr, sehr tolle Armbanduhr aus Fruchtgummi allein isst). Was berührt, wird gespeichert.

Das gilt jedoch nicht für sehr kleine Kinder: Auch geimpft zu werden, ist bestimmt ähnlich aufwühlend, wie zum ersten Mal erfolgreich einen Deckel auf eine Flasche zu schrauben. Trotzdem erinnert sich niemand zuverlässig an die ersten zwei Jahre seines Lebens. Die frühesten dauerhaften Erinnerungen sind zwischen dem Ende des zweiten und dem Ende des dritten Lebensjahres möglich, sagen Hirnforscher. Im Schnitt setzen die ersten dauerhaften Erinnerungen mit dreieinhalb Jahren ein.

"Aber ich kann mich an etwas erinnern, das ich mit einem Jahr erlebt habe", werden jetzt viele rufen. Da muss man leider mit spröder Forschung gegenhalten - wissenschaftlich ist nicht belegt, dass das möglich ist. Das Gedächtnis trickst einen leicht aus, so konstruiert man oft aus Bildern und Erzählungen der Eltern Geschichten, die sich wie echte autobiografische Erinnerungen anfühlen.

Eltern können das Erinnerungsvermögen beeinflussen

Erstaunlicherweise kann sich ein Kleinkind durchaus an Ereignisse erinnern, die einige Wochen zurückliegen. Ein paar Jahre später verblasst jedoch genau diese Erinnerung. Warum geht das Erlebte verloren? "Bei Kleinkindern sind die relevanten Bereiche im Gehirn wahrscheinlich noch nicht gut genug ausgebildet, um Erinnerungen korrekt abspeichern und auch lange Zeit später wieder abrufen zu können", vermutet der Hirnforscher Gerhard Roth von der Universität Bremen. Das gelte vor allem für die Verbindung zwischen dem Hippocampus, in dem Erinnerungen wie in einem Zwischenspeicher abgelegt werden, und der Großhirnrinde, die als Langzeitspeicher dient. Es scheitert also daran, die Erinnerungen vom vorläufigen ins endgültige Speichersystem zu übertragen.

Dieser Mechanismus lässt sich allerdings trainieren. Ob ein Kind nur die ersten zwei Jahre vergisst oder gar vier, können die Eltern beeinflussen. Dass Gespräche entscheidend sind, zeigt eine Studie der neuseeländischen Psychologin Harlene Hayne. Sie nahm die Kommunikation zwischen Müttern und ihren zwei bis drei Jahre alten Kindern auf. Als diese zwölf bis dreizehn Jahre alt waren, fragte Hayne sie nach ihren frühesten Erinnerungen. Bei denjenigen, deren Mutter sehr detailliert mit ihnen über Erlebtes gesprochen hatten, setzten die ersten Erinnerungen früher ein.

Andere Studien bestätigen dieses Ergebnis: Wenn Gespräche über Erlebnisse auf das Kind ausgerichtet sind, formt es daraus Lebensgeschichten, in denen es selbst die Hauptrolle spielt. Diese Art der Kommunikation erleichtere es den Kindern, diese so zu codieren, dass sie sie gut im Langzeitgedächtnis abspeichern können, schreiben die kanadische Psychologin Carole Peterson von der University of Newfoundland und Kollegen.

Und wenn doch die ersten vier Lebensjahre für das Kind rückblickend im Nebel verschwinden, hat das für die Eltern auch etwas Gutes: Sie können umso mehr lange Geschichten von früher erzählen, während das groß gewordene Kind schweigt und nickt. Es kann ja nicht widersprechen.

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insgesamt 135 Beiträge
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1. Selten blöd...
naseweis007 31.12.2012
.. wie in der Überschrift eine Frage aufgeworfen, im Artikel jedoch nicht einmal ansatzweise beantwortet wird! Stattdessen eine durch nichts fundierte Spekulation des berüchtigten Hirnforschers Roth: "Warum geht das Erlebte verloren? "Bei Kleinkindern sind die relevanten Bereiche im Gehirn wahrscheinlich noch nicht gut genug ausgebildet, um Erinnerungen korrekt abspeichern und auch lange Zeit später wieder abrufen zu können", vermutet der Hirnforscher Gerhard Roth von der Universität Bremen." Wahrscheinlich hat ES in ihm (wie in der Autorin Frau Schäfer) nur gefunkt, längst bevor sie ihre Zunge bewegten - dabei wurde offenbar das anschließende Denken gänzlich ausgelassen...
2. Spröde Forschung - ignorante Forschung?
ericdbl 31.12.2012
Ich erinnere mich sehr genau an zwei Szenen vom Hausbau meiner Eltern. Früher dachte ich, da wäre ich ungefähr drei Jahre alt gewesen. Dann sagten meine Eltern mir, das Haus wäre bereits fertig gewesen, als ich zwei Jahre alt war. Sie zeigten mir auch alte, datierte Fotos. Wir sollten Forschung vielleicht nicht immer ernst nehmen...
3. Stimmt bei mir nicht...
Jasro 31.12.2012
Zitat von sysopDPADie ersten Jahre im Leben eines Menschen sind ungeheuer wichtig: Das Kind entwickelt Urvertrauen, es lernt elementare Dinge über sich und die Welt. Dennoch verschwindet diese Zeit aus dem abrufbaren Erinnungsspeicher. Warum ist das so? http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/warum-man-sich-erst-an-die-zeit-ab-dem-3-lebensjahr-erinnern-kann-a-874181.html
Ich kann mich durchaus an meine Kindheit von etwa dem zweiten Lebensjahr an erinnern. Und ich glaube auch nicht, dass ich der einzige bin, der das kann.
4. Einst
claptomane 31.12.2012
Wir sind in ein Haus gezogen, als ich gerade 2 Jahre alt war und ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass mich meine Mutter auf dem Arm hielt und mir am Fenster stehend erklärt hat, warum wir nun in dieses schöne Haus gezogen sind. Sie hat mir dabei den Kirschbaum in voller Blüte gezeigt und mir mein lieblings Spielzeug in die Hand gegeben. Auch das Laufen lernen kann ich erinnern und diverse Schöne Momente mit meinen Geschwistern. Ich brauche zum Glück keinen Wissenschaftler, der mir sagt von wann diese Erinnerungen sind, da mir Geschwister und Eltern gleichermaßen bestätigen, dass ich nicht älter als 2 gewesen sein kann.
5. Dunkel der ersten drei Jahre
viwaldi 31.12.2012
Zitat von sysopDPADie ersten Jahre im Leben eines Menschen sind ungeheuer wichtig: Das Kind entwickelt Urvertrauen, es lernt elementare Dinge über sich und die Welt. Dennoch verschwindet diese Zeit aus dem abrufbaren Erinnungsspeicher. Warum ist das so? http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/warum-man-sich-erst-an-die-zeit-ab-dem-3-lebensjahr-erinnern-kann-a-874181.html
Das Gehirn spielt einem nicht nur Streiche über Fotos und Erzählungen, sondern eben auch über sich wiederholende Gespräche über frühkindliche Begebenheiten. Am Ende stellt sich die Frage, was ist "erinnern"? Erinnern nicht auch wir Erwachsene uns besonders gut an oft erzählten Dinge. Und erinnern wir uns am Ende dann wirklich an das "Original" oder an die dreifache Kopie (eigene Erzählung) des ursprünglich erlebten. Seinen wir ehrlich: keiner kann das auseinanderhalten, auch die Wissenschaftler nicht. Das ist ja die Crux an Prozessen mit Zeugen, die sich 20 und mehr Jahre zurückerinnern sollen. So wie sie es sich gemerkt haben und so wie es war müssen nicht mehr übereinstimmen, ohne jeden bösen Willen der Beteiligten.
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Zur Autorin
  • Frida Rose
    Susanne Schäfer schreibt über Körper, Geist und Gesellschaft. Sie war auf der Deutschen Journalistenschule in München und lebt in Hamburg. Sie findet, dass die Wissenschaft helfen kann, die Fragen des Alltags und des Lebens zu klären.
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Gehirn: Steuerzentrale des Körpers
Als Gehirn bezeichnet man den im Kopf gelegenen Abschnitt des Nervensystems, der die zentrale Steuerungszentrale des Körpers bildet. Bei höher entwickelten Tieren bildet das Gehirn zusammen mit dem Rückenmark das Zentralnervensystem. In ihm sind die Sinneszentren und übergeordnete Schaltzentren (Koordinations- und Assoziationszentren) zusammengefasst. Es ist für die Ausbildung komplizierter Handlungsabläufe, für die Fähigkeit des Gedächtnisses und für die Ausprägung von Denken, Gefühlen, Bewusstsein und Intelligenz verantwortlich.
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Das menschliche Gehirn und auch das Gehirn vieler Tiere ist in drei Hauptteile gegliedert: Vorderhirn, Mittelhirn und Rautenhirn. Schon bei niederen Wirbeltieren entstehen aus dem Vorderhirn (Prosencephalon) das der Nase zugeordnete Endhirn (Großhirn) und das den Augen zugeordnete Zwischenhirn. Das Mittelhirn (Mesencephalon) bleibt ungegliedert erhalten. Das Rautenhirn (Rhombencephalon) gliedert sich weiter auf in das Hinterhirn mit dem Kleinhirn und der Brücke sowie in das verlängerte Mark, das den Übergang zum Rückenmark bildet. Mit zunehmender Höherentwicklung vergrößern sich die Teile und differenzieren sich weiter.
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Speziell für das menschliche Gehirn ist die Größe und Komplexität des Großhirns. Die Faltung seiner Oberfläche bewirkt eine enorme Oberflächenvergrößerung, so dass es die übrigen Hirnteile überwölbt. Das Großhirn ist das Zentrum für unsere geistigen und seelischen Fähigkeiten und damit für die komplexesten Gehirnleistungen. Es besteht aus zwei Hälften (Hemisphären), die durch ein dickes Bündel Nervenfasern, den sogenannten Balken, miteinander verbunden sind.
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Die äußere Schicht des Großhirns wird als Großhirnrinde (Cortex cerebri, kurz Cortex) bezeichnet. Sie ist nur etwa zwei bis fünf Millimeter dick und enthält die erstaunliche Menge von 10 bis 14 Milliarden Nervenzellen. Wenn Gehirne in Formalin haltbar gemacht werden, sieht die Großhirnrinde grau aus. Sie wird deshalb auch als graue Substanz bezeichnet und umgangssprachlich spricht man oft von "grauen Zellen". Der übrige Teil des Großhirns besteht aus Nervenfasern, welche die Nervenzellen mit anderen Hirnteilen verbinden. Dieser Teil wird auch als weiße Substanz bezeichnet.