Katharina Saalfrank antwortet Wenn Mama bis 1000 zählen muss, damit der Sohn sich sicher fühlt

Ein Fünfjähriger spannt seine Eltern massiv in seine Spiele ein - nur wenn sie mitwirken, kann er entspannen. Katharina Saalfrank hat konkrete Tipps, was dem vereinnahmenden Sohn helfen könnte.

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    Ihre Erziehungsfrage: Auf unseren Leseraufruf hin haben Sie uns viele Fragen an die Erziehungsexpertin Katharina Saalfrank geschickt. Daraus haben wir in der Redaktion einige ausgewählt und der Pädagogin geschickt. Hier antwortet sie in einer losen Serie.

Eine Mutter fragt: Liebe Frau Saalfrank, unser fünfjähriger Sohn geht davon aus, dass wir ihm jede gemeinsame Minute voll und ganz zur Verfügung stellen. Das heißt konkret: Wir sind die ganze Zeit in sein Spiel und seine Pläne eingebunden. Einen Alltag mit Haushalt und kurzen Momenten für sich (wie Toilette, Dusche, durchatmen, telefonieren) macht das nahezu unmöglich. Das kann völlig absurd werden: Das letzte Mal sollte ich für ihn laut bis 1000 zählen. Das hat fast eine Viertelstunde gedauert, in der er zufrieden neben seiner laut zählenden Mama gesessen und gespielt hat.

Vormittags geht er in den Kindergarten, ich arbeite in dieser Zeit. Ich kann nachvollziehen, dass er seine Bedürfnisse den ganzen Vormittag hintangestellt hat und nun alles mit mir zusammen machen möchte. Aber das geht einfach nicht! Weil ich es nicht schaffe, weil ich es nicht will, weil manche Tätigkeiten es nicht zulassen. Und ja, im "Notfall" setzte ich ihn dann für maximal 40 Minuten vor das iPad. Ich hoffe jeden Tag, dass es sich bessert und er mir mehr Freiheit gewährt und sich auch mal selbst beschäftigt. Wie kann ich ihn dazu motivieren?

Katharina Saalfrank antwortet: Sie beschreiben eine komplizierte Situation. Es hört sich für mich so an, als habe Ihr fünfjähriger Sohn das Gefühl, nur wertvoll für Sie als Mutter zu sein, wenn er im direkten und intensiven Kontakt mit Ihnen sein kann. Nur dann fühlt er sich sicher und scheint etwas entspannen zu können. Zunächst einmal: Dass das für Sie als Eltern anstrengend ist, kann ich gut nachvollziehen.

Für mich ist vor allem die Frage, wie sich diese Beziehungsstruktur so entwickeln konnte. Stellen Sie sich selbst folgende Fragen: Gab es eine Zeit, in der die Situation anders war? Oder hat Ihr Sohn von Anfang an sehr intensiv erfahren, dass er ständig im Mittelpunkt zwischen den Erwachsenen steht und der Spot auf ihn gerichtet war? Überlegen Sie weiterhin, ob dieser ständige Kontakt zwischen Ihnen früher, als Ihr Sohn noch kleiner war, von Ihnen selbst gewünscht war und intensiv von Ihnen als Eltern ausgegangen ist?

Zur Person
  • DPA
    Katharina Saalfrank, Jahrgang 1971, war viele Jahre lang als Diplompädagogin in dem TV-Format die "Super Nanny" tätig: Von 2004 bis 2011 lief auf RTL die Sendung, in der sie chaotischen Eltern Erziehungstipps gab. Seit 17 Jahren arbeitet Saalfrank als Therapeutin. Im Oktober 2017 ist ihr aktuelles Buch "Kindheit ohne Strafen" erschienen.

Es könnte also sein, dass Ihr Sohn - ich gehe davon aus, dass er keine Geschwister hat? - eine lange Zeit permanent im absoluten Mittelpunkt stand und ständiger Fokus Ihrer kleinen Familie war. So könnte die Idee bei ihm entstanden sein, dass das die Form von Kontakt ist, die gewollt ist. Nur diese intensive Form von Zuwendung gibt ihm jetzt die Sicherheit, dass er gesehen und anerkannt wird und für Sie als Eltern wertvoll ist.

Unter dieser Annahme muss es sich für ihn tatsächlich sehr beängstigend und unsicher anfühlen, wenn er nicht mit ihnen im direkten Kontakt ist. So bedrohlich sogar, dass er nur in Ruhe spielen kann, wenn Sie neben ihm sitzen und bis 1000 zählen und er so Sie und Ihre Aufmerksamkeit an sich bindet. Interessant dabei ist, dass Sie auf seinen Wunsch eingehen: Vielleicht spüren Sie, dass es für ihn existenziell ist?

Seine Not nachempfinden

Seine Bedingungen für Sicherheit und Geborgenheit erfüllen Sie eine Zeit lang durch Ihr Zählen. Hören Sie damit auf, ist es mit seiner emotionalen Sicherheit vorbei und er entwickelt immer wieder neue (Überlebens-)Strategien, um mit Ihnen als Mutter im Kontakt zu bleiben und sich im wahrsten Sinne des Wortes an Ihnen festzuhalten.

Es ist zunächst wichtig, dass Sie seine emotionale Not wirklich nachempfinden, ihn darin ernst nehmen, und nicht denken, dass er all das tut, um Sie zu ärgern. Erst wenn Sie wirklich fühlen, wie bedrohlich und ernst es für ihn ist, können Sie beginnen, gute Reaktionen zu finden und überlegen, wie Sie ihm Sicherheit geben können, ohne dass Sie ständig mit ihm in diesem intensiven Kontakt sein müssen.

Was Sie als Nächstes tun können ist Eigenreflexion: Überprüfen Sie ehrlich, wie sehr sich Ihr Sohn auf Sie verlassen kann, wenn Sie ankündigen, sich mit ihm zu beschäftigen. Muss er Sie oft erinnern? Vergessen Sie es manchmal? Ist es Ihnen auch lästig? Wie oft sind Sie wirklich verfügbar und in einem echten Kontakt - ohne Handy, Smartphone, Mailschecken und andere Ablenkungen - mit ihm, wenn Sie spielen?

Spielen und abgrenzen

Bitte beantworten Sie für sich auch die Frage, wie oft Sie am Nachmittag noch in Ruhe Telefonate mit Freundinnen oder Behörden führen oder sich zurückziehen wollen. Dass das nicht wirklich möglich ist, habe ich als Vierfach-Mutter auch immer wieder erfahren und die Telefonate in die Zeiten gelegt, wenn die Kinder in Kita und Schule waren oder geschlafen haben. Manches geht einfach nicht am Nachmittag, wenn Kinderzeit ist.

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Das heißt aber nicht, dass wir Eltern permanent in einem intensiven Kontakt zu unseren Kindern sein müssen. Der Nachmittag ist für mich eine dynamische Zeit, in der wir wechseln zwischen intensivem Kontakt (vorlesen, spielen, malen, basteln) und einem Zustand, den ich schwebende Aufmerksamkeit nenne. Wir sind dann zwar ansprechbar, bereiten aber Essen zu, machen den Haushalt, räumen gemeinsam auf. Kinder benötigen diese schwebende Aufmerksamkeit als Sicherheit, auf uns als Eltern zurückgreifen und sich rückversichern zu können. Nur dann können sie nach und nach auch längere Zeit für sich spielen und die Erfahrung machen, dass sie für sich spielen und nicht alleine sind.

Wenn Sie diese Fragen für sich beantwortet haben, ist es wichtig, dass Sie in Ihren Aussagen und im Kontakt mit Ihrem Sohn klar und liebevoll sind. Wenn Sie ihn aus dem Kindergarten abgeholt haben, können Sie sich mit ihm hinsetzen und ihm sagen, dass Sie

  • über die gemeinsamen Nachmittage nachgedacht und festgestellt haben, dass es für Sie beide sehr anstrengend ist.
  • das so nicht mehr wollen und es ab jetzt anders machen werden.
  • gerne mit ihm spielen und mit ihm zusammen sind, und dass Sie deshalb die Zeiten mit ihm deutlicher festlegen wollen.

Übernehmen Sie die Führung wieder und überlassen Sie diese nicht Ihrem Sohn - er kann das noch nicht und ist auf die Dauer damit überfordert. Gehen Sie also den Nachmittag erst für sich selbst und dann zusammen durch: Was können Sie wann gemeinsam spielen, und was haben Sie auch noch zu tun im Haushalt? Wann gehen Sie raus, und wann wird es Abendessen geben?

Ich kann nicht abschätzen, wie eingefahren das Muster zwischen Ihnen beiden ist. Möglicherweise brauchen Sie mehrere Gespräche, um sicherer zu werden in der Umsetzung, und bestimmt braucht es auf ein wenig Ausprobieren. Aber ich bin sicher, wenn Sie in einen guten Dialog mit Ihrem Sohn kommen, werden Sie auch gute Regelungen und Rituale für Ihre Nachmittage finden. Dann gewinnen Sie beide Stück für Stück mehr Freiraum und können Ihre Zeit ohne Druck genießen.

insgesamt 68 Beiträge
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artusdanielhoerfeld 18.12.2017
1. Prävention
Durch diesen und ähnliche Artikel über die Hilflosigkeit heutiger Eltern gegenüber ihren Kindern wird zunehmend die Notwendigkeit von vorsorgenden Maßnahmen deutlich. D.h., in der Schule ist eine pädagogische Ausbildung zum Elternsein BEVOR der Fall eintritt offensichtlich dringend geboten. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Kinder bei ihrem Prozess in das Menschsein hineinzuwachsen Regeln und Grenzen brauchen, um sich selbst darin finden und definieren zu können. Auch im Erwachsenenalter kennen wir dieses Prinzip, etwa wenn uns furchtbar schwindelig ist und wir einen unverrückbaren Halt brauchen, um uns neu zu orientieren. Wir benötigen für jede einfache Tätigkeit, sei es Angeln oder Bootfahren, einen Befähigungsnachweis, nur auf die Kinder als unser aller Zukunft werden wir als blutige Amateure losgelassen, die kaum wissen, was sie tun. Und (wie im Artikel beschrieben) bei der Erziehung ihrer Nachkommen, um sie zu sozialen und gesellschaftsfähigen Mitgliedern zu bilden, völlig versagen.
the.everybody 18.12.2017
2. Elternfühererschein?
Zu #1: Sie fordern im Ernst einen „Elternführerschein“? Wer soll denn die Regeln und die Übungseinheiten festlegen? Die Sache ist eigentlich ganz einfach: Mit Liebevollem Respekt den lieben Kleinen den Bewegungsrahmen feststecken. Geschwindigkeit der Entwicklung bestimmen die Kinder selbst, den Inhalt geben die Eltern vor. Wie Frau Saalfrank auch schreibt: die Führung übernehmen und nicht hinter den Kindern hertaumeln. Die Führung kann mann durchsus liebevoll und doch bestimmt übernehmen.
DiePureWahrheit 19.12.2017
3. Kommunikation ist das Stichwort
Fragen Sie nicht einen Therapeuten, warum sie bis 1000 zählen sollen, fragen sie ihr Kind! Warum wird nur über das Kind geredet, nicht mit ihm? Vllt ist das genau das das Problem. Im übrigen sind das blöde Machtspiele, auf die man bei aller Liebe nicht einsteigen darf. Sonst können Sie bald ein Buch schreiben: "Das kleine A****loch, Aufzucht und Pflege"
realist4 19.12.2017
4. Gut erzogen
Mit gut erzogen meine ich natürlich das das Kind die Mutter gut im Griff hat. Eigentlich sollte es ja umgekehrt sein. Warum geht die Mutter davon aus, daß das Kind im Kindergarten seine Bedürfnisse hintenan gestellt hat? Dort gibt es Erzieherinnen, viele andere Kinder, Spiele und Aktivitäten welche sicherlich die Mehrzahl der kindlichen Bedürfnisse erfüllen. Frau Saalfrank spricht, wie üblich, die Probleme der Mutter nicht an (denn diese hat psychologische Probleme nicht das Kind). Es ist allerhöchste Zeit, dass die Mutter ihren Pflichten nachkommt und dem Kind einen angemessenen Platz in der Familie zuweist, ihm richtig und falsch beibringt. Was diese Frau macht, hat mit Liebe absolut nichts zu tun.
fendrikat 19.12.2017
5. Danke
Sehr geehrte Frau Saalfrank, ..vielen Dank für diese Artikel-Reihe, die wohl zu den besten und hilfreichsten zählt, was es so zu diesem Thema zu lesen gibt. Vielen Dank, Frank Endrikat
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