Wir machen uns mal frei Das große Geschäft mit der Toilette

Unterwegs eine Toilette zu finden, ist schwierig. Aber selbst dort, wo man sie für selbstverständlich hält, wird der Gang zum WC zur kostenpflichtigen Extraleistung - zum Beispiel in Restaurants und Bahnhöfen.

Toiletten-Häuschen: Oft kommt nur rein, wer zahlt
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Toiletten-Häuschen: Oft kommt nur rein, wer zahlt


Haben Sie schon mal versucht, unterwegs eine Toilette zu finden? Gar nicht so einfach. Glücklicherweise gibt es Apps, die einem dabei behilflich sind, "WC Sucher" zum Beispiel ist sehr gut. Aber haben solche Apps wirklich zu einem massenhaften WC-Tourismus geführt, der rechtfertigen würde, dass Dienstleister und Gastronomen sich von ihren eigenen Kunden einen solch elementaren und selbstverständlichen Service extra bezahlen lassen?

Tatort Bahnhof Oldenburg. Hier hat die Deutsche Bahn die Toilette an die Firma Sanifair ausgelagert. Eine Standortübersicht verrät: An 13 anderen Bahnhöfen ist das mittlerweile auch so. Sanifair kennt man von Autobahnraststätten. Für die Autobahn muss man (noch) keinen Eintritt zahlen. Fürs Bahnfahren schon. Doch für Bahnkunden am Bahnhof Oldenburg, Hannover und anderswo gilt: Wer mal muss, muss zahlen. Ein Euro kostet der Eintritt zum Austreten.

Um den Kunden diese Kröte schluckfreundlicher zu machen, bedient sich Sanifair desselben Geschäftsmodells wie die DDR: Wer reinkommt, muss zwar bezahlen. Aber dafür kriegt er auch was "Tolles". In der DDR waren das 25 Ostmark für 25 DM. Bei Sanifair ist das ein 50-Cent-Gutschein für einen Euro. Den soll man bei McDonalds, Burger King, Nordsee, Le Crobag, Kiosken und Buchläden einlösen können.

Ein fairer Deal, meint Sanifair. Aber will man dann an der Kasse seinen Zwangskonsum-Kaugummi bezahlen, erfährt man: Mindestumsatz 2,50 Euro! Aber fünf Bons auf einmal einlösen, gilt nicht, immer nur einer pro Kauf. Und Bons von der Autobahnraststätte will hier auch niemand haben. Tatsächlich enden viele Bons ungenutzt.

Perfektes Konsum-Perpetuum-Mobile

Kein fairer Deal, finde ich, und meide seitdem Bahnhofstoiletten. Stattdessen suche ich Restaurants am Bahnhof auf. In Oldenburg lasse ich mit drängeliger Blase Sanifair links liegen und steuere McDonald's an. Guten Gewissens bestelle ich eine große Cola, denn gleich werde ich am Pissoir meinen Triumph über Sanifair und die Deutsche Bahn auskosten können. Aber ich ende vor einer verschlossenen Tür mit einem Schild: "Bitte benutzen Sie die Sanifair-Einrichtung in der Bahnhofshalle." Prima. Da kann ich dann also zum dritten Mal zahlen, bis ich endlich auf Toilette gehen darf. Und mit dem 50-Cent-Gutschein kann ich mir dann die nächste Cola kaufen, wieder aufs Sanifair-Klo gehen, dann zurück zu McDonald's... Das perfekte Konsum-Perpetuum-Mobile!

Natürlich kann ich es verstehen, dass die Bahn keine öffentliche Toilette für jedermann betreiben mag. Aber ich bin nicht jedermann, ich bin ein zahlender Bahnkunde! Wieso darf ich nicht mit meinem Bahnticket umsonst in den Sanifair-Point?

Das habe ich die Bahn gefragt. Antwort: "Bahnhofstoiletten werden bereits seit mehreren Jahrzehnten an Toilettenbetreiber verpachtet, da die Betreibung von Toilettenanlagen nicht zwingend zum Kerngeschäft eines Eisenbahninfrastrukturunternehmens gehört", sagt Kai-Henning Wagner, Sprecher Personenbahnhöfe, Deutsche Bahn AG. Und: "Eine wirtschaftliche Betreibung der Anlagen macht die Erhebung eines Nutzungsentgeltes erforderlich." (Hier lesen Sie die ganze Stellungnahme der Bahn) Wieso muss eine Toilette wirtschaftlich sein? Die Bahnhofslampen sind es doch auch nicht.

Das Spiel mit dem schlechten Gewissen

Die Unsitte des Outsourcens von Toiletten macht leider Schule, sogar in der Gastronomie. Tatort Hofbräuhaus Hamburg: Der Laden brummt, das Bier fließt in Maßen rein und will auch wieder raus. Aber an der Toilettentür wartet sie, die vorwurfserwartungsvoll blickende Dame. Und schon ist der Abend ruiniert.

Nicht nur, dass es nervt, am nicht allerbeschaulichsten Ort der Welt im Kleingeld wühlen zu müssen, während sich hinter einem alles drängelt. Es nervt mich am allermeisten, dass hier mit meinen Schuldgefühlen gespielt wird. "Die Firma, die von uns damit beauftragt ist, arbeitet auf selbstständiger Basis und wird von uns weder in Form einer Abgabe des Trinkgelds noch in der Höhe der Bezahlung Ihrer Mitarbeiter beeinflusst", sagt Frank Blin vom Hofbräuhaus Hamburg und Berlin. Ob sie das wenigstens behalten darf? Erst kürzlich klagte eine Toilettenfrau (erfolgreich) gegen ihren Arbeitgeber, weil der ihr Trinkgeld komplett einstrich.

Einerseits möchte ich, dass diese Frau anständig bezahlt wird. Andererseits meine ich, dass dies Aufgabe des Restaurantbetreibers ist. Was nun? Zahlen und mich ärgern? Oder nicht zahlen und mich geizig fühlen? "Die Toilettenbenutzung ist selbstverständlich kostenlos", versichert Frank Blin. "Lediglich ein freiwilliges Trinkgeld wird in vielen Fällen gegeben."

Ich habe einen besseren Vorschlag: Das Hofbräuhaus sollte freiwillig eine Toilettenfrau anstellen. Und ihr freiwillig den bald vorgeschriebenen gesetzlichen Mindestlohn zahlen.

Die Stellungnahmen der beiden Unternehmen, Deutsche Bahn AG und Sanifair, finden Sie hier.

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ichbinsdiesusi 24.07.2014
1. Peinlich!
Ganz ehrlich: Was soll bitte dieser peinliche DDR-Vergleich? Hätte nicht auch der Hinweis auf gängige allgemeine Geschäftsmodelle gereicht? zum Beispiel: Wer 10 Packungen Kaffee kauft, bekommt dafür Bonuspunkte, die er einlösen darf für etwas, auf das noch ein paar Euro draufgezahlt werden müssen. Auf der anderen Seite musste der Verfasser des Artikels sicher so dringend auf die Toilette, dass Konzentration nicht mehr möglich war. Geht mir auch manchmal so....
stefan.goebelt 24.07.2014
2. Das ist es mir wert
Wenn ich früher auf die grenzwertig sauberen Raststätten - Toiletten gegangen bin, habe ich der "Wärterin" auch immer einen Obolus gegeben. Da sind mir die 80 Cent allemal lieber. Die Anlagen sind sauber - und das ist das wichtigste. Für nichts bekommt man - nichts. Geiz ist nicht immer geil.
team_frusciante 24.07.2014
3.
Der Artikel ist nicht peinlich, sondern trifft den Nagel nicht nur exakt, sondern überfällig auf den Kopf. Besser hätte man die Situation nicht beschreiben können. Und, ichbinsdiesusi, es geht hier nicht darum einen "Bonus" zu kriegen. Es geht darum, als zahlender Kunde für den Toilettenbesuch extra zu bezahlen, und dann noch scheinbar wieder etwas raus zu bekommen, das nur dazu dient, die eigene Konsumfreude zu steigern, sprich man kauft sioch irgendeinen Unsinn dafür, den man sonst einfach gelasen hätte.
kai-ser210 24.07.2014
4. Geld für Sauberkeit
Auch wenn ich mich genauso über die Toilettengebühren ärgere wie der Autor, muss man zugeben, dass sanifair , bzw andere Gebühren-Örtlichkeiten weitaus sauberer sind als "Gratis-Klos". Klar kann ich mich als Mann im stehen halbwegs ohne Hautkontakt erleichtern, aber das betrifft in erster Linie flüssigen Ballast. Hinsetzen tue ich mich auf eine sanifair Toilette weitaus lieber als aufs zugestrullte Aurobahn-Parkplatz-Klo. Vom Geruch mal ganz abgesehen. Fazit: Mich nerven die Abzocke Einrichtungen auch, aber man bekommt wenigstens eine Gegenleistung -> Hygiene.
Der Meyer Klaus 24.07.2014
5.
In Bremen gibt es das Prinzip der "Netten Toilette". Ist ein solcher Aufkleber an der Tür der Lokalität kann man dort umsonst ohne was zu bestellen oder zu kaufen auf Klo. In der Regel gibt es dort auch keine Klofrauen und dennoch gebe ich meist etwas "Trinkgeld" (Klogeld?) einm der Angestellten. Die Folge ist das weniger Leute öffentlich urinieren und das ist ja auch im Interesse der Geschäfte. Funktioniert bestens.
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