Weihnachten Besser streiten

Knitteriges Geschenkpapier, krüppelige Tanne, geschmackloses Präsent: An Weihnachten reicht ein Anlass, und der Streit mit dem Partner bricht los. Ein Psychologe erklärt, wie Sie richtig streiten - und sich durchsetzen.

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Zur Person
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    Philipp Yorck Herzberg, ist Professor für Psychologie an der Helmut Schmidt Universität Hamburg. Er ist spezialisiert auf Persönlichkeitspsychologie sowie Psychologische Diagnostik und erforscht seit Jahren, wie sich Paare streiten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Herzberg, haben Sie sich an Weihnachten schon mal gestritten?

Herzberg: Klar, wie wohl fast jeder. Die meisten haben vor Weihnachten noch mal ordentlich Stress, der über die Feiertage plötzlich abfällt. Das kann Streit begünstigen. Außerdem geht das Jahr zu Ende. Viele sind da geneigt, noch mal abzurechnen - dazu gehört manchmal auch der Partner oder die Familie. Auch ich mache Fehler, aber ich versuche, meine Forschungsergebnisse in meinen Alltag zu integrieren - und besser zu streiten.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht das?

Herzberg: Wenn man sich an gewisse Regeln hält, kann Streit konstruktiv sein. Dazu gehört, den anderen zu respektieren, ihn ausreden zu lassen und zu versuchen, sich in ihn hineinzuversetzen. Absolute Tabus beim Streiten sind Gewalt, Beleidigungen und gegenseitiges Anschreien.

SPIEGEL ONLINE: Kann man Streit nicht einfach weglassen?

Herzberg: Streit an sich ist nichts Schlechtes, wenn er konstruktiv ist. Meine Oma war beispielsweise stolz darauf, dass sie sich nie mit meinem Opa gestritten hat. Damals galt das als Aushängeschild für eine glückliche Ehe. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Wer in einer Beziehung nicht mehr streitet, verhandelt auch nicht mehr. Langfristig kann das dazu führen, dass sich die Partner auseinanderleben und unglücklich werden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Streittypen gibt es, und wie kann ich sie enttarnen?

Herzberg: Wir haben bei Paaren vor allem drei Streitstile beobachtet: Den dominant-aggressiven Typ, der versucht, seinen Willen durchzusetzen, nicht vor Beleidigungen zurückschreckt und auf die Triggerpunkte des Partners zielt, um ihn zusätzlich zu provozieren. Dann gibt es den Nachgebenden, der schnell einlenkt. Kurzfristig ist das für den anderen angenehm, aber ein Rest Ärger bleibt meist. Staut sich dieser an, führt das oft zu umso heftigeren Streits. Schließlich gibt es noch den kompromissbereiten Typ, der nach einer gemeinsamen Lösung sucht.


Fünf Tipps für besseres Streiten

  • Zuhören
  • Ausreden lassen
  • Konkret werden
  • Perspektive wechseln (Was ist für uns als Paar/Familie am besten?)
  • Kompromisse eingehen

SPIEGEL ONLINE: Welcher Streitstil sorgt am ehesten für eine gute Beziehung?

Herzberg: Kompromissbereite Partner sind langfristig glücklicher in ihrer Beziehung. Sie beleidigen sich auch nicht im Streit, suchen nach einer gemeinsamen Lösung und entschuldigen sich, wenn es nötig ist. Dabei kommt es nicht darauf an, wie oft sie streiten oder wie laut, sondern auf welche Art und Weise. Allerdings gehören nur wenige Paare zu diesem Typ. Die gute Nachricht: Streiten kann man lernen.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht das?

Herzberg: Vor allem sollten sich die Partner bewusst machen, wie sie sich verhalten. Viele Paare sind erschrocken, wenn wir ihnen Aufnahmen ihrer Streits zeigen. Ihnen ist oft nicht klar, wie heftig sie aneinandergeraten. In solchen Situationen kann es helfen, sich erst mal aus der Situation rauszuziehen. Man sollte aber nicht einfach gehen, das führt beim Gegenüber oft zu Verzweiflung. Stattdessen sollte man erklären, dass man kurz Zeit braucht, und mit dem anderen verabreden, wann man wieder zum Gespräch bereit ist. Das zu lernen, ist nicht einfach, aber es lohnt sich.

SPIEGEL ONLINE: Psychologische Ratgeber empfehlen oft sachliche Ich-Botschaften. Eine gute Strategie?

Herzberg: Ich-Botschaften werden hochgehandelt, wirken aber nicht authentisch. Ein Beispiel: 'Ich habe das Gefühl, du kommst deinen Pflichten im Haushalt nicht nach.' Wer redet denn so? Stattdessen könnte man sagen: 'Du machst in letzter Zeit weniger im Haushalt als ich. Letzte Woche habe ich allein das Bad geputzt, gesaugt und den Abwasch gemacht. Ich möchte, dass sich das ändert.' Das macht das Anliegen konkret. Verallgemeinerungen wie: 'Du machst nie was im Haushalt', bringen meist nichts. Noch besser sind Wir-Botschaften: 'Wie können wir den Haushalt besser aufteilen, um gemeinsam mehr Zeit zu haben?' Das stärkt den Zusammenhalt in der Beziehung.

SPIEGEL ONLINE: Welche Strategie ist die beste, wenn man sich durchsetzen will?

Herzberg: Ich rate davon ab, den anderen zu erpressen oder auszutricksen. Selbst wenn ich mich kurzfristig damit durchsetze, droht langfristig die Vergeltung. Es ist viel besser, wenn der Partner einem freiwillig entgegenkommt. Ich rate deshalb, seine Motive offenzulegen und gezielt um einen Gefallen zu bitten. In den allermeisten Fällen freut sich der Partner, wenn er dem anderen etwas Gutes tun kann.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Rezept für eine glückliche Beziehung?

Herzberg: Partner sind oft glücklicher, wenn sie darüber nachdenken, was für sie gemeinsam als Paar das Beste ist und nicht einer gegen den anderen kämpft. Außerdem kann man sich grob an der sogenannten Gottman-Konstante orientieren. Die besagt, dass Paare dann langfristig glücklich sind, wenn auf fünf gemeinsame positive Erfahrungen eine negative kommt.



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