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Glück und Sinn: Wenn Weihnachten zur Herausforderung wird

Ein Interview von Bettina Musall

Einkaufsstraße (in Hamburg): "Sinn entsteht immer dann, wenn man etwas tut" Zur Großansicht
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Einkaufsstraße (in Hamburg): "Sinn entsteht immer dann, wenn man etwas tut"

Was ist wahre Weihnachtsfreude? Lenken Geschenke nur davon ab? Psychologin Tatjana Schnell erklärt, warum Glück mehr ist als ein gutes Gefühl und wie man die Furcht vor dem Fest besiegt.

Zur Person
Tatjana Schnell forscht an der Universität Innsbruck zu den gesellschaftlichen Bedingungen von Sinn und Glück.
SPIEGEL ONLINE: Frau Schnell, ist es nur ein frommer Wunsch, oder kann Weihnachten, das Fest der Christen, der Liebe, der Familie, zur Sinnstiftung beitragen?

Tatjana Schnell: Rituale bekommen dann Bedeutung, wenn das, was zelebriert wird, mit den persönlichen Lebensbedeutungen übereinstimmt. Wer in die Kirche geht, obwohl der christliche Gehalt des Weihnachtsfestes ihm nichts mehr sagt, kann selbst im Gottesdienst eine Leere empfinden.

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen beklagen den Niedergang von Institutionen wie Familie oder Kirchen. Werte, die in der Weihnachtszeit andererseits beschworen werden. Wie passt das zusammen?

Schnell: Das passt eigentlich gut zusammen. Es wird etwas beschworen, was einmal als wichtig galt, das wird gefeiert, dadurch wird einem bewusst, dass diese Werte nicht mehr einfach so da sind. Dass es sich lohnt, sie hochzuhalten. Heute liegt für viele Menschen der Sinn des Weihnachtsfests im Zusammensein mit der Familie, in der Gemeinschaft. Wenn das gut funktioniert, weil zum Beispiel Leute zusammenkommen, die sich selten sehen, dann kann das durchaus ein Gefühl von Sinnhaftigkeit stützen.

SPIEGEL ONLINE: Die Sinnforschung unterscheidet zwischen Glück und Lebensbedeutung.

Schnell: Glück wird oft so verstanden, dass man möglichst viele positive Gefühle erlebt. Aber das führt nicht unbedingt dazu, das Leben als sinnvoll zu erfahren. Noch nicht mal dazu, dass man sich glücklich fühlt, wie Studien zeigen. Sinn heißt nicht, nach Glück zu streben oder nach Leidensfreiheit.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Schnell: Sondern so zu leben, wie es mir entspricht und wie es für mich richtig ist. Das kann manchmal auch anstrengend sein. Zum Beispiel im Beruf. Die Forschung zeigt, dass anstrengendere Aufgaben - natürlich immer in Maßen - gut tun, sie sind ein Zeichen für Verantwortung, können inspirieren und Erfüllung bringen. Leichte Jobs sind vielleicht angenehm, aber angenehm ist etwas ganz anderes als sinnhaft.

SPIEGEL ONLINE: Oft ist Weihnachten auf Geschenkeaustausch reduziert. Passt das mit der Sinnsuche zusammen?

Schnell: Wenn zu viel Aufmerksamkeit auf den Geschenken liegt, ist das eher ein Ausdruck dafür, dass der Sinn des Weihnachtsfests entleert ist. Was nicht bedeutet, dass Geschenke an sich sinnlos sind. Aufrichtiges Schenken kann auf schöne Art Nähe und Wertschätzung ausdrücken.

SPIEGEL ONLINE: Kauf dich glücklich, suggeriert die Werbung. Andererseits sagt das Sprichwort: Geld macht nicht glücklich. Was gilt?

Schnell: Man findet in den Studien schon Zusammenhänge zwischen Glück und Geld. Wer arm ist, bei dem führt mehr Geld zu einem Anstieg des Wohlbefindens. Als ideal ausreichend wird empfunden, wenn man etwas mehr besitzt, als der Durchschnitt. Geht es darüber hinaus, wächst das Glücksgefühl nicht mehr parallel zum Wohlstand.

SPIEGEL ONLINE: Hat denn derjenige, der zufrieden ist, seinen Lebenssinn gefunden?

Schnell: Nicht unbedingt. Menschen, die ein sinnvolles Leben leben, die etwas tun, das ihnen entspricht und das auch für andere Bedeutung hat, machen überwiegend positive Erfahrungen und bezeichnen sich als glücklich. Andererseits haben wir in unseren Studien auch ziemlich viele Menschen gefunden, die ihr Leben nicht als sinnvoll erfahren, aber trotzdem relativ zufrieden sind, die weder auf der Suche nach Sinn sind, noch eine Krise oder einen Mangel erleben. Wir bezeichnen sie als existenziell indifferent.

SPIEGEL ONLINE: Sind die nicht zu beneiden?

Schnell: In Glück und Wohlbefinden haben sie bestenfalls mittlere Werte. Sie weisen allerdings auch keine Anzeichen von Leid auf. Sie werden wohl keine Behandlung oder Beratung aufsuchen, aber ihr Leben ist auch weit von dem entfernt, was man als erfüllt bezeichnen kann. Es ist eine resignative, zurückgezogene Haltung, und den Menschen geht es im Hinblick auf ihr Selbstwertgefühl oft nicht gut.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich das messen?

Schnell: Diese Menschen empfinden keine Leidenschaft, sind nicht idealistisch, glauben nicht, dass es sich lohnt, sich für etwas einzusetzen. Sie reden nicht mit in der Gesellschaft, beteiligen sich nicht an der Demokratie. Dazu passt, dass sie sich selbst als wenig kompetent erleben. Sie haben das Gefühl, keine Kontrolle über ihr Leben zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Sind ethische Werte und Konsum einander ausschließende Phänomene?

Schnell: Es kommt auf das Maß an. Wir konsumieren alle. Aber es gibt einen Konsum, der keine tatsächlichen Bedürfnisse befriedigt, sondern welche, die von der Industrie geweckt werden. Diese hedonistische Tretmühle, sich ständig das zu besorgen, was neu im Angebot ist, führt zu einer dauernden Unzufriedenheit.

SPIEGEL ONLINE: Klingt ganz schön lustfeindlich.

Schnell: Im Hinblick auf Lust durch Konsum vielleicht schon, ja. Diese Art Lust ist eine kurzfristige Angelegenheit, sie wird ganz schnell wieder frustriert. Sobald die Lust befriedigt ist, der Konsum stattgefunden hat, tritt erneut die Unzufriedenheit auf, die nach neuer Lust und neuer Befriedigung strebt. Daraus kann keine stabile Seelenverfassung wachsen.

SPIEGEL ONLINE: Wie macht man's richtig?

Schnell: Gut ist, sich bewusst zu machen, was man hat und was man warum hinzukaufen will. Auch eine fast anachronistische Haltung, die Dankbarkeit, also zu schätzen, was man hat, geht sehr wohl mit Sinn einher.

SPIEGEL ONLINE: Die Weihnachtsgeschichte erzählt von zwei Menschen in der Fremde, die vergeblich nach einer Unterkunft suchen und ihr Kind schließlich in einem Stall zur Welt bringen müssen - ein ziemlich aktueller Stoff?

Schnell: Das kann man wohl sagen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie die Weihnachtsgeschichte unter die großen sinnstiftenden Werke der abendländischen Kultur einreihen?

Schnell: Nur ein Werk oder ein Ideal ist noch nicht sinnstiftend. Sinn entsteht immer erst dann, wenn man etwas tut.

SPIEGEL ONLINE: In jüngster Zeit haben viele Menschen etwas getan…

Schnell: …und haben das als extrem sinnstiftend erlebt. So gesehen wird die Weihnachtsgeschichte in diesem Jahr vielleicht von vielen Menschen neu gelesen - als Bestätigung oder als Ansporn.

SPIEGEL ONLINE: Warum fürchten sich so viele Menschen vor den Weihnachtstagen?

Schnell: Wenn keine Familie oder Gemeinschaft vorhanden ist, führt dieses Fest die eigene Isolation besonders deutlich vor Augen.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie Menschen, die Angst davor haben, an Weihnachten in eine Sinnkrise zu geraten?

Schnell: Sinnkrisen entstehen, wenn wir merken, dass Dinge nicht so sind, wie wir angenommen, erwartet oder erhofft haben. Sie sind schmerzhaft, ermöglichen aber einen realistischeren Blick auf die Welt. Man kann der Krise vorgreifen, indem man sich bewusst macht: Was an Weihnachten ist es, das mich herausfordert? Ich muss mir nicht alles, was zu dieser Zeit hochgehalten und inszeniert wird, zu eigen machen.

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1. Kein ziemlich aktueller Stoff
kyon 23.12.2015
"Die Weihnachtsgeschichte erzählt von zwei Menschen in der Fremde, die vergeblich nach einer Unterkunft suchen und ihr Kind schließlich in einem Stall zur Welt bringen müssen - ein ziemlich aktueller Stoff?"(SPON) Nein, das ist kein "ziemlich aktueller Stoff". Die Weihnachtsgeschichte erzählt von zwei Menschen, die angeblich wegen einer von ganz oben in Rom gebotenen "Schätzung" absurderweise den Geburtsort (als Landleute, nur aus einem anderen Ort), also nicht irgendeine "Fremde" aufsuchen sollten, aber auf ein herbergsmäßig überfüllten (!) Ort stießen. Die beiden waren also lediglich bezüglich der anstehenden Geburt zur falschen Zeit am falschen Ort. Mit irgendeiner Flüchtlingsproblematik hat die Geschichte nichts, aber auch rein gar nichts zu tun. Hinzu kommt, dass sie ohnehin nur erfunden worden ist, um die im Alten Testament stehende Prophezeiung, dass der Messias in Bethlehem geboren werden würde, als erfüllt auszugeben.
2.
RDetzer 23.12.2015
Am selben Tag im selben Portal lesen wir vom Vater des ertrunkenen Alan, er wünsche sich "dass die ganze Welt ihre Türen für Syrer öffnet". Gleichzeitig schlägt die ganze Welt ihre Türen für Syrer zu. Wir beziehen nicht ein, wir schließen aus. Unsere Weihnachtsgeschichte können wir uns in dem Moment sparen. Genau gestern habe ich meine Hecktüre zur Seite gehalten, damit eine nicht ganz ältere Frau mit Rollator und Einkaufstüten besser durchgehen konnte. Sie war soeben vorbei, hat sich umgedreht und irritiert gesagt "Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr". Sie war von mir überrascht, ich war von ihr überrascht. So weit ist das. Nur die Regierung Merkel hält dagegen mit dem wenigen "wir schaffen das". Entweder wir ergreifen die Chance und bauen das aus. Oder wir verstecken uns im Mainstream des Christentums hinter verschlossenen Türen, installieren Überwachungskameras, Stacheldrahtzäune und Bürgerkriege.
3. Sinn: Wenn Weihnachten zur Herausforderung wird
binismus 23.12.2015
Jedes Jahr das gleiche Gefühlsgetöse. Im neuen Jahr wird es abgelegt wie unbrauchbare Bekleidung. Die meisten Menschen beschäftigt Geld halt mehr als der Sinn ihres Tun. Die meisten Menschen denken halt eben auch nicht logisch sondern psychologisch. Und diese Menschen brauchen dann auch etwas an das sie glauben können. Etwas zu wissen zu wollen ist da schon zu anstrengend. Dass man mit diese Denkhaltung nicht weit kommt ist logisch. Wie gesagt ...
4. Weihnachten....
fatherted98 23.12.2015
....schon lange nicht mehr. Ich komme mit der Familie zusammen, weil die Tage frei sind und wir genießen es...auch ohne Baum und Geschenke. Bei Weihnachts-Nachbarn gibts dann spätestens am 1. Feiertag nur Streit und laute Worte....
5. Ich bin glücklich und entspannt
calinda.b 23.12.2015
Weil ich Atheist bin und weder Geschenke kaufe noch welche annehme. Ich kauf auch keinen Baum, da hab ich auch kein Nadeln im Wohnzimmer und entsorgen brauch ich auch nicht. Fettiges Essen gibt's auch nicht, schließlich ist's nur ein hundsgewöhnlicher Donnerstag und Freitag. Wie man sich so was antun kann ist mir schleierhaft.
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Heft 6/2015 Meine Werte, mein Glaube, mein Glück


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