Seltsame Nachbarn: Der letzte Schrei

Offene Tür: Ereignen sich bei Nachbarn seltsame Dinge, weiß man nicht immer, was zu tun ist Zur Großansicht
Corbis

Offene Tür: Ereignen sich bei Nachbarn seltsame Dinge, weiß man nicht immer, was zu tun ist

Immer Ärger mit den Nachbarn: Auch Jens Lubbadeh plagt sich mit einem Hausbewohner, der in regelmäßigen Abständen schreit. Irgendwann ist es still, endlich Ruhe! Doch dann zieht plötzlich ein seltsamer Geruch durchs Haus.

Ich hatte einmal zwei Nachbarn: Den einen sah ich nie, den anderen zu oft. Der Einfachheit halber will ich sie in Anlehnung an das Binärsystem Nachbar 0 und Nachbar 1 nennen, wobei Nachbar 0 natürlich der ist, den man nie zu Gesicht bekam.

In meiner Wohnung hörte ich immer wieder diese Schreie: "Lass mich in Ruhe!", "Hör endlich auf!", "Geh weg!"

Sie traten unregelmäßig auf. Als ich gerade frisch eingezogen war, dachte ich zunächst, dass sich da ein Pärchen stritt. Bis mir auffiel, dass immer nur einer schrie - der Mann. Was für ein Tyrann, dachte ich.

Eines morgens traf ich Nachbar 1. "Hören Sie eigentlich auch immer diese Schreie?", fragte ich ihn.

"Ach die", er grinste ein bisschen. "Die kommen aus der Wohnung links von Ihnen." (also von Nachbar 0).

"Und warum schreit der immer so?"

"Der hat 20 Jahre lang mit seiner Mutter zusammen gelebt."

"Aber man hört immer nur ihn."

"Das war früher anders."

"Und warum schreit jetzt nur noch er?"

"Naja, sie ist schon seit einigen Jahren tot. Aber er schreit weiter." Nachbar 1 machte eine kreisende Bewegung mit seinem rechten Zeigefinger seitlich vor der Stirn.

"Aaaaaaaaaaaargh!"

Von da an sah ich die Schreie mit anderen Augen, beziehungsweise hörte sie mit anderen Ohren. Trotzdem nervten sie - und wurden schlimmer. Einmal so schlimm, dass ich mir ein Herz fasste und bei Nachbar 0 klingelte. Er öffnete nicht, hörte aber auf zu schreien. Ein andermal sah ich ihn sogar, wie er gerade vom Einkaufen kam. Er war sehr groß und sehr übergewichtig. Meinen Gruß erwiderte er nicht.

Es wurde Sommer und sehr warm. In diesen Tagen war ich froh darüber, im Erdgeschoss zu wohnen. Ich war sogar froh über die Unart meiner Nachbarn, dass sie ständig die Haustür offen stehen ließen, weil so immer ein frischer Wind herein wehte. Eines samstagmorgens stand ich gerade mit einem Kaffee in meiner Küche, als er wieder schrie.

Aber dieses Mal war es nur ein gutturaler Schrei. Das comichafte "Aaaaaaaaaaaargh" trifft es am Besten. Es klang ein bisschen so, wie wenn man bei dem C64-Spiel "Impossible Mission" mit dem Männchen in ein Loch fällt. Ich wunderte mich, denn normalerweise brüllte er ja Botschaften an seine tote Mutter. Gut, dachte ich, vielleicht hat er sich dieses Mal einfach nur auf den Daumen gehauen. Auch Verrückte machen mal Handwerkerarbeiten.

Die Tage danach war es herrlich ruhig, mein Nachbar hielt die Klappe, der Sommer war in vollem Gange, nur nachts wurde es immer recht kühl, weswegen ich die Haustür regelmäßig schloss.

Wie bei RTL

Am Dienstag bemerkte ich den Geruch zum ersten Mal. Ein süßlicher, eindringlicher Geruch. Verwesendes Fleisch, keine Frage. Da ich im Erdgeschoss, gleich neben der Kellertreppe wohnte, war meine erste Vermutung: eine tote Ratte.

Es wurde schlimmer. Keine Ratte konnte so stinken, dachte ich. Es musste eine der Nachbarskatzen sein, die immer auf meiner Terrasse herumstromerten. Ich öffnete die Haustür jetzt regelmäßig, sonst war der Geruch nicht mehr zu ertragen.

Freitag zog der Gestank bis in die Wohnung. Und plötzlich fielen die Puzzleteile in meinem Hirn wie auf einen Schlag selbst zusammen: Verwesungsgeruch. Der seltsame Schrei vor einer Woche. Die unnatürliche Stille danach. War Nachbar 0 etwa....? Nein, dachte ich. So etwas passierte doch nicht wirklich. So etwas las man nur in der "Bild" oder sah man auf RTL.

Ich rief die Hausverwaltung an. Es war Freitagabend. Man wimmelte mich ab, sagte mir, dass der Geruch von Nachbar 1 käme, er hätte schon früher in seiner Wohnung unerlaubt Müll gehortet bis sich Leute über den Geruch beschwert hätten. Am Montag wolle man ihm einen Brief schicken. Montag? "Das ist zu spät!", sagte ich verzweifelt. "Dieser Geruch ist nicht mehr zu ertragen, Sie müssen handeln. Jetzt!" Nein, beharrten die Hausverwalter, Montag.

War der Nachbar ein Messie?

Ich klingelte bei Nachbar 1, um die Müll-Hypothese zu überprüfen. War er etwa ein Messie? Von Menschen, die mit 500 Pizzakartons und/oder Wellensittichen zusammenwohnen, hörte man ja oft genug. Auch aus der "Mopo", der "Bild", bei RTL. Er öffnete, ich nahm eine tiefe Nase - nein, zwar kein schöner Geruch, aber definitiv auch nicht die Quelle des Gestanks. Durch den Schlitz waren auch keine Wellensittichschwärme zu erkennen. Ich fragte ihn, ob er den üblen Gestank denn auch rieche. Er schnüffelte mehrmals (nachdem er vorher ein paar Schritte in den Flur trat), sagte aber nichts. Vielleicht befürchtete er eine Fangfrage.

Ich klingelte bei Nachbar 0, um die Verwesender-Nachbar-in-Wohnung-Hypothese zu überprüfen. Nichts. Stille. Klingelte nochmal und nochmal - zuletzt drückte ich 30 Sekunden lang. Nichts. Aber das war noch kein Beweis, denn früher hatte er ja auch nie auf mein Klingeln reagiert. Aus Boulevardpresse und Reality-TV wusste ich, dass überquellende Briefkästen ein Zeichen für tote Nachbarn waren. Wir hatten aber Türschlitze, die nicht überquellen konnten. Der Geruch war auch so durchdringend im Hausflur verteilt, dass ich seine Quelle nicht genau verorten konnte.

Da war das ethische Dilemma: Was, wenn es doch eine tote Katze war und Nachbar 0 einfach im Urlaub? Wie sehr würde ich mich blamieren, wenn ich solch einen gewichtigen Fehlalarm lostrat? Und wer würde meinem Nachbar die aufgebrochene Tür bezahlen? Was aber, wenn tatsächlich etwas passiert war? Was, wenn er womöglich sogar noch am Leben war, hilflos, gelähmt von einem Schlaganfall, und seit einer Woche auf Hilfe hoffte?

Ich rief die Polizei an. Zwei sichtbar unmotivierte Beamte kamen drei Stunden später, stellten Fragen, versuchten in Nachbar 0s Wohnung zu kommen. Ich schloss die Tür. Dann nahmen die Dinge ihren Lauf. Ich mach's kurz: Die Feuerwehr kam, brach die Tür auf. Dann erschreckte Ausrufe. Dann Stille. Dann ein Krankenwagen. Dann Tumult. Zuletzt: Stille.

Die Stille blieb. Sein letzter Schrei aber hallt noch heute nach - in meinem Kopf.

Experten-Interview
Was tun, wenn der Nachbar vielleicht tot ist?
Mark Benecke ist Kriminalbiologe aus Köln. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE gibt er Tipps, wie man sich in einem solchen Fall am besten verhält.
Woran kann man erkennen, dass mit dem Nachbarn vielleicht etwas nicht stimmt?
Wenn die üblichen Geräusche nicht mehr zu hören sind, wie beispielsweise die Klospülung. Oder umgekehrt permanent das Wasser läuft. Und natürlich an Gerüchen. Aber ein schlechter Geruch deutet nicht zwingend darauf hin, dass der Nachbar tot ist. Manche riechen auch lebendig sehr unangenehm.
Was sollte man tun, wenn man das Gefühl hat, dass sonst etwas nicht stimmt?
Wenn man einen begründeten Verdacht und keinen Schlüssel zu der Wohnung hat, sollte man sofort die Polizei unter 110 anrufen. Das darf man auch.
Wie läuft das ab?
Die Polizei wird erst einmal die Lage sondieren und, falls sie nicht in die Wohnung kommt, die Feuerwehr verständigen. Die versucht sich dann Zutritt zu der Wohnung zu verschaffen, meist über das Fenster. Wenn das nicht geht, bricht sie die Tür auf.
Was aber, wenn man einen Fehlalarm auslöst? Haftet man dann für eine aufgebrochene Tür?
Nein, wenn man wirklich einen begründeten Verdacht hatte, nicht unnötig Hysterie geschürt hat und einfach helfen wollte, muss man sich keine Sorgen machen.
Sollte man die Tür selbst aufbrechen?
Das kommt drauf an. Wenn man auf dem Land wohnt und man den Verdacht hat, dass der Nachbar dringend Hilfe braucht, sollte man schnell handeln. Manchmal geht es um Minuten, vielleicht hatte der Nachbar ja einen Herzinfarkt? Aber dann sollte man sich im Klaren sein, dass man im Falle eines Fehlalarms auch haftbar ist.
Kann es nicht gefährlich sein, in eine Wohnung zu gehen, in der womöglich eine verwesende Leiche liegt?
Nein, da braucht man keine Angst zu haben. Das stinkt natürlich im Zweifel sehr, aber die Faulgase sind ungefährlich.
Was passiert, wenn die Polizei tatsächlich eine Leiche findet?
Die Beamten werden erst einmal prüfen, ob es Hinweise auf Fremdeinwirkung gibt. Womöglich ziehen sie noch einen Arzt hinzu. Bei Unklarheiten wird eine Leichenschau in Auftrag gegeben, vor allem bei jüngeren Leuten wird das gemacht. Dann werden sie versuchen, die Leiche anhand von Ausweispapieren oder ähnlichem zu identifizieren und Verwandte zu finden. Dann wird ein genetischer Fingerabdruck gemacht.
Wie häufig passiert das, dass tote Nachbarn unerkannt in ihrer Wohnung liegen?
Das passiert schon hin und wieder. Typische Fälle sind sozial schwache Gebiete in Großstädten. In einem funktionierenden nachbarschaftlichen Umfeld, wo die Leute aufmerksam aufeinander achten, ist das aber eher selten.

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insgesamt 37 Beiträge
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1.
almeda 11.07.2012
tolle geschichte!!!
2. freigemacht?
almeda 11.07.2012
echt ne tolle geschichte, schnell und zügig geschrieben... krankenwagen heißt aber, dass nachbar 0 noch lebt, oder irre ich da.... ne woche lang gelegen? fragen über fragen
3. optional
stefanaugsburg 11.07.2012
genau, was denn nun - immer diese geheimniskrämerei, geht gar nicht. wenn der sanka kommt, dann isser nicht tot, denn sonst käme gleich der leiwa. also entweder kam der notarzt (und nicht der sanka) - der stellt überflüssigerweise den Tod des Herren fest - oder er war wirklich eine woche lang bewegungslos rumgelegen und stank (lebend) vor sich hin. aber dann müssten es wohl eher exkrementgerüche und keine von verfaulendem Fleisch. also sein. Also, Herr Lubbadeh, bitte klären Sie uns wirklich auf -.. und machen Sie es nicht so spannend ...
4. Schönheitsfehler an Geschichte
langenscheidt 11.07.2012
Man wohnt nicht im Erdgeschoss, wenn es keine weiteren überliegenden Etagen gibt. Gibt es sie doch, kann es keine Türschlitze als Briefkästen geben. Dann wäre die Haustür immer offen und jeder hat uneingeschränkt Zutritt und Postboten müssten über mehrere Etagen Post und Zeitungen verteilen. Letzteres ist in der modernen Zeit ausgeschlossen.
5.
vogel0815 11.07.2012
Zitat von almedaecht ne tolle geschichte, schnell und zügig geschrieben... krankenwagen heißt aber, dass nachbar 0 noch lebt, oder irre ich da.... ne woche lang gelegen? fragen über fragen
Ich vermute ja eher, dass der Krankenwagen routinemäßig da war bzw. der Notarzt, um den Tod festzustellen.
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Zum Autor
  • Jens Lubbadeh ist Redakteur bei "Technology Review". Während seines Biologiestudiums hatte er auch manchmal einen weißen Kittel an, war aber jedesmal froh, wenn er ihn wieder ausziehen konnte.