Ich hatte einmal zwei Nachbarn: Den einen sah ich nie, den anderen zu oft. Der Einfachheit halber will ich sie in Anlehnung an das Binärsystem Nachbar 0 und Nachbar 1 nennen, wobei Nachbar 0 natürlich der ist, den man nie zu Gesicht bekam.
In meiner Wohnung hörte ich immer wieder diese Schreie: "Lass mich in Ruhe!", "Hör endlich auf!", "Geh weg!"
Sie traten unregelmäßig auf. Als ich gerade frisch eingezogen war, dachte ich zunächst, dass sich da ein Pärchen stritt. Bis mir auffiel, dass immer nur einer schrie - der Mann. Was für ein Tyrann, dachte ich.
Eines morgens traf ich Nachbar 1. "Hören Sie eigentlich auch immer diese Schreie?", fragte ich ihn.
"Ach die", er grinste ein bisschen. "Die kommen aus der Wohnung links von Ihnen." (also von Nachbar 0).
"Und warum schreit der immer so?"
"Der hat 20 Jahre lang mit seiner Mutter zusammen gelebt."
"Aber man hört immer nur ihn."
"Das war früher anders."
"Und warum schreit jetzt nur noch er?"
"Naja, sie ist schon seit einigen Jahren tot. Aber er schreit weiter." Nachbar 1 machte eine kreisende Bewegung mit seinem rechten Zeigefinger seitlich vor der Stirn.
"Aaaaaaaaaaaargh!"
Von da an sah ich die Schreie mit anderen Augen, beziehungsweise hörte sie mit anderen Ohren. Trotzdem nervten sie - und wurden schlimmer. Einmal so schlimm, dass ich mir ein Herz fasste und bei Nachbar 0 klingelte. Er öffnete nicht, hörte aber auf zu schreien. Ein andermal sah ich ihn sogar, wie er gerade vom Einkaufen kam. Er war sehr groß und sehr übergewichtig. Meinen Gruß erwiderte er nicht.
Es wurde Sommer und sehr warm. In diesen Tagen war ich froh darüber, im Erdgeschoss zu wohnen. Ich war sogar froh über die Unart meiner Nachbarn, dass sie ständig die Haustür offen stehen ließen, weil so immer ein frischer Wind herein wehte. Eines samstagmorgens stand ich gerade mit einem Kaffee in meiner Küche, als er wieder schrie.
Aber dieses Mal war es nur ein gutturaler Schrei. Das comichafte "Aaaaaaaaaaaargh" trifft es am Besten. Es klang ein bisschen so, wie wenn man bei dem C64-Spiel "Impossible Mission" mit dem Männchen in ein Loch fällt. Ich wunderte mich, denn normalerweise brüllte er ja Botschaften an seine tote Mutter. Gut, dachte ich, vielleicht hat er sich dieses Mal einfach nur auf den Daumen gehauen. Auch Verrückte machen mal Handwerkerarbeiten.
Die Tage danach war es herrlich ruhig, mein Nachbar hielt die Klappe, der Sommer war in vollem Gange, nur nachts wurde es immer recht kühl, weswegen ich die Haustür regelmäßig schloss.
Wie bei RTL
Am Dienstag bemerkte ich den Geruch zum ersten Mal. Ein süßlicher, eindringlicher Geruch. Verwesendes Fleisch, keine Frage. Da ich im Erdgeschoss, gleich neben der Kellertreppe wohnte, war meine erste Vermutung: eine tote Ratte.
Es wurde schlimmer. Keine Ratte konnte so stinken, dachte ich. Es musste eine der Nachbarskatzen sein, die immer auf meiner Terrasse herumstromerten. Ich öffnete die Haustür jetzt regelmäßig, sonst war der Geruch nicht mehr zu ertragen.
Freitag zog der Gestank bis in die Wohnung. Und plötzlich fielen die Puzzleteile in meinem Hirn wie auf einen Schlag selbst zusammen: Verwesungsgeruch. Der seltsame Schrei vor einer Woche. Die unnatürliche Stille danach. War Nachbar 0 etwa....? Nein, dachte ich. So etwas passierte doch nicht wirklich. So etwas las man nur in der "Bild" oder sah man auf RTL.
Ich rief die Hausverwaltung an. Es war Freitagabend. Man wimmelte mich ab, sagte mir, dass der Geruch von Nachbar 1 käme, er hätte schon früher in seiner Wohnung unerlaubt Müll gehortet bis sich Leute über den Geruch beschwert hätten. Am Montag wolle man ihm einen Brief schicken. Montag? "Das ist zu spät!", sagte ich verzweifelt. "Dieser Geruch ist nicht mehr zu ertragen, Sie müssen handeln. Jetzt!" Nein, beharrten die Hausverwalter, Montag.
War der Nachbar ein Messie?
Ich klingelte bei Nachbar 1, um die Müll-Hypothese zu überprüfen. War er etwa ein Messie? Von Menschen, die mit 500 Pizzakartons und/oder Wellensittichen zusammenwohnen, hörte man ja oft genug. Auch aus der "Mopo", der "Bild", bei RTL. Er öffnete, ich nahm eine tiefe Nase - nein, zwar kein schöner Geruch, aber definitiv auch nicht die Quelle des Gestanks. Durch den Schlitz waren auch keine Wellensittichschwärme zu erkennen. Ich fragte ihn, ob er den üblen Gestank denn auch rieche. Er schnüffelte mehrmals (nachdem er vorher ein paar Schritte in den Flur trat), sagte aber nichts. Vielleicht befürchtete er eine Fangfrage.
Ich klingelte bei Nachbar 0, um die Verwesender-Nachbar-in-Wohnung-Hypothese zu überprüfen. Nichts. Stille. Klingelte nochmal und nochmal - zuletzt drückte ich 30 Sekunden lang. Nichts. Aber das war noch kein Beweis, denn früher hatte er ja auch nie auf mein Klingeln reagiert. Aus Boulevardpresse und Reality-TV wusste ich, dass überquellende Briefkästen ein Zeichen für tote Nachbarn waren. Wir hatten aber Türschlitze, die nicht überquellen konnten. Der Geruch war auch so durchdringend im Hausflur verteilt, dass ich seine Quelle nicht genau verorten konnte.
Da war das ethische Dilemma: Was, wenn es doch eine tote Katze war und Nachbar 0 einfach im Urlaub? Wie sehr würde ich mich blamieren, wenn ich solch einen gewichtigen Fehlalarm lostrat? Und wer würde meinem Nachbar die aufgebrochene Tür bezahlen? Was aber, wenn tatsächlich etwas passiert war? Was, wenn er womöglich sogar noch am Leben war, hilflos, gelähmt von einem Schlaganfall, und seit einer Woche auf Hilfe hoffte?
Ich rief die Polizei an. Zwei sichtbar unmotivierte Beamte kamen drei Stunden später, stellten Fragen, versuchten in Nachbar 0s Wohnung zu kommen. Ich schloss die Tür. Dann nahmen die Dinge ihren Lauf. Ich mach's kurz: Die Feuerwehr kam, brach die Tür auf. Dann erschreckte Ausrufe. Dann Stille. Dann ein Krankenwagen. Dann Tumult. Zuletzt: Stille.
Die Stille blieb. Sein letzter Schrei aber hallt noch heute nach - in meinem Kopf.
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