Katharina Saalfrank antwortet Wie kann ich meiner müden Erstklässlerin helfen?

Am frühen Morgen kämpfen Eltern und Tochter um jede Kleinigkeit. In einer anderen Familie gibt es Streit, seit die Mutter wieder arbeitet. Was helfen kann, verrät Familienratgeberin Katharina Saalfrank.

Wenn Erstklässler einfach nur erschöpft sind
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Wenn Erstklässler einfach nur erschöpft sind


    Ihre Erziehungsfrage: Auf unseren Leseraufruf hin haben Sie uns viele Fragen an die Erziehungsexpertin Katharina Saalfrank geschickt. Daraus haben wir in der Redaktion einige ausgewählt und der Pädagogin geschickt. Hier antwortet sie in einer losen Serie.

Eine Mutter fragt: Meine kleine Tochter ist im September in die erste Klasse gekommen. Da mein Mann Franzose ist, haben wir sie - wie ihre Schwester - in die französische Schule gegeben. Leider ist diese Schule so weit weg, dass wir morgens um sieben Uhr außer Haus müssen und durch die ganze Stadt fahren. Sie hat den Schulstart wunderbar gemeistert, sofort Freunde gefunden und die Sprache macht ihr auch keine Probleme.

Allerdings hat sie große Probleme morgens mit dem Aufstehen. Sie schafft es einfach nicht aus dem Bett. Ich ziehe sie dann meistens noch halb schlafend im Bett an, was sie so stresst, dass sie richtig aggressiv wird oder weint. Alles, was ich ihr anziehe, findet sie nicht akzeptabel, weil es angeblich kneift und kratzt und zwickt oder hässlich ist. Dadurch verlieren wir viel Zeit und ich irgendwann die Nerven, und dann schreie ich sie an, was natürlich auch nicht hilft.

Sie geht abends um acht Uhr ins Bett und schläft nach einem kurzen Vorlesen bald ein. Früher schaffen wir es nicht, weil wir abends unbedingt alle vier zusammen essen wollen. Sie hat drei Tage die Woche bis 16 Uhr Schule. Danach hat sie immer ein körperliches Tief. Sie isst dann etwas Kohlenhydratreiches, was ihr hilft, wieder fit und wach zu werden. Was machen wir falsch?

Zur Person
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    Katharina Saalfrank, Jahrgang 1971, war viele Jahre lang als Diplompädagogin in dem TV-Format die "Super Nanny" tätig: Von 2004 bis 2011 lief auf RTL die Sendung, in der sie chaotischen Eltern Erziehungstipps gab. Seit 17 Jahren arbeitet Saalfrank als Therapeutin. Im Oktober 2017 ist ihr aktuelles Buch "Kindheit ohne Strafen" erschienen.

Katharina Saalfrank antwortet: Für mich hört sich das nach einem sehr vollen Tag für Ihre Tochter an. Sie scheint insgesamt gut zu kooperieren und tapfer "durchzuhalten", morgens jedoch, wenn sie früh aufstehen soll, zeigt sich, dass eigentlich alles zu viel ist und sie nicht erholt in den Tag starten kann.

Ich denke, dass nicht eine Sache kausal dazu führt, dass ihre Tochter erschöpft ist, sondern verschiedene Aspekte. Lassen Sie uns die Situation mal genauer anschauen: Sie haben sich für eine Schule entschieden, die einen weiteren Anfahrtsweg hat. Das bedeutet für Ihre Tochter eine zusätzliche zeitliche Verschiebung zu der ohnehin schon großen Umstellung durch den Schulbeginn.

An drei Tagen in der Woche ist Ihre Tochter von 7 Uhr morgens bis 17 Uhr am späten Nachmittag außer Haus. Sie signalisiert Ihnen aus meiner Sicht mit ihrem Verhalten ziemlich deutlich, dass sie mit ihren Kräften am Ende ist. Bei dem von Ihnen beschriebenen Tagesablauf kann ich das gut nachvollziehen.

Sie scheinen das als Eltern deutlich zu spüren. Ihr Hinweis darauf, dass die Schlafenszeiten nicht vorverlegt werden können, deutet darauf hin. Sie dürfen auf Ihr Gefühl hören und - anstatt es zu übergehen - schauen, wo Sie Entlastung für Ihre Tochter schaffen können.

Da Sie vermutlich die Anfahrt und die Schulzeiten nicht verändern können, bleibt nur die Zeit nach der Schule übrig. Prüfen Sie für sich doch noch mal die einzelnen Punkte und überlegen Sie, ob Sie den Preis zahlen wollen und in Kauf nehmen, dass Ihre Tochter morgens jeweils unausgeschlafen und mit Aggressionen in den Tag startet oder ob Sie als Eltern nicht doch noch irgendwo Entlastung und Raum für Erholung schaffen können.

Für Ihre Tochter kann zusätzlich auch noch hilfreich sein, wenn Sie ihr sagen, dass Sie ihre Überforderung sehen und nachvollziehen können. Sicher wird es ihr mit dem Tagesstart auch nicht gut gehen, und vielleicht hat sie sogar Schuldgefühle, Ihnen so viel "Ärger" zu machen. Es könnte sie also entlasten, wenn sie sich von Ihnen in ihrer Überforderung und dem, was sie tagtäglich leistet, gesehen fühlt.


Eine Mutter fragt: Wir haben drei Kinder, sie sind drei, sechs und acht Jahre alt. Vor vier Wochen bin ich in Teilzeit wieder in meinen Beruf eingestiegen. Seither ist unser Alltag durch unzählige Konflikte zwischen den Kindern, aber auch zwischen unserer Ältesten und uns belastet: Wildes Stoßen, Schlagen und Beschimpfungen gehören dazu.

Wir wissen, dass wir als Familie in einer Eingewöhnungsphase in unser neues Leben sind und dass dies Unruhe mit sich bringt. Aber ständiger Streit zermürbt uns alle und wir wissen im Moment nicht genau, wie weiter. Deshalb unsere Frage: Wie können wir ohne Wut im Bauch angemessen auf Konflikte unter unseren Kindern reagieren, ohne auf die Wenn-Dann-Schiene abzudriften?

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Katharina Saalfrank antwortet: Ich teile Ihre Einschätzung, dass die Veränderung Unruhe in Ihr Familienleben bringt. Was Sie tun können, ist, ganz offen mit Ihren beiden älteren Kindern darüber zu sprechen. Laden Sie Ihre Kinder ein: "Ich möchte gerne mit euch sprechen." Ich nenne diese Treffen "Küchen-Kakao-Gespräche".

Es geht hierbei darum, dass Sie sich mit Ihren Kindern austauschen und hören, wie sie die Veränderung wahrnehmen und wie es ihnen damit im Alltag geht. Für diesen Dialog ist die Voraussetzung, dass Sie sich den Kindern offen und unvoreingenommen zuwenden. Fragen Sie erst mal nur, und lassen Sie die Kinder zu Wort kommen. Damit signalisieren Sie, dass Sie ernst nehmen, was die Kinder sagen, denken und fühlen und dass Sie Verständnis dafür haben.

Fragen Sie nach: "Was glaubt Ihr, woher die Streitigkeiten kommen? Gibt es etwas, was wir - Papa und Mama - tun können, damit es euch besser geht?" Erzählen Sie auch von sich: "Wir streiten viel, und ich merke, dass es euch nicht so gut geht. Das tut mir leid, und ich möchte gerne wissen, warum das so ist." Sie können sich dann nach dem Dialog mit Ihren Kindern auch über das Gehörte als Eltern untereinander austauschen und überlegen, was Sie tun können, um die Abläufe im Alltag zu optimieren.

In einer Familie geht es vor allem darum, sich auszutauschen und zu hören, was ein anderer denkt und fühlt. Es geht nicht darum, dass Sie Ihr Leben ändern sollen, sondern darum, dass die Veränderung in Ihrer aller Leben auch thematisiert werden darf und alle mit ihren Anliegen, Wünschen und Bedürfnissen gehört werden. Das allein trägt oft schon zu einer besseren Atmosphäre und Entlastung im Alltag bei.

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dichris 24.10.2017
1. Mensch, das Kind muss früher ins Bett...
...wie wär's mit Abenbrot vorverlegen! Alles kann man eben nicht haben. Was für eine Frage...
babasikander 24.10.2017
2. Was für eine Qual!
Ich hatte in den 80ern eine halbe Stunde Fußweg zur Schule und war zum Mittagessen an jedem Tag wieder zu Hause. Es gab keinen Unterricht am Nachmittag und so ein komisches Gedöns. Warum machen die Eltern dieses heutige System eigentlich mit? Dass das krank macht, liegt doch auf der Hand... Wenn der Stundenplan der Kinder an die Arbeitszeiten der Eltern heranreicht, sollte man mal kurz innehalten und wirklich die Systemfrage stellen. Es braucht Zeit zum Trödeln und zur Langeweile!
juliajuliane 24.10.2017
3. Ein Kind in dem Alter braucht 11-12 Stunden Schlaf
Was für eine nichtswagende Antwort. Fakt ist, ein Kind, das gerade die Schule anfängt braucht 11-12 Stunden Schlaf und die Eltern haben dafür zu sorgen, daß es die bekommt. Meine Tochter brauchte 12. Also muß der Plan sein: Schulranzen am Tag vorher packen nach der Schule packen und die Klamotten für den nächsten Tag raussuchen. Snack, den sie als Frühstück im Auto essen kann am Abend vorher vorbereiten. 18:30 ins Bett 6:30 Aufstehen 7:00 los und Frühstück im Auto Anders geht es nicht, wenn am A sagt, muß man auch B sagen. Eventuell kann man die Zeit morgens auf 15 Minuten von Aufstehen bis ins Auto sitzen verkürzen. Denn 18:30 ist sehr früh. Frühstück daheim sehe ich nicht, wie das gehen soll. 20 Uhr ins Bett ist absolut indiskutabel wenn es so früh losgeht. Einzige Alternative ist eine Mittagsschlaf gleich nach der Schule, das klappt aber vermutlich nicht und ist vor allem keine Dauerlösung, kein Zweitklässler ist bereit noch Mittagsschlaf zu machen. Meine Tochter ist jetzt 12 und schläft noch immer 11 Stunden in der Nacht.
ansv 24.10.2017
4.
Zitat von dichris...wie wär's mit Abenbrot vorverlegen! Alles kann man eben nicht haben. Was für eine Frage...
Das war mein erster Gedanke. Das Kind ist müde und hungrig, wenn es nach Hause kommt? Ganz einfach: Abendessen, Spielen und dann ins Bett. Der Vater schafft das nicht um diese Zeit? Willkommen im Club. In anderen Familien ist der Vater daher fürs Vorlesen zuständig, das kann man schaffen, wenn man nur will.
huz6789 24.10.2017
5. Fall 1: Eventuell Kulturproblem und überambitionierte Eltern
Die Antwort der Pädagogin scheint mir weder besonders hilfreich, noch besonders auf die spezielle Situation dieser Familie einzugehen und geht daher m.E. am Problem vorbei. Hier meine Meinung (wir haben einige Erfahrung mit frz. Multikulti), obwohl diese Meinung ein bisschen ins Eingemachte geht: Das französische Schulsystem vereinnahmt die Kinder grundsätzlich stärker als das deutsche. Das hat mit der frz. Kultur zu tun, welche die - relativ bedingungslose - Einbindung in die Gruppe und in das System von Klein auf anstrebt, ja durchsetzt. Das ist zunächst mal wertfrei zu sehen, kann aber gerade Kinder mit deutschem Kulturanteil (den die Mutter natürlich nicht einfach ausblendet) erst mal vor eine ganz gewaltige Aufgabe stellen. Weiter scheint mir die Schilderung darauf hinzudeuten, dass die Eltern sehr große Erwartungen an ihr Kind stellen. Ich spekuliere mal, dass diese vor allem vom Ehemann ausgeht, der im frz. system weiß, dass Ihre Kinder sich im frz. System sehr anstrengen müssen, um später einen guten Job zu bekommen. Das dürfte mit ein Grund sein, warum dem Kind die Zumutung auferlegt wird, nicht an eine Schule vor Ort gehen zu können, wo das Kind dann auch mal seine dort gefundenen Freundinnen am Nachmittag zum Spielen einladen kann. Vergessen wir auch nicht, dass das Kind zweisprachig aufgewachsen ist. Dem Kind wird auferlegt, die kulturelle Doppelidentität der Ehe nachzubilden... und offenbar tut es das auch perfekt, denn es hatte ja keine Anlaufschwierigkeiten. Die Erwartungen dieser Eltern sind sehr hoch. Natürlich soll das gemeinsame Abendessen, wie in Frankreich Standard, auch durchgesetzt werden. Letzteres halte ich allerdings auch für enorm wichtig. Dieses Kind leidet m.E. unter dem kulturellen Spannungsfeld der Eltern. Vereinfacht gesagt: Im Grunde soll das Kind französisch aufwachsen, aber die Eltern oder die Mutter wollen in Deutschland bleiben. Die Eltern verstehen nicht, dass sie entweder das Kind auf eine deutsche Schule vor Ort schicken müssten (will wahrscheinlich der Vater nicht) oder die Familie nach Frankreich ziehen müsste (will wahrscheinlich die Mutter nicht). Die Eltern wollen alles zugleich und das Kind hat den Spagat und leidet darunter. Darum ist es müde und könnte - wenn es sich nicht anpasst unter dem Schreien der Mutter - mit der Zeit sogar depressiv werden. Das ist vielleicht die richtige Antwort. Aber wohl nicht die, die die Eltern hören wollen.
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