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Jesper Juul antwortet: Wie kriege ich meinen Sohn vom Bildschirm weg?

Im Sog des Bildschirms: Viele Jugendliche realisieren selbst, dass es nicht gut für sie ist Zur Großansicht
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Im Sog des Bildschirms: Viele Jugendliche realisieren selbst, dass es nicht gut für sie ist

Chatten, spielen, glotzen: Eine Mutter streitet mit ihrem 16-Jährigen über seinen Medienkonsum, kann ihre Wünsche aber nicht durchsetzen. Was nun? Der Pädagoge Jesper Juul schlägt Waffenruhe vor.

Ihre Erziehungsfrage: Auf unseren Leseraufruf hin haben Sie uns viele Fragen an den Familientherapeuten Jesper Juul geschickt. Daraus haben wir in der Redaktion einige ausgewählt und dem Pädagogen geschickt. Hier antwortet er in einer losen Serie.

Eine alleinerziehende Mutter von zwei Jungen und einem Mädchen fragt: Manchmal stehe ich meinem fast 16-jährigen, ältesten Sohn gegenüber und fühle mich so hilflos, ohnmächtig und wütend, dass alle guten Vorsätze vergessen sind und immer wieder der gleiche Film abläuft. Der Konflikt: Ich will, dass er sich am Haushalt beteiligt und zumindest so viel für die Schule tut, dass er den Realschulabschluss schafft. Er will vor allem den ganzen Tag (und die ganze Nacht) sein Handy, iPod etc. zur freien Verfügung haben, was zur Folge hat, dass er sich mit nichts anderem mehr beschäftigt - wir haben es ausprobiert. Gemeinsam ausgetüftelte Regeln werden regelmäßig ignoriert, umgangen und immer wieder infrage gestellt. Entsprechend gibt es von meiner Seite Medienentzug gegen massiven Protest. Dann kracht es ziemlich, und der altbekannte "Machtkampf" geht los, der unheimlich kräftezehrend und nicht zielführend ist und sicher nicht zu einer respektvollen Beziehung führt. Innerlich (und oft auch äußerlich) raste ich aus. Nach einer Weile ist wieder ein vernünftiges Gespräch möglich. Aber dann geht alles wieder von vorne los.

Ich weiß, dass ich verantwortlich dafür bin, und sehe nach einem Streit auch immer meine Unsicherheit und Inkonsequenz. Aber vielleicht haben Sie ja doch einen Rat für mich, wie ich aus dieser Spirale rauskomme?

Zur Person
  • Anja Kring
    Der dänische Familientherapeut Jesper Juul ist Autor von mehr als 25 Büchern über Kindererziehung, Familienleben und Pubertät. Eines seiner Standardwerke ist "Das kompetente Kind". Der Pädagoge meint: "Kinder müssen nicht großgezogen werden, sie brauchen empathische Führung, während sie älter werden."

Jesper Juul antwortet: Es ist schwierig für mich, Ihre Frage zu beantworten, weil ich nichts darüber weiß, wie Sie in den vergangenen 15 Jahren Interessenskonflikte mit Ihrem Sohn gelöst haben. Ein weiterer wichtiger Faktor scheint mir zu sein, dass Sie seine Mutter sind und er offenbar wenig Erfahrung und kein Rollenmodell dafür hat, wie Männer und Frauen sich über ihre Unterschiede auseinandersetzen können. Das könnte ein Grund sein, warum er sich Ihnen gegenüber mit all der Munition wappnet, die er zur Verfügung hat.

Mein Vorschlag ist, dass Sie mit ihm einen Waffenstillstand verabreden. Bitten Sie ihn, Ihnen fünf Minuten lang still zuzuhören. Sagen Sie dann folgendes: "Ich habe große Schwierigkeiten und weiß keinen Ausweg. Ich sehe zu, wie selbstzerstörerisch du dich verhältst, wenn du freien Zugang zu deinem Tablet und deinem Handy hast. Das macht mich sehr unglücklich. Aber so sehr ich mich verantwortlich dafür fühle, wie du dich verhältst, so sehr merke ich auch, dass ich es überhaupt nicht gut hinkriege. Deswegen will ich etwas verändern. Ich will (und nicht "ich möchte") für einen Monat Waffenruhe zwischen uns, was das Thema Medien angeht. Lass uns uns in einem Monat wieder zusammensetzen und gemeinsam überlegen, wie wir langfristig damit umgehen können."

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Nach einem Monat setzen Sie sich natürlich wieder mit Ihrem Sohn zusammen. Ich mache diesen Vorschlag zu Ihrem Besten, damit Sie anstelle von Kapitulation und Selbstaufgabe nach einem anderen Weg suchen können, wie Sie Ihre Verantwortung tragen können. Sie, er und ich wissen, dass Ihr Sohn am Ende machen kann, was er will - und das vermutlich auch tun wird. Der Weg, nach dem wir suchen, ist der Weg, auf dem er selbst Verantwortung übernimmt für sein Leben.

Nach einem Monat werden Sie beide mehr darüber wissen, wie er sich verhält, wenn er nicht dauernd unter Druck steht. Dieses Verhalten können Sie als Ausgangssituation nehmen. Viele Jugendliche realisieren selbst, dass es nicht gut für sie ist, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche vor dem Bildschirm zu sitzen. Andere begreifen das nicht.

Als Eltern können wir den Krieg beenden und auf das Beste hoffen. Wir können uns in positiver Beeinflussung üben, die Daumen drücken und in freundlichem Kontakt mit unseren Kindern bleiben.

Das schlimmste Szenario ist, dass Ihr Sohn viel verliert. Aber das liegt in seiner Verantwortung, wie auch immer wir es drehen und wenden. Sie können darüber weinen, wenn das passiert. Aber stellen Sie sicher, dass Sie mit ihm zusammen weinen und nicht allein.

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insgesamt 133 Beiträge
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    Seite 1    
1. Dann hör ich mir das gelaber halt an.....
hbblum 22.02.2016
...und widme mich dann wieder den wichtigen Dingen.
2. Radikal
HaraldKönig 22.02.2016
Der Sog dieser Medien ist enorm und die Eltern haben dem nichts entgegenzusetzen. Wir hatten das Problem in den 80ern mit dem Fernsehen. Da hatten wir eine Lösung: Es gab kein Gerät im Haus. Auch die Erwachsenen, die ja Vorbild sind, verzichten. Der Lohn: Unsere Tochter schloß als Klassenbeste ab und ihr Studium als Jahrgangsbeste landesweit. Ich gebe zu, das ist heute bei der Vielfalt fast unmöglich, aber ein bisschen schwanger geht nicht.
3. Mit 15 nicht im Haushalt helfen?
andreas.s 22.02.2016
Wer mit 15 sich nicht im Haushalt mit engagiert, braucht auch nicht vom Haushalt profitieren. Wäsche konsequent aussortieren, nur für den Rest kochen, dreckiges Geschirr ins Zimmer stellen, wenn eine Gästetoilette vorhanden ist, das Badezimmer abschliessen (gegebenenfalls einmal die Woche Duschen im nächsten Stadtbad finanzieren). Taschengeld gibt es nicht mehr und fürs Internet muss der eigene Datentarif herhalten. Keine Vorwürfe, nur Konsequenzen und das ernsthafte Angebot zu reden, falls ernsthaft gewünscht.
4.
siora 22.02.2016
Die Lösung ist also, das Kind den Schulabschluss für's restliche Leben eigenverantwortlich versauen zu lassen und dabei auch noch lächelnd nichtstuend dabei zuzusehen? Im Ernst, DAS ist ihre Lösung?
5. Moooment ...
kalle.s 22.02.2016
.... wie lautete noch die Überschrift: "Wie kriege ich meinen Sohn vom Bildschirm weg?" Und die Antwort ist: garnicht? "Sie, er und ich wissen, dass Ihr Sohn am Ende machen kann, was er will - und das vermutlich auch tun wird." Genau, so läuft das meistens. Die Fehler sind schon früher gemacht worden und nicht mehr zu korrigieren, wenn der Bursche erst mal 16 ist ... ... schreibt der Vater eines 15-jährigen, der alles versucht hat, um bei dem Delinquenten Einsicht zu erreichen, und doch nur durch zeitweisen Medienentzug eine Begrenzung erreichen kann. Da habe ich auch versagt.
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