Dunkle Jahreszeit Jeder Vierte hat den Winterblues

Die Dunkelheit in den Wintermonaten lässt die Deutschen leiden: Jeder Vierte klagt über Antriebslosigkeit. Aber es gibt Hilfsmittel.

DPA

Jeder kennt es, keiner mag es: Wolken verhüllen den Himmel und verbergen die Sonne - tagelang, wochenlang, monatelang. Das kann die Stimmung drücken. Mit der dunklen Jahreszeit beginnt für viele Menschen auch eine Phase der Antriebslosigkeit bis hin zur Depression.

"Es wird kühler, es wird dunkler - das erleben viele als beeinträchtigend", sagt Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie (DGPPN). Jeden vierten Bundesbürger erwische der Winterblues. Und mehrere Studien zeigten: "Es sind zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung, darunter mehr Frauen als Männer, die im Herbst regelmäßig eine saisonal abhängige Depression bekommen." Manche bräuchten ärztliche Hilfe.

Heißhunger auf Süßigkeiten

Der Winterblues unterscheide sich von anderen Formen der Niedergeschlagenheit: Während Menschen mit einer gewöhnlichen Depression häufig appetitlos seien und nicht schlafen können, hätten Menschen mit Winterblues oder Winterdepression Hunger auf Süßes und Kohlenhydrate - und ein höheres Schlafbedürfnis.

"Das führt man zurück auf das mangelnde Licht", sagt Hauth. Wenn der Körper zu wenig Licht abbekommt, schüttet er das Schlafhormon Melatonin aus, das den Tag-Nacht-Rhythmus steuert. Der höhere Melatoninbedarf beeinflusst dabei wahrscheinlich auch die Konzentration des Neurotransmitters Serotonin.

Für die Produktion von Melatonin wandelt der Körper Serotonin um. Normalerweise unterdrückt das Hormon Angstgefühle und vermittelt Gelassenheit und Ausgeglichenheit. Außerdem steuert es das Hungergefühl. Sinkt der Serotoningehalt durch die Umwandlung zu Melatonin, schlage das auf die Stimmung und mache unbändige Lust auf Süßes und Kohlenhydrate, so Hauth.

In Hamburg scheint die Sonne am seltensten

Wie sehr einen die Dunkelheit im Winter und Herbst belastet, hängt von der Veranlagung und den Lebensgewohnheiten ab. Aber auch der Wohnort kann mitentscheidend für die Stimmung sein. Das Klischee der angenehmen Winter in Süddeutschland stimmt: In Bayern und Baden-Württemberg scheint die Sonne im Dezember und Januar besonders viel. Das zeigen die durchschnittlichen Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) für die Jahre 1961-1990.



Das liegt zunächst einmal daran, dass die Tage im Süden im Winter grundsätzlich länger sind: Am 21. Dezember, dem kürzesten Tag im Jahr, geht die Sonne in Sonthofen im Allgäu um 8.04 Uhr auf - in Flensburg erst um 8.44 Uhr. Und abends geht sie in Sonthofen um 16.30 unter - in Flensburg schon um 15.57 Uhr. Das sind insgesamt knapp eineinviertel Stunden Unterschied. Je länger der Tag, desto länger kann die Sonne scheinen - zumindest theoretisch.

Alpen bilden Wolken-Schutzmauer für Süddeutschland

Bei Schmuddelwetter hilft das nicht allzu viel. Doch gibt es im Süden eine weitere Besonderheit: Die Alpen bilden bei bestimmten Wetterlagen eine Wolken-Schutzmauer für Süddeutschland. Das Resultat: Ein Viertel mehr Sonnenstunden als in Schleswig-Holstein oder Hessen.

Besonders drückend war die Dunkelheit im Winter 2013. Damals gab es während der meteorologischen Wintermonate im Schnitt keine hundert Sonnenstunden - der zweitschlechteste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen 1951.

Lichttherapie - oder einfach viel rausgehen

Gegen den Winterblues hilft eine Stunde Bewegung draußen bei Tageslicht. Auch bei bedecktem Himmel kann der Körper draußen deutlich mehr Licht aufnehmen als bei normaler Innenbeleuchtung.

Ergänzend können Betroffene auch eine Lichttherapie mit speziellen Lampen von 2500 bis 10.000 Lux machen. So lösen Skandinavier und Isländer das Problem der langen Dunkelheit in ihrer Heimat. Eine gute Tageslichtlampe kostet etwa 100 bis 200 Euro.

WINTERDEPRESSION - FRAGEN AN DEN EXPERTEN

mpz/dpa



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