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12. Dezember 2012, 14:10 Uhr

Wir machen uns mal frei

Verpiss dich nicht!

Von Jens Lubbadeh

Standhaft, aber stets auf der Hut: Das Pissoir ist ein Ort, der uralte Triebe und Ängste in uns reaktiviert. Frauen beneiden uns um diese Vorrichtung, die mit immer neuen Überraschungen aufwartet. Innenansichten eines stillen Örtchens.

Der Mann redet ja allgemein nicht so viel. Aber besonders wortkarg wird er, wenn es um die Höhe seines Gehalts geht. Oder um die Größe seines Geschlechtsorgans. Verständlich, niemand will weniger haben als andere. Wir alle möchten geschützt unter der großen Glocke der Gaussschen Normalverteilung sitzen. Deshalb konnten sich Kondome der Größe S und M nie durchsetzen. Und deswegen ist der Kölner Dom so groß.

Weil niemand redet, schauen wir uns vorsichtig um. Zum Beispiel in Umkleidekabinen. Oder auf der Herrentoilette. Und weil jeder weiß, dass jeder sich umguckt, wählt man beim Betreten einer Männertoilette immer das Pissoir, das am weitesten von dem Kollegen entfernt ist. "Es hat etwas sehr einschüchterndes, sich neben einem anderen Individuum zu erleichtern", schreibt der amerikanische Psychologe Victor Kops. Urinale seien in der Regel viel zu dicht nebeneinander platziert. Sandwich-Positionen sind bei uns daher höchst unbeliebt.

Die Mechanik der Urinalwahl ist uns so einprogrammiert, dass es bereits mathematische Formeln gibt, die sie beschreiben und berechnen können.

Für Toilettenplaner ergeben sich daraus wertvolle Erkenntnisse: 3er-, 5er-, 9er- oder 17er-Pissoir-Reihen weisen die besten Auslastungsgrade auf, während 4er-, 7er- oder 13er-Anordnungen suboptimal sind. Andererseits liefert die Formel auch eine Anleitung für die evil Minds unter uns, wie sie eine optimale Pissoir-Anordnung so zerstören können, dass möglichst viele ungeliebte Sandwich-Positionen entstehen.

Der Toilettenbesuch - für manche Männer ein richtiges Problem

Manche Männer sind von Urinalen aber so richtig angepisst. Paruresis, auch salopp schüchterne Blase genannt, ist eine soziale Phobie, die manche Männer am Pissoir auf dem Schlauch stehen lässt. Sie versuchen alles zu meiden, was die Benutzung öffentlicher Toiletten erfordert: Kino, Restaurant oder Oktoberfest sind für diese Menschen passé. Sie wählen sogar ihren Arbeitsplatz danach aus, ob er nahe genug am Wohnort liegt - um mal schnell zum Pinkeln nach Hause fahren zu können. Einzige Hilfe: Verhaltenstherapie. Seite an Seite mit ihrem Therapeuten treten sie prall gefüllt ans Pissoir.

Moderne Technik könnte diese Schocktherapie entschärfen. Psychologen haben eine virtuelle öffentliche Toilette, ganz lebensecht mit verdreckten Urinalen entwickelt. Dort können Bazillen-Phobiker und Paruretiker erst einmal Trockenübungen machen, bevor sie sich in die Höhle des Löwen wagen.

Es geht einiges daneben und womit man das zu vermeiden sucht

Nicht alle aber fürchten den versiegenden Strahl oder den Penisneid der anderen, sondern schlicht die Ränder der Gaussschen Glocke: "Wasser scheint überall hinzuspritzen. Öffentliche Toiletten sollten neben Kondomen auch noch Regenschirme und Überziehschuhe bereitstellen", schimpft Urinal-Boykotteur Kops.

Um Querschläger zu vermindern, haben sich Pissoir-Installateure einiges einfallen lassen. Findige Sanitärkonstrukteure ließen sich von der Tierwelt inspirieren und installierten in den Pissoirs am Amsterdamer Flughafen Fliegenbildchen. Das Aktivieren des Urmenschen in uns hatte Erfolg: Dank der Fliegenköder sank die Zahl der Verpisser um 80 Prozent.

Seitdem haben sich Pissoir-Fliegen über die ganze Welt verbreitet. Auch München, Singapur und New York nutzen sie - entweder fest ins Porzellan gebrannt oder als Aufkleber. Die Fliegenjagd wird so vehement betrieben, dass die Reinigungskräfte von Terminal 4 am John-F.-Kennedy-Airport in New York die Fliegen angeblich jeden Monat austauschen müssen. Sie sterben den Strahlentod.

Bei den Fliegen ist es nicht geblieben. Zu EM- oder WM-Zeiten erscheinen in den Becken regelmäßig grüne Plastiktörchen, in die man kleine Bällchen hineinstrahlen muss. Intellektueller ist da das thermochromatische Urinal, bei dem es gilt, seinen Namen korrekt zu pinkeln. In schneereichen Wintern ja auch eine beliebte Übung von uns Männern.

"Der Baum war das stille Örtchen des Homo erectus."

Das Pissoir erlaubt dem Mann einerseits das zielgerichtete und andererseits das stehende Urinieren. Wenn wir könnten wie wir wollten, würden wir wohl jedes Mal an einen Baum pinkeln. Woher kommt dieser plötzliche Harndrang zur Natur? Vielleicht, weil der erste Stehpinkler, der Homo erectus, in der baumkargen Savanne dort die einzige Chance hatte, beim Pinkeln - einem Moment maximaler Wehrlosigkeit - Schutz zu finden. Nicht neugierige Blicke waren seine Sorge, sondern der Biss des Säbelzahntigers. Endlich mal durchatmen können vom dauernden Jagen und Sammeln, vom Fressen und Gefressen werden. Einfach mal Auszeit nehmen vom Fluss der Evolution. Der Baum war das stille Örtchen des Homo erectus. Sein Restroom.

Aber Millionen Jahre unbeschwerten Stehpinkelns sind vorbei, wir können nicht mehr so, wie wir wollen. Entzweite die Frage nach stehen oder sitzen vielleicht noch in den neunziger Jahren WGs dieser Republik, ist sie heute längst entschieden: Sitzpinkeln ist Mainstream. Wahrscheinlich weniger durch die Frauenbewegung bedingt als wegen des Siegeszugs von SMS und Smartphones. Aber es gibt sie noch, die Gallier unter uns, die hinter verschlossenen Türen leise sagen: "Hier stehe ich und kann nicht anders." Und manchen genügt dieser persönliche Triumph nicht. Als Zeichen ihres Widerstands lassen sie jedes Mal noch den Toilettendeckel hochgeklappt.

Frauen beneiden uns übrigens um unsere Urinier-Anatomie, ganz besonders auf Autobahn-Raststätten und nach dem Kino. Pissoirs erlauben effiziente Massenabfertigung. Die regelmäßigen Staus auf den Damentoiletten bescheren uns daher immer wieder unerwarteten Besuch auf der Herrentoilette. Leider verschwinden die Damen mit der angestrengten Mimik immer sofort in der Kabine, was das gegenseitige Kennenlernen erschwert. Der andere große Vorteil des Pissoirs gegenüber der Sitztoilette: Es ist keinerlei Hautkontakt nötig. Und wer regelmäßig Bahn fährt, weiß wie unschätzbar kostbar das ist. Nur ein Irrer würde sich im ICE auf der Toilette freiwillig hinsetzen. Nein, im Zug sind wir alle Gallier.

Für Mobilnutzer: Hier erfahren Sie wichtige Fakten rund um das stille Örtchen.

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