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Wissensmanagement: Internet macht vergesslich

Von Cinthia Briseño

Google, Wikipedia und Co. beeinflussen unser Gedächtnis - das zeigt eine Studie aus den USA: Denkt ein Mensch, er könne eine Information jederzeit im Internet wiederbeschaffen, bemüht sich das Gehirn nicht, diese auch abzuspeichern.

Internetenzyklopädie Wikipedia als Informationsquelle: Gewusst wo Zur Großansicht
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Internetenzyklopädie Wikipedia als Informationsquelle: Gewusst wo

Als Betsy Sparrow den alten Schwarz-Weiß-Krimi "Das Haus der Lady Alquist" sah, ließ eine Frage ihr keine Ruhe mehr: Wie hieß die junge hübsche Schauspielerin, die in dem Film Paula Alquist Anton verkörpert und von ihrem Mann Gregory systematisch in den Wahnsinn getrieben wird, weil er scharf auf das Juwelen-Erbe der verstorbenen Tante ist?

Sparrow wusste, dass sie die Schauspielerin schon mal gesehen hatte. Aber sie kam einfach nicht auf den Namen, schließlich gab sie auf und zog Google zurate, wo sie Sekunden später die erlösende Antwort erhielt*.

"Was haben wir eigentlich damals gemacht, als wir noch keine Laptops oder Smartphones hatten und wir Dinge wissen wollten?", fragte sie ihren Mann. Anschließend diskutierten sie eine Weile darüber, dass man im Glücksfall wohl eine passende Enzyklopädie gehabt hätte, oder Freunde, die es gewusst hätten. In den meisten Fällen habe man aber wohl die Frage einfach wieder vergessen, lautete das Resümee der Sparrows.

Das war der Punkt, so erzählt es die US-Forscherin von der Columbia University im "Science"-Podcast, an dem Sparrow auf die Idee kam, bestimmte Untersuchungen über das Gedächtnis anzustellen. Heute, rund vier Jahre später, hat sie ihre Ergebnisse im Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentlicht. Der Titel ihrer Studie lautet: "Google Effects on Memory: Cognitive Consequences of having Information at our fingertips." (Zu Deutsch: "Die Effekte von Google für unser Gedächtnis: Die kognitiven Folgen, wenn wir Informationen immer zur Hand haben")

Wir lernen, nicht zu lernen

Was Sparrow und ihre Kollegen von der Harvard University sowie von der University of Wisconsin-Madison herausfanden, lässt sich prägnant formulieren: Google, Bing, Wikipedia und Co. beeinflussen unser Gedächtnis. Oder anders ausgedrückt: Unser Gehirn lernt immer mehr, nicht zu lernen.

Längst haben sich viele dem Glauben angeschlossen, dass Menschen zunehmend von dem Wissen und den Informationen abhängig sind, die man im Internet findet. Frei nach dem Motto: "Ich muss nicht alles wissen. Ich muss nur wissen, wo es steht." Wobei im Zeitalter des Internets nicht mehr Enzyklopädien, Fachbücher oder Bibliotheken gemeint sind. Fündig wird man heute bei Wikipedia oder durch Googeln. Doch bisher gibt es nur wenige Studien, die diesen Google-Effekt untersucht haben. So nennen Kognitionsforscher das Phänomen, dass Menschen immer mehr das Internet als persönliche Gedächtnisbank nutzen.

Um diesen Effekt genauer zu analysieren, haben die Psychologieprofessorin Sparrow und ihr Forscherteam vier verschiedene Experimente mit Probanden durchgeführt: In einem der Experimente forderten die Forscher insgesamt 106 Harvard-Studenten auf, Bagatellwissen am Computer mit "richtig" oder "falsch" zu kennzeichnen. Dazu zählte etwa die Aussage: "Das Ei eines Straußes ist größer als sein Gehirn."

Danach erschienen auf dem Bildschirm verschiedenfarbige Wörter, deren Farbe die Probanden benennen sollten. Hatten diese Wörter etwas mit dem Internet zu tun - etwa "Google" oder "Yahoo" - antworteten die Testpersonen langsamer.

Also, so der Rückschluss der Forscher, hatten die Probanden beim Lesen der Aussage bereits darüber nachgedacht, das Internet zurate zu ziehen, um sie als "richtig" oder "falsch" benennen zu können. Dieser Test beruht auf einem bekannten Phänomen, dem sogenannten Stroop-Effekt: Versuchspersonen fällt es tatsächlich schwer, die Farbe eines Wortes schnell zu benennen, wenn sie zuvor schon über dieses Wort nachgedacht haben (bekannt ist der Stroop-Effekt, bei farbigen Wörtern, deren Farbe nicht dem Wort entspricht. Also etwa wenn das Wort "gelb" in grün geschrieben ist).

Im Notfall merkt man sich's leichter

In einem weiteren Experiment mit den Harvard-Studenten sollten diese 40 verschiedene Bagatellaussagen lesen und anschließend in den Computer tippen. Einer Hälfte der Testpersonen wurde zuvor gesagt, dass die Informationen anschließend gelöscht, der anderen Hälfte, dass sie gespeichert würden. Das Ergebnis war deutlich: Jene Gruppe, die damit rechnete, dass die Daten gelöscht werden, konnte sich öfter an den Inhalt der Informationen erinnern als jene Gruppe, deren Daten nicht gelöscht werden sollten. Im Zweifel springt unser Gehirn also ein, ansonsten ist es eher faul.

Ein weiteres Experiment zielte darauf, ob der Zugang zum Computer Einfluss darauf hat, was sich Menschen merken. Hier hätten die Probanden dazu geneigt, schreiben die Wissenschaftler, sich eher zu merken, wo die Information aufzufinden sei. An den Inhalt der Information selbst hätten sich die Testpersonen viel weniger erinnert. Verzeichniswissen nennen die Experten diese Art von Gedächtnis.

Der Ursprung für die Forschungsarbeiten kam von Sparrows ehemaligem Doktorvater: Daniel Wegner, Professor für Psychologie an der Harvard University, hatte bereits vor fast dreißig Jahren das Phänomen des "transaktiven Gedächtnis" ("Transactive Memory") beschrieben. Demnach nutzen Personen das Wissen anderer Menschen quasi als externes Gedächtnis. Ein Vorgang, der vor allem in beruflichen Teams Anwendung findet. So muss sich ein Teammitglied nicht das gesamte in der Gruppe verfügbare Wissen aneignen. Jedes Mitglied trägt mit seinem Spezialwissen zur Lösung einer Aufgabe bei. Und jedes Mitglied muss nur wissen, welches der anderen Mitglieder welches Wissen hat.

Auch im Alltag gibt es gute Beispiele für Verzeichniswissen - also dafür, dass Menschen sich auf das Wissen anderer verlassen, und darauf zurückgreifen, wenn sie es benötigen. Wie etwa den Ehemann, der genau weiß, dass seine Frau sich besser die Geburtstage der Familienmitglieder merken kann als er. Sparrow zum Beispiel fragt ihren Mann, wenn sie wissen will, welches der letzte Baseballspieler war, der 3000 Hits hatte. "Ich weiß, dass er sich solche Dinge merken kann", sagt Sparrow. Hits sind eine wichtige statistische Größe im Baseball. Als Hit gilt, wenn der Spieler nach einem erfolgreichen Treffer die erste Base erreicht.

"Die Ergebnisse aus Sparrows Studie sind überzeugend", sagt auch Roddy Roediger in "Science", der Psychologe an der Washington University in St. Louis ist. "Zweifelsohne verändern sich unsere Lernstrategien", sagt Roediger. "Warum sollte ich mir etwas merken, wenn ich weiß, dass ich es jederzeit wieder nachschlagen kann." Der Psychologe sieht Suchmaschinen und Online-Enzyklopädien quasi als eine Art externe Speicherplatte. "Wir können unsere Gedächtnisleistung auslagern. Ist das etwas Schlechtes? Ich glaube nicht."

*Der Name der Schauspielerin? Das Internet weiß es.

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