"Frei von Zusätzen" Der Schmu mit der Bio-Zigarette

Zigaretten "ohne Zusätze" treffen den Zeitgeist und locken gesundheitsbewusste Menschen. In Wahrheit sind sie ein zynischer Witz.

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Selbstgedrehte Zigarette: Ohne Zusatzstoffe wirkt der Tabakgenuss natürlicher
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Selbstgedrehte Zigarette: Ohne Zusatzstoffe wirkt der Tabakgenuss natürlicher


Mark ist 29 und cool. Er wohnt im Hamburger Schanzenviertel, kauft nur Bioprodukte, ist Greenpeace-Mitglied, isst wenig Fleisch, trinkt Lemon-Aid, war auf der Waldorfschule und raucht Natural American Spirit. Selbstgedrehte natürlich.

Warum? "Weil die weniger Chemie haben als normale Ziggis", sagt Mark. Wenn schon rauchen, dann bitte bewusst. So wie der Indianer, der auf der Natural-American-Spirit-Packung an seiner Friedenspfeife zieht.

In Deutschland rauchen erfreulicherweise immer weniger Menschen. Aber Natural American Spirit und einige andere kleine Zigarettenhersteller haben im insgesamt rückläufigen Markt Wachstum geschafft. "Zigaretten ohne Zusätze" treffen den Zeitgeist der gesundheitsbewussten Konsumenten. Die wissen natürlich, dass auch diese Zigaretten gesundheitsschädlich sind, denn sie sind intelligent, interessiert und informiert. Trotzdem zählt für sie auch die Zigarette zum bewussten Konsum. Sie wollen nicht rauchen, was von den Großkonzernen für die Masse gemacht ist - diese gerollten "Bild"-Zeitungen für die Lunge.

Als Links-Alternativer abhängig zu sein von Großkonzernen, hat noch nie so recht ins Bild gepasst. Bisher war das für Raucher ein Problem, denn es fehlte das passende politisch korrekte Produkt. Diese Lücke schließen nun die "Biozigaretten". Mit den Produkten wolle man "ganz gezielt gesundheitsbewusste Raucher ansprechen, die mit ihrem Produkt ernsthaft hadern, aber noch nicht geschafft haben aufzuhören", sagt Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

Politisch korrekte Sucht

Tatsächlich hat Natural American Spirit vor einigen Jahren versucht, seinen Tabak mit dem Begriff "bio" zu bewerben - was dem Konzern gerichtlich untersagt wurde. Das änderte aber nichts an der wachsenden Beliebtheit seiner Produkte: Der "Trend zu additivfreien Zigaretten und Feinschnitten hält an", schrieb die Deutsche Tabakzeitung 2013. Noch ist deren Marktanteil mit 3,6 Prozent klein, aber er wächst stetig.

Der Erfolg ist wahrscheinlich auf ein interessantes psychologisches Phänomen zurückzuführen: den sogenannten Licensing-Effekt.

Haben wir etwas Gutes getan, gönnen wir uns danach gerne mal etwas Schlechtes. Wir fliegen guten Gewissens nach Australien, weil wir kein eigenes Auto haben. Oder wir fahren mit dem SUV zum Flaschensammelcontainer und haben auch kein Problem damit, 28,5 Millionen Euro dem Fiskus zu hinterziehen, denn dafür haben wir ja auch Millionen für wohltätige Zwecke gespendet. Wer auf etwas verzichtet, der hat es verdient, sich auch mal etwas zu gönnen.

Manchmal kombinieren Produkte Verzicht und Belohnung. Das kann fatal werden. Ja, der Light-Joghurt mit nur 0,3 Prozent Fettgehalt hat weniger Kalorien als der mit 3,5 Prozent. Aber ist es deswegen okay, fünf davon zu essen? Ähnlich läuft es mit den Zigaretten ohne Zusätze. Die sind schließlich weniger schlecht als normale, nicht wahr?

Schöner Schein

Das Spiel läuft so gut, dass die großen Hersteller auf den Bio-Zug aufspringen. An deutschen Kiosken findet sich mittlerweile von jeder größeren Marke die Variante "ohne Zusätze". Auch Natural American Spirit wurde längst vom Tabakriesen Reynolds übernommen.

Dabei machen sich die Konzerne noch einen weiteren psychologischen Mechanismus zunutze: den Halo-Effekt, ein Wahrnehmungs-Phänomen.

Eine einzelne Eigenschaft einer Person oder einer Sache kann demnach all ihre restlichen Eigenschaften wie ein Heiligenschein überstrahlen, daher auch der Name (halos, griechisch: Lichtring). Der Halo-Effekt dürfte dafür verantwortlich sein, dass attraktive Menschen erfolgreicher sind.

Zynismus pur

Die Stärke des Effekts haben auch Lucky Strike und Co. begriffen. Mit den im packpapierbraunen Bio-Look daherkommenden Zigaretten ohne Zusätze haben sie ihr Image aufpoliert. Weil sie, wie die Tabakzeitung schreibt, "die additivfreien Varianten in den Mittelpunkt ihrer Markenfamilienwerbung stellten und damit im Falle der Lucky sogar die komplette Markenfamilie auf Wachstumskurs brachten."

Dabei ist die "Zigarette ohne Zusätze" eigentlich ein zynischer und schlechter Witz. Jahrelang haben die Tabakkonzerne die Gefährlichkeit von Zusatzstoffen heruntergespielt. Sie haben ihre Zigaretten mit ihnen aufgemotzt, um diese leichter rauchbar und ihre Käufer schneller süchtig zu machen. Nur um jetzt mit einer Natürlichkeit zu werben, die sie selbst verhindert haben und zu der sie durch neue EU-Richtlinien ohnehin immer mehr gezwungen werden wie jetzt wieder durch das Verbot von Menthol und anderen Aromastoffen.

Und sie ist eine Werbelüge, selbst wenn es stimmen sollte, dass im Tabak tatsächlich keine Zusätze mehr sind. Papier und Filter seien durchtränkt mir Zusatzstoffen, sagt Pötschke-Langer im Interview. Die Zigarette ohne Zusätze, sie sollte besser Zigarette ohne Scham heißen.

ZUSATZSTOFFE IN ZIGARETTEN - FRAGEN AN DIE EXPERTIN

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insgesamt 148 Beiträge
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Seite 1
ziegenzuechter 03.04.2014
1. ganz schwacher artikel
Zitat von sysopDPAZigaretten "ohne Zusätze" treffen den Zeitgeist und locken gesundheitsbewusste Menschen. In Wahrheit sind sie ein zynischer Witz. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/zigaretten-ohne-zusatzstoffe-sind-nicht-bio-a-961867.html
was koennen die tabakhersteller dafuer wenn in filter und papier zusatzstoffe sind? schlimmes geschreibsel.
c.PAF 03.04.2014
2.
Zitat von sysopDPAZigaretten "ohne Zusätze" treffen den Zeitgeist und locken gesundheitsbewusste Menschen. In Wahrheit sind sie ein zynischer Witz. http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/zigaretten-ohne-zusatzstoffe-sind-nicht-bio-a-961867.html
Ein Raucher ist niemals cool...
sansiro222 03.04.2014
3. Steuerzahlergeld
Die E-Zigarette ist doch nichts anderes als das Umgehen des Rauchverbotes und auch des Werbungsverboten für Zigaretten. In vielen Restaurants und Kneipen wird bereits wieder gepafft - Kontrollen finden gar keine statt. Wieviel Geld der Steuerzahler verschwendet wird durch permanente erforderlich werdende neue Gesetzesregelungen, weil viele Industrien stetig versuchung, Schutzbestimmungen zu unterlaufen, angefangen bei Zigaretten, über ständiges Umgehen von Lebensmittelverordnungen, von undurchdringbaren Handytarifen, von seit Jahrzehnten ungerechtfertigten Roaming-Gebühren, die man noch bis Ende 2015 rübergerettet hat, trotz vereintem Europa, bis hin zu schwachsinnigen Bauvorhaben u.v.a.m. Wenn genau diese Wirtschaftleute ständig die Überprüfung der hohen Sozialquote fordern, sollten sie sich mal an die eigene Nase fassen, sie kosten uns weit mehr Steuergelder.
medicus22 03.04.2014
4. jaja
auch der linke Gutmensch ist eben nicht frei von Fehlern. Wenigstens versucht der eine oder andere sich Gedanken beim Konsum zu machen. Das alleine ist schon löblich. Und wenn es nur darum geht, am Ende weniger zu konsumieren. Ich düse jetzt mal schnell mit meinem SUV (jaja habe die Fahrräder aufs Dach geschnallt, fürs Gewissen) zum BIO Fleischer, denn da gibts heute frisch eingeflogenes Fleisch vom anderen Ende der Welt. Danach rase ich fix ins Elbsandsteingebirge um ne Stunde zu klettern, bevor ich wieder in die Stadt rase...
audiotom 03.04.2014
5.
---Zitat--- Mit den Produkten wolle man "ganz gezielt gesundheitsbewusste Raucher ansprechen, die mit ihrem Produkt ernsthaft hadern, aber noch nicht geschafft haben, aufzuhören" ---Zitatende--- Hat bei mir ausgezeichnet funktioniert. Umgestiegen auf den "Ohne-Zusatz"-Zug und nun seit 1 Jahr komplett weg von dem schrott :)
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