Von Susanne Rytina
Über Zwang in der Psychiatrie scheiden sich die Geister. Auf der einen Seite stehen Patientenschutzorganisationen, die Isolationsräume und Fesseln als tyrannische Disziplinierungsinstrumente betrachten und am liebsten ins Museum verbannen würden; auf der anderen Seite das Personal von psychiatrischen Einrichtungen, das Zwangsmaßnahmen an Patienten als notwendige, wenn auch unschöne Realität ansieht, mit der man professionell umgehen müsse.
"Wir würden es begrüßen, wenn die Psychiatrie gewaltfrei wäre. Doch Aggression und Gewaltausbrüche von Patienten lassen sich nicht vollständig vermeiden", erklärt Tilman Steinert, Psychiater und Leiter der Forschungsabteilung am Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Südwürttemberg. Patientenvertreter wenden ein, dass Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie zu Traumatisierungen führen können, die lebenslang wirken, und werfen die Frage auf, ob eine gewaltfreie Psychiatrie nicht doch möglich sei.
Was versteht man unter Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie? "Alles, womit der Patient im weiteren Sinn nicht einverstanden ist", erläutert Steinert. Dazu zählt, wenn es dem Patienten verboten ist, die Station zu verlassen, oder wenn das Personal durch Zureden psychologischen Druck aufbaut, damit er seine Medikamente nimmt.
Als äußerste Mittel gelten die Fixierung und die Isolierung. Bei der Fixierung binden Pflegekräfte, meist auf ärztliche Anweisung hin, aggressive oder bedrohlich wirkende Patienten mit Gurten am Bett fest. Je nach Erregungszustand werden dabei an bis zu zehn Punkten des Körpers Fesseln angelegt, vor allem an Armen, Beinen oder im Rumpfbereich. Die Isolierung besteht darin, den Patienten in einen leeren, reizarmen Raum einzusperren, nur mit einer Matratze und einer Decke ausgestattet.
Schockierender Mangel an Daten
Wie oft greifen Klinikmitarbeiter auf solche Maßnahmen zurück? Warum und unter welchen Umständen? Im Jahr 2000 führten Wissenschaftler um Eila Sailas von der Universität Helsinki (Finnland) eine große Metastudie zu diesen Fragen durch und stellten fest, dass es keine kontrollierten klinischen Studien gab - ein schockierender Mangel an Daten. Erst danach rückten Zwangsmittel in der Psychiatrie in den wissenschaftlichen Fokus. Viele Studien sind jedoch wenig aussagekräftig, weil sie nur eine kleine Zahl von Teilnehmern einschließen.
"Generelle Aussagen über die Situation in Deutschland sind schwierig - vor allem, weil es keine systematische, gesetzlich geregelte Datenerhebung gibt, aber auch, weil sich die Psychiatriegesetze in den 16 Bundesländern sehr voneinander unterscheiden", sagt Steinert. Im Klinikverbund des ZfP Südwürttemberg ermittelte er einen Anteil von acht Prozent aller Patienten, die im Zuge der Behandlung fixiert und isoliert wurden - im Durchschnitt jeweils knapp sieben Stunden lang. "Diesbezüglich liegen wir in Europa ungefähr im Mittelfeld", schätzt Steinert.
Vor einigen Jahren schlossen sich zwölf europäische Länder zu einem Forschungsverbund zusammen, um die klinische Praxis in verschiedenen Regionen zu untersuchen und herauszufinden, welche zwischenstaatlichen Unterschiede bestehen. Die Forschungen laufen unter der Bezeichnung Eunomia ("European Evaluation of Coercion in Psychiatry and Harmonization of Best Clinical Practise", auf Deutsch "Europäische Bewertung von Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie und Harmonisierung bester klinischer Praxis").
Zwischen 2003 und 2006 wurden die Daten für die Studie erhoben. 2007 fand in Dresden erstmals eine internationale Konferenz zum Thema statt. Seither ist den Forschern vor allem eines klar geworden: Welche Zwangsmaßnahmen in der Psychiatrie angewendet werden, wie oft sie zum Einsatz kommen und auf welche rechtlichen Grundlagen sie sich stützen, all dies unterscheidet sich zwischen den europäischen Staaten enorm.
Der Anteil an Zwangseinweisungen etwa - wenn also Menschen auf ärztliches Attest und richterlichen Beschluss hin in eine psychiatrische Klinik kommen, obwohl sie das nicht wollen - beträgt in Deutschland 18 Prozent, in Portugal 3 Prozent und in Schweden 30 Prozent aller Einweisungen. Über einen längeren Zeitraum betrachtet verändert sich dieser Anteil in den meisten EU-Ländern nur wenig, wie Hans Joachim Salize und Harald Dressing vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim 2004 in einer Studie feststellten.
Zwangsmaßnahmen betreffen in Deutschland vor allem ältere und demente Patienten. Tilman Steinert beziffert ihren Anteil an allen fixierten Patienten auf 28 Prozent, gestützt auf seine Untersuchungen in zehn südwürttembergischen Kliniken. "Ältere und demente Menschen kommen nachts oft nicht zur Ruhe und wollen ihr Bett verlassen; sie werden vom Personal mit Bauchgurten festgebunden, damit sie nicht aus dem Bett stürzen und sich verletzen."
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