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Spleens: Der Hang zum Zwang

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Unbedingt dran denken: Manchmal steigert sich die Angst, etwas zu vergessen zur Zwangsvorstellung Zur Großansicht
Corbis

Unbedingt dran denken: Manchmal steigert sich die Angst, etwas zu vergessen zur Zwangsvorstellung

Na? Ist die Herdplatte auch wirklich aus? Die Waschmaschine auch? Und steckt der Schlüssel auch nicht von innen? Aus dem Alltag eines Zwangsneurotikers.

Ich schrecke schweißgebadet im Bett hoch. Schon wieder der gleiche Alptraum: Ich stehe in Boxershorts im Treppenhaus, in der linken Hand den Mülleimer und in der rechten der Knauf der soeben geschlossenen Haustür. Noch während sie ins Schloss knallt, fällt mir siedend heiß ein, dass der Schlüssel von innen steckt. Ausgesperrt.

Diese Vorstellung ist für mich seit Jahren der blanke Horror.

Der Traum geht dann so weiter: Ich klingele bei den Nachbarn - sie haben eine Kopie unseres Schlüssels. Aber sie sind nicht da, überhaupt ist niemand da, im ganzen Haus! Normale Menschen arbeiten nunmal an einem Werktag um 12 Uhr. Warum ich es nicht auch tue, ist unlogisch, aber wir sind hier nun mal in meinem Traum. Ich blicke an mir herunter: Zum Glück sind meine Unterhosen noch einigermaßen sauber, aber auf meinem T-Shirt sind Ketchupflecken. Peinlich. Auf dem Weg in den Keller hätte das niemanden gestört. Aber jetzt muss ich raus auf die Straße und Hilfe holen, wenn ich wieder in meine Wohnung will. Und dann wird mich die ganze Stadt so sehen.

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In meinen Birkenstock-Schlappen irre ich durch die Straßen. Es ist kalt, ich schlottere am ganzen Leib. Leute drehen sich nach mir um, Kinder zeigen mit dem Finger auf mich, Gelächter. Ich suche nach einem Schlüsseldienst. Irgendwann finde ich einen Laden, der "Schlüssel zum Glück" heißt. Der Besitzer - ein übergewichtiger, glatzköpfiger Mann in rotem Overall - lächelt abschätzig, während er meine Ketchupflecken mustert. Dann hält er mir einen Vertrag unter die Nase: "Auftrag zum Aufbrechen der Wohnung. Haftung für Schäden wird ausgeschlossen. Kosten: 450 Euro, zuzüglich Mehrwertsteuer."

Sicherheitscheck vor jedem Verlassen der Wohnung

Die Angst vor dem eigenen Aussperren hat sich bei mir über die Jahre zu einer Zwangsvorstellung gesteigert (mehr über echte Zwangsstörungen erfahren Sie hier im Experteninterview). Nicht nur werde ich jedes Mal nervös, wenn ich das Haus verlassen muss. Es dauert auch immer länger. Jedem Spaziergang geht ein mehrstufiger Sicherheitscheck voraus:

1) Halte ich auch wirklich das Schlüsselbund in der Hand und nicht vielleicht nur Fahrradwerkzeug? (Schon passiert.)

2) Ist es auch wirklich der richtige Schlüsselbund und nicht etwa der fürs Büro? (Schon passiert.)

3) Hängt am Schlüsselbund auch wirklich der Haustürschlüssel, oder ist er womöglich abgefallen? (Schon passiert.)

4) Ist der Haustürschlüssel noch fest genug am Bund, oder droht er womöglich unterwegs unbemerkt abzufallen? (Schon passiert.)

5) Ist der Haustürschlüssel noch in einem guten Zustand, oder könnte er bei der nächsten Benutzung abbrechen? (Beim Fahrradschlüssel schon passiert.)

Die Macht der Bequemlichkeit

Es sind vor allem die kleinen Haushaltspflichtgänge, die für mich zur Mutprobe werden - eben weil dort die Macht der Bequemlichkeit besonders stark ist. Wer nimmt schon Portemonnaie und Handy mit in die Waschküche? Und warum sich überhaupt noch anziehen, wenn man doch nur kurz in den Müllraum will? Aber wenn es dann zum Super-GAU kommt, ist man dann völlig hilflos.

Es kommen stetig neue Ängste hinzu, die ebenfalls mit dem Verlust der Wohnung zu tun haben. In letzter Zeit läuft es mir kalt den Rücken runter, wenn mir auf dem Nachhauseweg Feuerwehr oder Krankenwagen mit Blaulicht entgegen kommen. Ist die Waschmaschine ausgelaufen? Habe ich die Herdplatte vergessen auszumachen? Und das, obwohl ich mittlerweile immer einen dreifachen Waschmaschinen- und Herdplattencheck durchführe, bevor ich das Haus verlasse.

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Schlimm wird es, wenn der Partner genauso ist. Auch meine Freundin hat diese Herdplatten-Neurose, und wir schaukeln uns darin gegenseitig hoch. Gemeinsame Ausflüge werden durch vorausgehenden sechsfachen Herdplatten-Check zur echten Herausforderung.

Manchmal kollidieren Neurosen aber auch. Zum Beispiel, wenn mein Hamstertrieb auf ihren Schlendrian trifft: Nichts kann ich weniger leiden, als wenn zu Neige gehende Vorräte nicht rechtzeitig aufgefüllt werden. Halbleere Zahnpastatuben, die drittletzte Klopapierrolle, die vorletzte Milchtüte lassen in mir den Hamsteralarm schrillen. Jedes mal, wenn sie die Klopapierpackung bis zur letzten Rolle laufen lässt, treibt es mir die Schweißperlen auf die Stirn.

Nagelprobe Bröckchenkaffee

Dafür kitzele ich - ausgleichende Gerechtigkeit - immer mal wieder auch ihre Nerven. Warum die Milch wegschmeißen, wenn sie ein paar weiße Flocken hat? Dass meine Freundin eine zwanghafte Angst vor abgelaufenen Lebensmitteln pflegt, vergesse ich oft. Der "Bröckchenkaffee" ist unter uns schon oft zur Nagelprobe dafür geworden, was normal ist und was nicht.

Unser Freundeskreis ist über diese Frage gespalten. Die klumpige Plörre hat uns allerdings auch gelehrt, dass es für jeden Spleen einen Workaround gibt. Milchpulver zum Beispiel. Oder Induktionsherdplatten. Und an unserem Türrahmen blinkt jetzt gegen das Schlüsselvergessen auch noch das zwar außerordentlich abscheuliche, aber dafür ungemein hilfreiche 3,99-Euro-Tür-Memolight von Tchibo: Ein kleines Kästchen mit einem Schlüssel darauf, das automatisch aufleuchtet, wenn man die Tür öffnet. Auch erhältlich mit Herz darauf (wir haben die Herzversion).

Irgendwie romantisch, wenn wir nun mit leuchtendem Herzen mit dem Haustürschlüssel in der einen und der Hand des geliebten Partners in der anderen zum gemeinsamen Hamsterkauf starten.

ZWANGSSTÖRUNGEN - FRAGEN AN DEN EXPERTEN

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insgesamt 17 Beiträge
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    Seite 1    
1. Kontrollverlust
Noctim 27.11.2013
Was hier noch recht amüsant dargestellt wird, erscheint in der Realität oft deutlich schwerwiegender und einschränkender. Derartige Störungen oder Neurosen sind die individuelle Antwort auf ein durch und durch fremdbestimmtes Leben, auf welches wir kaum noch Kontrolle ausüben können. Oder konnten wir es jemals? Wir checken und prüfen mehrmals täglich Dinge, ob sie sich immer noch in einem unbedenklichen Zustand befinden. Solange, so denken wir, haben wir noch die Möglichkeit einer Intervention. Nicht zu Kontrollieren bedeutet dem Chaos und der Willkür freien Lauf zu lassen. Diese Genugtuung können wir den ganzen Besserwissern und Klugscheißern nicht gönnen. Fällt das Kind in den Brunnen, fühlt man sich am Ende dumm und naiv und macht sich Vorwürfe, die wiederum zu einer Steierung des Spleens führen...
2. Keine Angst!
angst+money 27.11.2013
Schon bei der harmlosen Vorstufe einer Zwangsneurose - genannt 'Vernunft' - überprüfen die meisten vorm Verlassen der Wohnung, ob sie nicht noch in Unterhosen sind...
3.
sebastian.teichert 27.11.2013
Digga... Mach dich ma locker! Ich kontrollier auch jedes mal ob ich meinen Schlüssel hab. Aber das nicht weil ich mir dumm vorkomme wenn die Tür zu ist. Die Zeitverschwendung das Ding aufzubekommen würde mich ärgern. Wenn man dann ein einigermaßen gesundes Selbstvertrauen hätte, wär das alles kein Ding. Aber da es nun mal völlig verstrahlte Menschen gibt, werden wir auch in Zukunft mit Speeches Sachen belustigt :)
4. Leben ohne Smartphone
opelikos 27.11.2013
Der am meisten zu beobachtende Spleen im Moment ist doch, das auch DU alle 2 Minuten auf dein Smartphone guckst, damit du nichts verpasst, als ob das Leben davon abhängen würde!
5. Der Schlüssel steckt innen, und das war's
Hajojunge 27.11.2013
Bei den normalen Sicherheitsschlössern hilft dann auch der beim Nachbarn hinterlegte Zweitschlüssel nicht mehr. Man bekommt ihn nicht rein, und es ist Trick 17 oder gar Aufbrechen angesagt. Also stecke ich den Schlüssel immer erst auf der Außenseite rein, drehe ihn und ziehe damit die Tür zu. Hat mich schon mal gerettet. Es gibt auch Schloßeinsätze, die man betätigen kann, wenn der Schlüssel innen steckt. Für Senioren wärmstens zu empfehlen. Dafür fällt dann die nächtliche Einbruchssicherung des innen steckenden Schlüssels weg.
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Jens Lubbadeh

Definition Zwangsstörung
Laut dem Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München sind die wesentlichen Symptome einer Zwangsstörung (manchmal veraltet auch noch Zwangsneurose genannt) "ungewollt wiederkehrende, als unsinnig oder quälend erlebte Gedanken und Handlungen, die beim Patienten in unterschiedlicher Ausprägung und Kombination auftreten".

Sei es die Angst vor Keimen auf Türklinken, dauerndes Händewaschen, die wiederholte Prüfung von Türschlössern oder das Horten von Müll - "Zwangshandlungen können bei jedem sehr unterschiedlich ausfallen. Ihnen allen gemein ist aber, dass der Betroffene sie dauernd wiederholen muss, obwohl er sie als unangenehm und sinnlos empfindet. Zwangsstörungen können das Leben sehr beeinträchtigen. Laut Schätzungen sind bis zu drei Prozent der Bevölkerung davon betroffen, also rund zwei Millionen Menschen.

Zwangsstörungen verlaufen in der Regel chronisch oder nehmen in der Intensität zu, wenn man sie unbehandelt lässt. Dabei können sie solch extreme Ausmaße annehmen, dass Betroffene ihren Beruf nicht mehr ausüben können und sie auch das Privatleben zerstören. Leichte Formen von Zwangsstörungen kann man gut mit Verhaltenstherapie behandeln. Schwerere Varianten erfordern zusätzlich den Einsatz von Medikamenten, in der Regel Antidepressiva.


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