Gentest-Firma 23andMe: US-Patent bahnt den Weg zum Designer-Baby

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23andMe-Website: "Ich bevorzuge ein Kind mit…"

Still und leise hat das Gentest-Unternehmen 23andMe in den USA ein Patent erhalten, das Designer-Babys vorstellbar macht. Kunden könnten theoretisch den Samenspender so aussuchen, dass die Chancen bestimmter Eigenschaften beim Kind erhöht werden. Die Firma wiegelt ab.

Für die Kunden von 23andMe ist es eine nette Spielerei: ein Rechner, der anzeigt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein gemeinsames Kind grüne, blaue oder braune Augen haben wird. Die Gentest-Firma bietet zum Preis von 99 US-Dollar die Analyse des eigenen Erbguts an. Und wenn zwei Kunden zustimmen, gegenseitig ihre DNA offenzulegen, dann dürfen sie den "Family Traits Inheritance Calculator" benutzen.

Ganz unschuldig reagiert 23andMe jetzt auf Anfragen, die sich um ein Patent drehen, das das US-Unternehmen der Noch-Ehefrau von Google-Gründer Sergey Brin, Anne Wojcicki, bereits 2008 beim US-Patentamt eingereicht hat und das - weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit - zum 24. September 2013 erteilt worden ist.

Wissenschaftliche Sprache verschleiert die Brisanz

Der wissenschaftliche Titel - übersetzt in etwa "Keimzellspenderauswahl basierend auf genetischen Berechnungen" - verschleiert die Brisanz: Das US-Patent Nummer 8543339 beschreibt einen weiteren Schritt auf dem Weg zum Designer-Baby. Alles kein Grund zur Aufregung, vermittelt die Antwort von 23andMe auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE: Das Unternehmen verfolge mit dem Patent keine Pläne im Zusammenhang mit Kinderwunschkliniken.

Allen Beteuerungen zum Trotz weckt das Patent den Argwohn von Kritikern. In der Fachzeitschrift "Genetics in Medicine" kommentieren die Bioethikerinnen Sigrid Sterckx von der Universität Gent und Heidi Howard von der französischen Université de Toulouse mit Kollegen eindeutig: Das Unternehmen habe sich eine Methode patentieren lassen, mit der Eispenderinnen und Samenspender danach ausgewählt werden könnten, welche Merkmale bei einem Kind von den künftigen Eltern gewünscht seien. Die Auswahl würde auf einem Algorithmus basieren, der die genetischen Merkmale der beiden biologischen Eltern vergleicht. Vorstellbar sind alle möglichen genetischen Ausprägungen, vom Krebsrisiko über die Körpergröße bis hin zu Persönlichkeitstypen.

"Ich bevorzuge ein Kind mit…"

Bedenken ruft unter anderem eine Abbildung in der Patentanmeldung hervor, in der ein Fragebogen auftaucht: "Ich bevorzuge ein Kind mit…" und dann folgt eine Reihe von Antwortmöglichkeiten, von niedrigem Darmkrebsrisiko bis zu großen Chancen auf grüne Augen.

Bei 23andMe hat man nach der Fachveröffentlichung und einem Bericht auf der US-Website von "Wired" die Brisanz des Themas erkannt, über das in Deutschland zuerst das Fach-Blog "Plazeboalarm" bei scienceblogs.de berichtet hat.

In einem Blog-Eintrag führen die Erbgutanalysten aus, dass die vier Jahre alte Patentanmeldung nur den "Family Traits Inheritance Calculator" schützen sollte. Man habe den Antrag darüber hinausgehend formuliert, in der Annahme, es gäbe ein Potential für die Anwendung in Kinderwunschkliniken. Doch seitdem habe sich viel verändert, so auch die eigene strategische Ausrichtung: "Die Firma hat die im Patent diskutierten Konzepte nie über den 'Family Traits Inheritance Calculator' hinaus verfolgt, und wir haben auch keine Pläne, das zu tun", heißt es in der Erklärung. Es liege in der Natur von Patentanträgen, dass Unternehmen sie häufig stellten, ohne genau zu wissen, wie sie diese später verwenden wollten - oder ob sie überhaupt benötigt würden.

Kein Kind aus dem Katalog

In jedem Fall, und das halten auch die Bioethikerinnen in "Genetics in Medicine" 23andMe zugute, ist das Zusammenstellen eines Designer-Babys nach Wunsch schwerer, als es klingt. Auch mit den Methoden der Erbgutanalyse, die das US-Unternehmen sich hat patentieren lassen, bekämen Eltern mit Kinderwunsch nur die Möglichkeit, die Chancen auf bestimmte erwünschte Merkmale beim Nachwuchs zu erhöhen.

Empört sind die Autorinnen, weil das US-Patentamt offenbar nicht auf die Idee gekommen ist, dass ein Patent darauf, wie man am geschicktesten ein Designer-Baby zusammenstellen könnte, moralisch verwerflich sein könnte. Zwar gebe es im US-Patentrecht keine explizite Moralitätsklausel, doch in einem ähnlich aufsehenerregenden Fall sei ein US-Patent schon einmal aus moralischen Gründen nicht erteilt worden. Dies war der Fall, als US-Forscher ein Patent auf Chimären aus Menschen und Tieren anmelden wollten. Die beiden Wissenschaftler hatten einen Präzedenzfall schaffen wollen, damit niemand jemals solche Chimären patentieren können würde.

Kindervorhersage in industriellem Maßstab

Unabhängig davon, was 23andMe jetzt zu seinen Planungen erklärt, kompliziert das erteilte Patent die Diskussion darüber, was bei der Kinderplanung erlaubt sein soll. Ein im Internet verfügbarer Auswahlbogen für erwünschte und unerwünschte Eigenschaften wäre etwas anderes, als der bei der Präimplantationsdiagnostik im Vordergrund stehende Versuch, vererbbare Krankheiten eines Embryos vor der Implantation in die Gebärmutter zu diagnostizieren. Hinzu kommen die von Beginn der frei verfügbaren Ergbutanalyse an unbefriedigend geklärten Fragen, wie mit den Daten der Kunden umgegangen wird, wie sicher diese sind und welcher Missbrauch vorstellbar ist.

Bisher geht es vor allem darum, was einige wenige Menschen über ihr Erbgut wissen wollen. Wenn im industriellen Maßstab die Kontrolle für Wahrscheinlichkeiten bestimmter Eigenschaften möglich ist und die Erbgutdaten von immer mehr Menschen bei Unternehmen gespeichert sein werden, sind allerdings schlimmere Folgen vorstellbar als der dagegen harmlos erscheinende Diebstahl von ein paar Millionen Kreditkartendaten.

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insgesamt 101 Beiträge
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    Seite 1    
1. schon mein Grossvater
Stabhalter 04.10.2013
Zitat von sysopStill und leise hat das Gentest-Unternehmen 23andMe in den USA ein Patent erhalten, das Designer-Babys vorstellbar macht. Kunden könnten theoretisch den Samenspender so aussuchen, dass die Chancen bestimmter Eigenschaften beim Kind erhöht werden. Die Firma wiegelt ab. 23andMe erhält Patent für die Auswahl genetischer Merkmale bei Babys - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/23andme-erhaelt-patent-fuer-die-auswahl-genetischer-merkmale-bei-babys-a-926139.html)
sagte immer,aus Amerika kommt nichts gescheites und das wird so bleiben.Heute verstehe ich ihn nach über 50 Jahren.
2. Ich halte diese Diskussion für Heuchelei...nicht das ich Befürworter von Designer Bab
detlef1958 04.10.2013
Zitat von sysopStill und leise hat das Gentest-Unternehmen 23andMe in den USA ein Patent erhalten, das Designer-Babys vorstellbar macht. Kunden könnten theoretisch den Samenspender so aussuchen, dass die Chancen bestimmter Eigenschaften beim Kind erhöht werden. Die Firma wiegelt ab. 23andMe erhält Patent für die Auswahl genetischer Merkmale bei Babys - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/23andme-erhaelt-patent-fuer-die-auswahl-genetischer-merkmale-bei-babys-a-926139.html)
aber indirekt haben wir Sie heute schon: Es wachsen Kleinkinder auf, die mit allen erdenklichen und heute legalen Mitteln gepuscht und designt werden...um ja oben mitzuschwimmen....und es wachsen Kinder auf..die jetzt schon aufgrund der Entbehrungen ihrer Armut und Verwahrlosung in der Kindheit schlechtere Chancen haben werden, erfolgreich zu sein, gesund zu bleiben und alt zu werden..... Das wird nur der nächste Schritt sein, ob nun legal oder illegal....ethisch verwerflich oder nicht..es wird Eltern geben...die jede Bodenhaftung verloren haben und die sowas wie Schicksal für sich und ihre Kinder kategorisch ausschließen: Ihr Geld macht sie aus ihrer Sicht gottgleich.
3. Designer-Baby moralisch verwerflich
fritzyoski 04.10.2013
Wer es moralisch verwerflich findet laesst es eben sein, es wird ja niemand gezwungen. Ausserdem laesst sich vieles bisher nicht so genau vorhersagen. Ich persoenlich faende es schon gut ein Kind ohne Erbkrankheiten oder erhoehtes Krebs, Alzheimer, Herz-Kreislauf oder Diabetis Risiko zu haben. Persoenlich kann man die Daten nutzen um gesundheitliche oder wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen. Auf welche Risiken muss ich besonders achten? Sollte ich mit 62 auf Rente gehen weil ich 70 kaum erleben werde oder erst mit 70 auf Rente weil ich gute Chancen habe bis 100 zu leben?
4. Schöne neue Welt...
pünktchen06 04.10.2013
die USA und ihr Patentierungs-Wahn. Patente auf Gemüse, Schweine etc. Da freuen wir uns doch alle auf das Freihandelsabkommen!
5. Da kommt Hoffnung auf:
Ze4 04.10.2013
Endlich bietet sich eine Chance, die Menschen aus dem Kreislauf zunehmender Verblödung und Verrohung zu befreien, in dem sie sonst unweigerlich bis zu Ihrem Untergang gefangen wären. Was kostet denn so ein kluges, sozial kompetentes und hübsch anzusehendes Gör?
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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