Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Debatte über späte Schwangerschaft: Vierlinge mit 65 - wie ist das möglich?

Von und

Annegret R. (links) mit RTL-Moderatorin Birgit Schrowange (Mitte) und einem ihrer Kinder: Schwanger mit 65 Zur Großansicht
DPA

Annegret R. (links) mit RTL-Moderatorin Birgit Schrowange (Mitte) und einem ihrer Kinder: Schwanger mit 65

Annegret R. ist mit 65 Jahren schwanger, die 13fache Mutter erwartet Vierlinge. Welche Risiken drohen und warum ein Mediziner von Machbarkeitswahn spricht.

Die Grundschullehrerin Annegret R. ist 65 Jahre alt und schwanger. Wie ist das überhaupt möglich?

Auf natürlichem Wege hätte die 13fache Mutter kein weiteres Baby empfangen können. In Mitteleuropa haben Frauen im Durchschnitt mit 52 Jahren ihren letzten Eisprung, danach reifen keine Eizellen mehr heran. Aus diesem Grund war Annegret R. bei ihrem Kinderwunsch nicht nur auf eine künstliche Befruchtung angewiesen, sondern auch auf die Eizellen einer anderen Frau.

Diese wurden mit ebenfalls gespendetem Sperma befruchtet und Annegret R. in die Gebärmutter eingesetzt. Um die Chancen auf eine Schwangerschaft zu erhöhen, nutzten die Ärzte dabei mehrere befruchtete Eizellen. Entgegen der Erwartungen entwickelten sich gleich vier Embryos weiter, die derzeit außerhalb der Gebärmutter noch nicht lebensfähig wären. Annegret R., die von RTL auf ihrem Weg begleitet wird, ist derzeit in der 21. Schwangerschaftswoche.

Eine Eizellspende bei einer 65-Jährigen - ist so etwas in Deutschland erlaubt?

Nein, das ist es nicht. Eizellspenden sind in Deutschland seit 1991 verboten, unabhängig vom Alter der Patientin und der Ursache für den unerfüllten Kinderwunsch. Die rechtliche Grundlage dafür findet sich im Embryonenschutzgesetz. In vielen anderen Ländern hingegen ist die Eizellspende geduldet, damit Frauen auch ohne eigene Eizellen Kinder bekommen können.

Annegret R. ist für die Behandlung ins Ausland gereist und damit keine Ausnahme. Strafbar macht sie sich damit nicht. Das deutsche Recht erkennt die Frau als Mutter an, die das Kind auf die Welt bringt. Die Europäische Gesellschaft für Reproduktion und Embryologie (ESHRE) geht davon aus, dass jährlich eine "wesentliche" Anzahl von Frauen ins Ausland reist, um sich dort den Kinderwunsch zu erfüllen. Eine Befragung der ESHRE aus dem Jahr 2010 ergab, dass deutsche Frauen vor allem in Tschechien Hilfe suchen. Fast jede Zweite hatte eine gescheiterte Behandlung in Deutschland hinter sich.

Mit ihrem Alter ist Annegret R. trotzdem die Ausnahme. Bei der Befragung der ESHRE waren die deutschen Frauen, die im Ausland Hilfe suchten, im Durchschnitt 39 Jahre alt. Die jüngste war 23, die älteste 49.

Warum ist eine Schwangerschaft jenseits der Menopause problematisch?

Weil das Herz-Kreislauf-System und der gesamte Organismus mit dem Alter schwächer werden und die Hormonumstellung auch die Geschlechtsorgane stark verändert. Die Gebärmutter ist ein hormonabhängiger Muskel, in dem sich vor der Menopause die Schleimhaut zur Einnistung der befruchteten Eizelle aufbaut und die Schleimhaut wieder abgestoßen wird, wenn keine Schwangerschaft eintritt. Nach der Menopause verändern sich die Hormonkonzentrationen und damit der Gebärmuttermuskel.

Welche besonderen Gefahren bestehen für die 65-Jährige?

Im Fall von Annegret R. kommen gleich drei Risiken zusammen: Sie ist nicht nur 65 Jahre alt, die Alleinerziehende musste auch Eizell- und Samenspenden bekommen, und sie ist mit Vierlingen schwanger. "Alle drei Voraussetzungen sind Hochrisikofaktoren für eine Schwangerschaft", sagt Frank Louwen, Schriftführer der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. "Sie bringen alle die Gefahr von Bluthochdruck, Schwangerschaftsdiabetes und Präeklampsie (Bluthochdruck und Ausscheidung von Eiweißen mit dem Urin, Anm. d. Red.) mit sich und potenzieren sich gegenseitig."

Dass seine ärztlichen Kollegen im Ausland eine solche Schwangerschaft überhaupt ermöglicht haben, bestürze ihn, sagt Louwen. "Schon eine Vierlingsschwangerschaft herbeizuführen, ist aus unserer heutigen Sicht ein Fehler, weil sie große Risiken für die Mutter und die Föten mit sich bringt", so der Leiter der Geburtshilfe und Pränatalmedizin der Frankfurter Universitätsklinik. "Aber wenn eine 65-Jährige nach Eizellspenden mit Vierlingen schwanger wird, dann ist das ein Machbarkeitswahn, der mich betroffen macht."

In Deutschland werden nach In-vitro-Fertilisationen ("Reagenzglasbefruchtungen") normalerweise nur ein bis zwei befruchtete Eizellen eingesetzt. Nach dem 35. Lebensjahr dürfen laut Embryonenschutzgesetz maximal drei Embryonen in die Gebärmutterhöhle transferiert werden.

Was bedeutet das für die ungeborenen Babys?

Für die Föten sind eine Unterversorgung und die verkürzte Schwangerschaftsdauer die entscheidenden Probleme: Bei einer Untersuchung von 38 Drillings- und vier Vierlingsschwangerschaften kamen alle Kinder als Frühgeburten zur Welt, im Durchschnitt in der 33. Schwangerschaftswoche. Häufig setzen die Wehen zu früh ein, die starke Dehnung der Gebärmutterwand kann dabei ebenso die Ursache sein wie ein frühzeitiger Blasensprung oder ein verkürzter Gebärmutterhals. "Vierlinge kommen per Kaiserschnitt auf die Welt", sagt Frank Louwen.

Kommen Babys zu früh zur Welt, sind sie noch unreif und untergewichtig. Meist müssen sie wegen sogenannter Anpassungsstörungen auf der Intensivstation behandelt werden: Sie haben einen verminderten Atemantrieb, sind häufig zu schwach zum Trinken und müssen über eine Nasensonde ernährt werden. Auch die eigene Körpertemperatur zu halten, gelingt ihnen kaum, und sie sind aufgrund des unreifen Immunsystems besonders anfällig für Infektionen. Durch Hirnblutungen, Netzhauterkrankungen oder andere noch nicht voll funktionsfähige Organe können bleibende Schäden entstehen.

Welche Risiken bestehen bei der Geburt?

Erreichen die Babys ein lebensfähiges Alter, müssen sie per Kaiserschnitt auf die Welt geholt werden. Für die Mutter bedeutet das eine höhere Gefahr für Blutungen, Thrombosen, eine Lungenembolie oder Wundheilungsstörungen.

Wurde vor Annegret R. schon einmal eine Frau mit 65 Jahren schwanger?

Falls alles gutgeht, zählt Annegret R. mit ihren 65 Jahren tatsächlich zu den ältesten Müttern der Welt. Den Altersrekord hält laut Guinnessbuch der Rekorde die Spanierin Carmela Bousada. Sie brachte im Dezember 2006 Zwillinge auf die Welt, im Alter von 66 Jahren und 358 Tagen. Auch Bousada war auf eine künstliche Befruchtung angewiesen.

Da die Ärzte in Spanien ihre Behandlung ablehnten, suchte sie Hilfe in den USA - und gab sich dort als 55-Jährige aus. Lange konnte Bousada ihren Kindern nicht zur Seite stehen: Sie starb im Juli 2009 an Krebs, noch vor dem dritten Geburtstag der Zwillinge.

Einen Rekord würde Annegret R. bei der Geburt dennoch aufstellen: Vor ihr hat wohl noch keine Frau in dem Alter Vierlinge auf die Welt gebracht.

Schwangerschaftsquiz
Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Zur Autorin
  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie leitet das Ressort Wissenschaft/Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel:



Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: