Illegale Abtreibungen in Afrika Das Sterben im Hinterzimmer

Weil Abtreibungen illegal sind, beenden viele Afrikanerinnen ihre Schwangerschaft mit Gift oder spitzen Gegenständen. Jährlich sterben Zehntausende an den Folgen. Jetzt lockert Mosambik als eins der ersten Länder die Gesetze.

Aus Maputo berichtet

Ins Hinterzimmer getrieben: In vielen Ländern sind Abtreibungen illegal
Corbis

Ins Hinterzimmer getrieben: In vielen Ländern sind Abtreibungen illegal


Manche Frauen schlucken Bleichmittel oder selbstgebraute Getränke. Andere führen spitze Gegenstände wie Ästchen oder Hühnerknochen in die Gebärmutter ein; sie behandeln die Vagina mit Kräutermitteln, um eine Geburt zu provozieren oder springen von Treppen oder Dächern, um das ungeborene Kind durch eine Verletzung des Bauchs zu töten.

Abtreibung in Entwicklungsländern ist schmerzhaft. Weil es in den meisten Ländern keine legale Möglichkeit gibt, brechen Frauen Schwangerschaften selbst ab, zu Hause oder in Hinterzimmern von Ärzten, Heilern oder Apothekern. Tausende Mütter sterben jährlich an den Folgen. Als eines von wenigen Entwicklungsländern ermöglicht Mosambik jetzt legale Abtreibungen. Die Regierung will damit die hohe Sterblichkeit von Frauen während der Schwangerschaft und Geburt senken.

Die wichtige Änderung des Strafgesetzbuchs hat Präsident Armando Guebuza noch kurz vor Weihnachten und vor seinem Rücktritt im Februar unterzeichnet: Abtreibung ist in Mosambik nun bis zur zwölften Schwangerschaftswoche nicht mehr strafbar. In besonderen Fällen - beispielsweise nach einer Vergewaltigung - ist eine Abtreibung bis zur 16. Woche möglich. Bisher haben in Afrika nur die Kapverdischen Inseln, Tunesien und Südafrika ähnliche Gesetze.

Schwangere in Lebensgefahr

Rosa, eine kleine, schmächtige Frau Mitte 30 aus der Nähe des Küstenorts Xai-Xai war 16, als sie von einem Jungen schwanger wurde. Er verließ sie. Und weil eine alleinstehende Mutter nicht akzeptiert würde, bat Rosa einen traditionellen Heiler um ein Mittel. Am Tag danach fühlte sie sich schwach und wurde in eine Klinik gebracht. "Wer nicht in der Nähe eines Arztes wohnt oder sich nicht traut, um Hilfe zu fragen, stirbt daran", erzählt Rosa. Sie sagt, sie kannte das Risiko.

"Frauen, die ein Kind nicht wollen, sind bereit, bis zum eigenen Tod zu gehen", sagt Ivone Zilhao, eine Ärztin aus der Hauptstadt Maputo. Gemeinsam mit anderen Frauen und Organisationen hat sie für eine Änderung der Gesetze gekämpft. "Mit der neuen Regelung haben Frauen die Möglichkeit, eine Schwangerschaft sicher und ohne tödliches Risiko abzubrechen." Sie müssen nicht mehr in die Hinterzimmer, sondern können sich straffrei von Ärzten und medizinischem Fachpersonal behandeln lassen.

Das Verbot stammte aus einer Zeit, als Mosambik noch unter dem Einfluss der katholisch-geprägten Kolonialmacht Portugal stand. Noch immer spielt die Kirche eine wichtige Rolle in gesellschaftlichen Debatten, sowie in vielen afrikanischen Ländern. Zilhao und die Befürworter haben deshalb nicht die Frauenrechte in den Vordergrund gestellt, sondern die Gesundheitsproblematik.

Sichere Abtreibungen seien fünfmal günstiger für das Gesundheitssystem als illegale, erklärt Zilhao. Außerdem gehe die relativ hohe Müttersterblichkeit in Mosambik seit Jahren kaum zurück. "Es ist Zeit, etwas Neues zu probieren", sagt sie.

Illegale Abtreibungen: 13 Prozent der Müttersterblichkeit

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass weltweit nahezu 13 Prozent aller Todesfälle von Frauen während Schwangerschaft und Geburt durch unsichere Abtreibungen verursacht werden. In Mosambik liegt der Wert Zilhao zufolge bei elf Prozent. Rund 6,2 Millionen illegale Abtreibungen sollen laut den jüngsten WHO-Schätzungen aus dem Jahr 2008 in Afrika stattgefunden haben. Die WHO definiert eine "unsichere Abtreibung" als Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft entweder durch Personen ohne entsprechende Kenntnis oder unter unhygienischen Umständen.

Experten gehen davon aus, dass liberale Gesetze die Zahl unsicherer Schwangerschaftsabbrüche und damit die Sterbefälle reduzieren können. So hat Südafrika Abtreibung 1996 legalisiert. Forscher verglichen anschließend die Zahlen der Todesfälle durch unsichere Abtreibungen von 1994 mit der Zeit zwischen 1998 und 2001. Sie sanken der Studie zufolge um 91 Prozent.

Trotzdem ist eine Liberalisierung der Gesetze nur ein erster Schritt, sagt Ivone Zilhao in Maputo. Ärzte und Krankenschwestern müssen ausgebildet werden. Die eigentlichen Ursachen von ungewollten Schwangerschaften müssten bekämpft werden, zum Beispiel häusliche Gewalt und Kinderheirat, die es in Mosambik noch immer gibt. Und die Vorurteile müssten abgebaut werden, sagt Zilhao, sodass sich Frauen trauten, die neuen Möglichkeiten in Anspruch zu nehmen.

"Manche Leute glauben noch an traditionelle afrikanischen Mythen", erzählt Rosa, die selbst eine illegale Abtreibung hatte. Sie wollten kein Essen mehr annehmen von einer Frau, die eine Schwangerschaft beendet hat. "Sie glauben, dass sie nicht nur das Kind, sondern auch andere Leute umbringen will - aber das ist natürlich Unsinn."

Die Recherche-Reise wurde vom International Reporting Project der Johns Hopkins University unterstützt.

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