Schwangerschaftsabbruch Traurigkeit ist keine Krankheit

Schwangerschaftsabbrüche werden auch in Deutschland noch immer tabuisiert. Kritiker behaupten, der Eingriff mache psychisch krank - Belege dafür gibt es nicht. Die größte Belastung entsteht durch Stigmatisierung.

Allein mit der Entscheidung: Abtreibungen werden noch immer tabuisiert
Corbis

Allein mit der Entscheidung: Abtreibungen werden noch immer tabuisiert


Amelia Bonow will sich nicht dafür verstecken, dass sie einen Embryo abgetrieben hat.

Die 30-jährige Amerikanerin redet darüber, gibt Interviews, twittert unter dem Hashtag #ShoutYourAbortion. Während manche Menschen ihre Entscheidung für verwerflich halten und ihr sogar drohen, haben sich mittlerweile zahlreiche Frauen der Online-Kampagne angeschlossen. Sie berichten von ihren Abtreibungen und wie sie sich dabei und danach gefühlt haben. Sie wollen das Thema endlich von seinem Tabu befreien und sich selbst von einem Stigma.

Auch in Deutschland gibt es noch immer Streit über Abtreibungen. Zwar sind pauschale Verurteilungen gefühlt etwas seltener als etwa in manchen Landesteilen der USA. Aber auch hier sind sich Ärzte, Psychologen und Berater uneins darüber, wie sich eine Abtreibung langfristig auf die psychische Gesundheit auswirkt.

Schuldgefühle, Depression, Trauma

Die einen sind sich sicher: Ein Schwangerschaftsabbruch kann zu gravierenden psychischen Problemen wie lebenslangen Schuldgefühlen, Depressionen und Traumatisierung führen. Die schwerwiegenden Folgen, so die Bestrebungen, sollten unter dem Überbegriff "Post-Abortion-Syndrom" zusammengefasst werden, das bislang aber von keiner medizinischen oder psychiatrischen Vereinigung anerkannt wird und auch nicht Teil des medizinischen Diagnoseschemas ICD-10 ist.

Auch die US-Forscherin Priscilla Coleman von der Bowling Green State University in Ohio will den Beweis dafür gefunden haben, dass Schwangerschaftsabbrüche generell psychisch krank machen können. In einer Übersichtsarbeit kommt sie nach Auswertung von 22 Studien zu dem Schluss, dass Frauen nach einem solchen Eingriff ein 81 Prozent höheres Risiko für psychische Beschwerden haben. Ein Zehntel der Probleme sei direkt auf den Abbruch zurückzuführen, auf andere mögliche Ursachen ist die Forscherin nicht eingegangen.

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Die andere Seite, vertreten durch Psychologen und Mediziner von unterschiedlichen Universitäten und Fachverbände wie die DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde), meint: Für ein Post-Abortion-Syndrom gibt es keine Belege, die Diskussion um die psychischen Folgen sei Panikmache.

Gegen die Familienforscherin Coleman gibt es zudem Vorwürfe, sie habe unsauber gearbeitet, ihre Ergebnisse seien nicht nachvollziehbar. Das renommierte britische Royal College of Psychiatrists sah sich sogar veranlasst, eine eigene Übersichtsarbeit nachzulegen. Das Fazit: Ob eine Frau ein ungewolltes Kind zur Welt bringt oder sich für eine Abtreibung entscheidet, beeinflusse ihre psychische Gesundheit kaum.

Auch Nancy Russo, Mitglied in der American Psychological Association (APA), widmet sich mit einer Arbeitsgruppe schon seit Jahren der Frage, welche psychischen Auswirkungen eine Abtreibung haben kann. Die Zahl der Studien, die belastbare Ergebnisse liefern, sei aber so gering, dass man sie an einer Hand abzählen könne. Anhand dieser streng ausgewählten Daten konnte Russo keinen Zusammenhang zwischen dem Eingriff und einer psychischen Erkrankung finden.

Schwer zu verkraften - aber nicht unmöglich

"Die meisten kommen nach dem Abbruch zurecht", sagt die Psychosomatikerin Anette Kersting von der Universität Leipzig. "Nicht wenige sind sogar erleichtert, weil eine konflikthafte Situation gelöst wurde." Die Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch und auch die Durchführung sei zwar ein kritisches Lebensereignis, das erst einmal verarbeitet werden müsse. "Für viele ist er eine psychische Belastung - aber eben nicht unmittelbar ein Grund für eine Erkrankung", betont auch sie. Natürlich könne es schwerfallen, die Entscheidung zu verkraften, wenn schon vorab die Lebensumstände belastend waren oder bereits psychische Probleme bestanden.

In der Tat sind eine ungewollte Schwangerschaft und Abtreibung eng verknüpft mit diversen negativen Lebensbedingungen, die schon vorher bestanden, betont die APA. Manche Frauen haben bereits Kinder zu versorgen, pflegen kranke Partner oder Familienmitglieder, sind mit ihrem Einkommen die einzige Stütze der Familie, andere sind verwitwet, geschieden oder haben einen gewalttätigen Partner. Vielen ist gemein: Die Lebenslage ist prekär. Der Druck, eine perfekte Mutter sein zu wollen, zugleich immens hoch.

Vor allem das Gefühl, stigmatisiert zu werden, etwas geheim halten zu müssen, sowie wenig soziale Unterstützung für die eigene Entscheidung zu erhalten, beeinflusse die Frauen negativ, warnt zudem die APA. Bewegungen wie #ShoutYourAbortion sind daher für manche Betroffene sehr wichtig.

Verurteilt durch die Gesellschaft

Die Haltung der Gesellschaft ist auch für die Vorsitzende des Bundesverbands Frauengesundheit, Bettina Faulstich, einer der wichtigsten Gründe dafür, warum es Frauen nach einer Abtreibung schlecht geht, warum Scham und beklemmende Schuldgefühle aufkommen. "Schwangerschaftsabbrüche stehen im Strafgesetzbuch unter Totschlag, Beratungsstellen für Schwangerschaftsabbrüche müssen sich immer wieder vor Gericht verantworten. Die Atmosphäre ist angespannt - und das spüren auch die Frauen", sagt die Beraterin. Die Folge: Die betroffenen Frauen trauen sich nicht, Freunde oder Bekannte einzuweihen, um Rat und Unterstützung zu fragen, weil sie unsicher sind, wie diese reagieren. Sie bleiben allein mit ihren Ängsten, Sorgen und Nöten.

"Eine ungewollte Schwangerschaft ist nicht nur eine persönliche Katastrophe, sondern auch ein großes Problem für die Gesundheitsversorgung. Statt den Fokus auf die Moral oder politische Dimensionen zu legen, sollten wir lieber schauen, welche Bedürfnisse die Frauen in dieser Situation haben", fordern daher auch die britischen Forscher des Royal College of Psychiatrists.

"Die Beratung vor einem Abbruch ist wichtig", sagt Kersting. Zwar sieht er aufgezwungene Maßnahmen eher kritisch, eine Beratung könne aber sinnvoll sein. "Wenn die Frauen ein paar Jahre nach dem Eingriff zurückblicken, sollen sie nicht denken müssen, sie hätten überstürzt gehandelt", so Kersting. "Sie sollten dann sicher sein, dass sie damals alles gründlich für sich abgewogen haben."

Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland: Fakten und Zahlen

Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche geht seit Jahren stark zurück. Haben 1997 noch mehr als 116.000 Frauen einen solchen Eingriff vornehmen lassen, waren es 2014 weniger als 100.000 . Die Mehrheit bricht die Schwangerschaft nach der sogenannten Beratungsregelung ab, im zweiten Quartal 2015 waren es 96 Prozent aller Patientinnen .

Die Beratungsregelung ist im Strafgesetzbuch unter Paragraf 218 verankert: Schwangerschaftsabbrüche stehen demnach unter Strafe, außer wenn die Frau sich mindestens drei Tage zuvor von einer anerkannten Beratungsstelle zu dem Eingriff hat beraten lassen, dafür dem Arzt eine Bescheinigung vorweisen kann und die Schwangerschaft nicht schon länger als 12 Wochen besteht.

Etwa vier Prozent der Frauen brachen im ersten Quartal 2015 eine Schwangerschaft aus medizinischen oder kriminologischen Gründen ab. Ihre psychische oder körperliche Gesundheit war in Gefahr oder sie waren Opfer einer Vergewaltigung und sind dadurch schwanger geworden. Auch diese Abbrüche sind straffrei.

Mehr als die Hälfte der Eingriffe erfolgt über die Vakuumaspiration, der Fötus wird abgesaugt. Knapp jede fünfte Frau erhält wiederum ein Medikament, das die Schwangerschaft beendet. Etwa 97 Prozent der Eingriffe erfolgen ambulant in Praxen oder Kliniken.



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insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
rilke1875 01.02.2016
1. Psychische Probleme...
kommen nicht durch Schuldgefühle, sondern durch die Verdrängung von Schuldgefühlen. Wenn ich mir vorstelle, das ungewollte Kind steht vor mir und ich sage ihm ins Gesicht: "Ich wollte dich nicht. Ich wollte nicht, das du lebst." Und wenn ich das aushalte. Dieses Schuldgefühl, diese riesige Trauer aushalte. Und auch trauere um das Kind, und ihm sozusagen einen Platz in meinem Herzen gebe. Dann kann es weiter gehen.
Heike Wolter 01.02.2016
2. Weniger Panikmache, mehr gute Begleitung
Ich habe Betroffene zum Thema für ein Buch interviewt und kann nur bestätigen: Psychisch krank macht ein Abbruch nicht. Aber er ist ein bedeutsames Lebensereignis und die meisten meiner Interviewpartnerinnen wünsch(t)en sich eine bessere Begleitung - nicht als Zwang, aber als Angebot zur Unterstützung in der besonderen und zumeist sehr ambivalenten und damit psychisch herausfordernden Situation, in der sie sich befinden.
gägge 01.02.2016
3. Was soll das Geschwafel ?
Natürlich ist Traurigkeit bei Schwangershaftsabbruch eine seelische Krankheit ! Oft lebenslang unheilbar, egal wie man's ansieht. Das hat jedoch mit "ausgestoßen zu sein" nichts zu tun, sondern zuerst damit, ein Leben zu verlieren :-( . Bei Schwangerschaft nach Vergewaltigung sieht das natürlich ganz anders aus... Als junger Mann hatte ich eine gute Bekannte, sie war von ihrem Freund schwanger. Er jedoch wollte das Kind nicht, verzog sich, haute ab, liess sie allein. Ohne den Vater wollte sie das Kind aber nicht. Damals war Abtreibung in Deutschland verboten. Also habe ich sie, auf ihr Gebeten, schnell nach Holland in eine renommierte Spezialklinik gefahren und die Abtreibung und Konvalezenz vorbezahlt. Damals verdiente ich gut Geld. Ich konnte nicht dabei bleiben, musste zurück an die Arbeit. Als ich nach vier Tagen keine Nachricht hatte, rief ich wieder mal in der Klinik an : "Sie ist heute morgen mit einem Mann weg". Aua ! Bin in's Auto gesprungen, Vollgas nach Holland. Detektivarbeit. Habe sie nach drei Tagen gefunden, lebend (!), am Strand, mit ihrem Freund, händchenhaltend. Er hatte seine Ablehnung bereut. Da war's für das Baby jedoch leider schon zu spät... Und für alle Beteiligten eine nie vergessbares Trauma. Wenn das keine "Krankheit" ist, xie kann man dzs nennen ? Lange später, meine Frau von mir schwanger, hatte unser Hausarzt ihr starke Beruhigungsmittel verschrieben. Er wusste natürlich, dass sie schwanger war. Dann kam heraus, dass das Kind unweigerlich mit schwersten Schäden auf die Welt kommen würde. Hirn, Nerven und Körper. Ond großes Risiko für die Mutter. Also abtreiben. Der Hausarzt hat uns mündlich seinen Irrtum zugegeben, jedoch : "Ich werde das nie auf Papier schreiben, ich bin doch nicht verrückt, ich warne Sie !" Die Maximalzeit für freiwilligen Schwangerschaftsabbruch war schon abgelaufen, also haben wir gelogen. Wir mussten die ganzen Torturen von psychologischen Beratungen durchmachen "Wollen Sie wirklich die Schwangerschaft abbrechen ?! Wissen Sie, was Sie tun ?!" und so. Ich musste selbst voll bezahlen. Auch ein Besuch eines katholischen Priesters : "Ein Leben töten ist Todsünde ! Fegefeuer !". Ich war evangelisch. Ich zeigte dem guten Mann freundlich die Tür, da wo der Maurer das Loch gelassen hatte. Traurig ? Ja ! Dreiundreissig Jahre hinterher, immer noch verzweifelt, voll in Wut. Unheilbar. Wenn das kein Trauma ist, keine Krankheit ist ? Bitte derart Sachen in Ihrem Artikel berücksichtigen. Viel spielt sich zweitens anders ab, als man es erstens denkt. Danke.
rathat 01.02.2016
4.
Ich selbst bin auch Befürworter des Rechts einer Frau auf eine Abtreibung in einem Frühstadium der Schwangerschaft und ich verurteile die Praxis von Abtreibungsgegnern, Frauen vor Kliniken aufzulauern und zu bedrängen. Trotzdem sind mir Frauen suspekt, die mit einer vorgenommenen Abtreibung hausieren gehen (siehe Alice Schwarzer). Denn eines finde ich auch: eine Abtreibung ist nichts worauf man stolz sein kann und sollte. Es geht hier nunmal auch um die Vernichtung menschlichen Lebens - welches auf Grund des Entwicklungsstadiums unter das Selbstbestimmungsrecht der Frau gestellt wird. Es muss und sollte sich aber niemand dafür schämen oder rechtfertigen müssen. Ich bin überzeugt, dass das System in Deutschland mit der vorhergehenden Schwangerschaftskonfliktberatung so ausgelegt ist, dass eine Abtreibung nicht als Kurzschlusshandlung passiert, die irgendwann bereut wird.
Transparenz mal anders 01.02.2016
5. kein schlechtes Gewissen
Warum sollte eine Abtreibung psychisch krank machen. In manchen Ländern wird postnatal abgetrieben in dem Nahrung ververweigert wird und die Leute leben weiter ohne Probleme. Es hängt vom gesellschaftlichen Kontext ab wie man sich dabei fühlt. Krank macht die Ächtung.
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