Ritalin und Co. Verbrauch von ADHS-Arzneien nimmt erstmals ab

Trendwende bei der ADHS-Therapie? Erstmals seit 20 Jahren wurde 2013 weniger Ritalin verbraucht als im Vorjahr. Der Konsum der Arznei mit dem Wirkstoff Methylphenidat hatte sich in den zehn Jahren zuvor verdreifacht.

Unruhiges Kind bei den Hausaufgaben: Müssen es immer gleich Medikamente sein?
DPA

Unruhiges Kind bei den Hausaufgaben: Müssen es immer gleich Medikamente sein?


Berlin - Der jahrzehntelange Anstieg beim Konsum von Tabletten gegen die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist neuen Erhebungen zufolge gestoppt. Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) ging der Verbrauch des Wirkstoffs Methylphenidat, der auf das zentrale Nervensystem wirkt, 2013 erstmals seit 20 Jahren zurück.

Die Diagnose ADHS wird seit Jahren immer häufiger bei Kindern und auch bei Erwachsenen gestellt, in Deutschland leidet heute angeblich jedes 20. Kind darunter.

Das Bundesinstitut BfArM teilte mit, dass im vergangenen Jahr 1803 Kilogramm des Wirkstoffs Methylphenidat verbraucht wurden, der bekannteste Handelsname ist Ritalin. 2012 waren es noch 1839 Kilogramm. In den zehn Jahren zuvor hatte sich der Verbrauch verdreifacht.

BfArM-Präsident Walter Schwerdtfeger betonte aber, dass sich noch keine echte Abwärtstendenz erkennen lasse. "Gleichwohl werten wir diesen ersten leichten Rückgang nach dem massiven Anstieg der vergangenen 20 Jahre als ein positives Signal, das möglicherweise auf einen kritischeren Umgang mit Methylphenidat hindeutet." Als Ursache für den Rückgang kommt laut BfArM in Frage, dass die umstrittenen Medikamente zuvor möglicherweise zu oft verordnet worden seien.

Nur in Niedersachsen mehr Methylphenidat-Verordnungen

Neue Daten der Techniker Krankenkasse (TK) zeigen zudem, dass die Zahl der Kinder zwischen 6 und 17 Jahren, die Medikamente gegen ADHS bekommen haben, von 2009 bis 2012 bundesweit um gut 3,4 Prozent sank. "Offenbar ist die Vorsicht bei einer medikamentösen Behandlung von ADHS gewachsen", sagte die TK-Apothekerin Edda Würdemann.

Falsch dosiertes Methylphenidat könne Angstzustände oder Appetitlosigkeit auslösen. Im Vergleich von 2012 zu 2009 wurden ADHS-Medikamente laut TK in fast allen Bundesländern zurückhaltender verschrieben. Lediglich in Nordrhein-Westfalen nahm die Zahl der Kinder und Jugendlichen zu, denen ein ADHS-Medikament verordnet wurde - und zwar um 4,6 Prozent.

ADHS bei Kindern und Erwachsenen
Diagnose
Bei Kindern und Jugendlichen wird ADHS von Kinder- und Jugendpsychiatern oder -psychotherapeuten mit Hilfe von speziellen Testverfahren und Fragebögen diagnostiziert. Zusätzlich werden noch neurologische Untersuchungen und Verhaltensbeobachtungen durchgeführt. Bei Erwachsenen sind die Kriterien für eine Diagnose im Wesentlichen die gleichen. Hinzu kommt, dass bei Erwachsenen die Symptome aber bereits das ganze Leben über schon bestehen.

Etwa ein Drittel aller ADHS-Kinder behalten die Störung ein Leben lang. Schätzungen zufolge leiden etwa drei Prozent aller Erwachsenen an der Aufmerksamkeitsstörung. Allerdings wandelt sich die Störung im Laufe der Jahre: Überaktivität und Impulsivität verschwinden meist mit der Zeit - Betroffene leiden dafür häufig unter einer allgemeinen Leistungs- und Konzentrationsschwäche.

Die Kriterien für die Diagnose sind im Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen (DSM) der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung sowie im Klassifikationssystem ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation WHO festgelegt. Die Neuauflage des DSM (DSM-5) soll die Kriterien künftig besser an die Beschwerden der Erwachsenen anpassen.
Symptome
Menschen mit ADHS haben oft erhebliche Schwierigkeiten im Alltag: Ihre Aufmerksamkeit ist gestört, besonders in Gruppen fällt es ihnen schwer, dem Gespräch zu folgen. Beim Lesen haben sie häufig Schwierigkeiten, sich auf den Inhalt zu konzentrieren und ihn auch zu behalten. Binnen kürzester Zeit vergessen sie ganze Passagen oder müssen eine Seite immer wieder von vorne beginnen.

Betroffene lassen sich auch leicht ablenken, haben einen starken Rededrang und schweifen gerne vom Thema ab - es ist auch schwer, sie zu unterbrechen. Ein fehlendes Zeitgefühl, Desorganisation, Unordnung können ebenfalls zu den klassischen Auffälligkeiten zählen. Manche Betroffene neigen dazu, diese Verhaltensmuster durch einen zwanghaften Perfektionismus überzukompensieren.

Weil ihre Gedanken häufig "kreuz und quer" laufen, arbeiten Erwachsene mit ADHS auch sehr langsam oder ihnen unterlaufen viele Flüchtigkeitsfehler. Betroffene gelten daher auch als besonders unfallgefährdet.

Die für die Kindheit typische Hyperaktivität kompensieren Erwachsene häufig durch ein großes Verlangen, Sport zu treiben. Bei anderen verwandelt sie sich dagegen in eine innere Unruhe - sich zu entspannen, fällt ihnen schwer.

Stimmungsschwankungen können die Folge sein. Ungeduld, Unsausgeglichenheit, Niedergeschlagenheit oder Euphorie wechseln sich häufig ab, die Betroffenen haben ihre Emotionen nur schlecht im Griff. Ebenso ist ihre Stresstoleranz eher gering. Da ihr Verhalten oft unberechenbar ist, haben Menschen mit ADHS häufiger Beziehungskonflikte.

Oft ziehen die ADHS-Symptome andere psychische Erkrankungen nach sich: Vor allem Frauen mit ADHS leiden häufig unter Depressionen.
Hilfe
Erwachsene werden ebenso wie Kinder mit dem Wirkstoff Methylphenidat (MPH) behandelt, besser bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin. Allerdings gibt es bisher nur wenige Studien zu den Langzeiteffekten einer solchen Therapie. Dennoch lassen sich die Symptome mit Hilfe der Medikamente deutlich lindern. Insbesondere der Leidensdruck, den viele ADHS-Betroffene spüren, verringert sich dadurch. Doch erst seit April 2011 ist das Medikament auch für die Behandlung Erwachsener zugelassen. Allerdings dürfen nur Spezialisten den Wirkstoff verschreiben.

Auch psychotherapeutische Behandlungen können die Symptome mindern. In Einzeltherapien lernen die Patienten etwa, ihre Selbstwahrnehmung zu verändern und so wieder mehr Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu gewinnen.
Die aktuellen Zahlen könnten eine Trendwende markieren, denn bisher war die Tendenz bei Ritalin und Co. stets steigend. Eine Auswertung im "Deutschen Ärzteblatt" hatte erst kürzlich gezeigt, dass die Zahl der medikamentös behandelten Kinder und Jugendlichen zwischen 2005 bis 2012 stark gestiegen war. In dem Zeitraum hatte der Anteil jener jungen Patienten, die zur Behandlung ihrer ADHS-Symptome mindestens ein Neuroleptikum erhielten, um 41,2 Prozent zugenommen.

Über die Gründe für die noch immer hohen Verschreibungszahlen lässt sich trefflich spekulieren. Die Autoren der Untersuchung im "Deutschen Ärzteblatt" vermuten drei Gründe für den Trend: Zum einen seien Psychotherapien langwierig. Oft fehle es in der Familie und bei den Patienten an der nötigen Motivation dafür. Zum anderen betreibe die Pharmaindustrie ein intensives Marketing für atypische Neuroleptika und werbe insbesondere in den USA für den Off-Label-Gebrauch. Das heißt, zugelassene Medikamente kommen außerhalb ihres zugelassenen Anwendungsgebiets zum Einsatz.

Studien und Befragungen zeigen, dass US-Ärzte Kindern häufig zu schnell Psychopharmaka verschreiben. Zudem, so Hauptautor Bachmann, praktizierten immer mehr Pädiater sowie Kinder- und Jugendpsychiater. Eine Zunahme psychischer Störungen lasse sich dagegen nicht belegen.

Laut einer Untersuchung der Barmer GEK vom vergangenen Jahr hatten rund 620.000 Kinder und Jugendliche 2011 gemäß ärztlicher Diagnose das umgangssprachlich genannte "Zappelphilipp-Syndrom", davon 472.000 Jungen. Zusammen mit Erwachsenen waren es insgesamt 750.000 Patienten. Besonders betroffen waren Jungen vor dem Wechsel aus der Grundschule. Verhaltenstherapie und Heilmittel wie etwa Ergotherapie sind neben einer medikamentösen Therapie wichtige Bestandteile der Behandlung.

hei/dpa



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insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
web4health 01.04.2014
1. Neuroleptikum für ADHS ?
Neuroleptika sind zur Behandlung von ADHS ungeeignet. Wenn von 2005 bis 2012 eine Zunahme von über 40 Prozent Neuroleptika-Verordnungen erfolgt sein sollte (was ich nicht glauben kann) und gleichzeitig weniger störungsspezifisch wirksame Stimulanzien, dann wäre es ein Skandal. Vermutlich wird aber mal wieder Neuroleptikum mit Stimulans gleichgesetzt. Es ist einfach ein Skandal, wie undifferenziert und unsachlich selbst Apotheker bzw. Vorsitzende von Kassenärztlichen Vereinigungen dann über ADHS-Therapie urteilen. Es wird aber auf dem Rücken der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen ausgetragen.
spontifex 01.04.2014
2. Übergeschnappt
Zitat von sysopDPATrendwende bei der ADHS-Therapie? Erstmals seit 20 Jahren wurde 2013 weniger Ritalin verbraucht als im Vorjahr. Der Konsum der Arznei mit dem Wirkstoff Methylphenidat hatte sich in den zehn Jahren zuvor verdreifacht. http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/adhs-verbrauch-von-ritalin-gegen-zappelphilipp-syndrom-nimmt-ab-a-961839.html
Da haben sich die Amis mit ihren coolen, hippen trends doch tatsächlich ein bisschen unbeliebt gemacht letztes Jahr in Westeuropa. Das wird aber nicht lange anhalten, ist doch fast schon wieder vergessen. Die übergeschnappten Deutschen haben zusammen mit ihren Alliierten dieser Tage einen prima neuen gemeinsamen Feind in Russland gefunden, und als vereinte ProletArierInnen werden sie ihre kleinen Unstimmigkeiten bestimmt um so schneller wieder vergessen.
soulseeker 01.04.2014
3. optional
Warum sieht denn keiner das offensichtliche? Die Kinder drehen doch nur am Rad, weil sie meistens vor der Glotze/PC hängen, auf Smartphones rumdrücken und schon seit frühester Kindheit Medien konsumieren "müssen", anstelle ihre überschüssigen Energien draußen beim Spielen "abzulaufen". Ist wie bei Hunden, wenn man denen keine Möglichkeit gibt, ihre Energien "loszuwerden", drehen sie auch am Rad.
emma04 01.04.2014
4. ADHS ist keine
Modeerkrankung, sondern, wenn sie richtig diagnostiziert ist, eine Störung, unter der die Kinder massiv leiden. Oft ist eine Medikation unumgänglich, um die Kinder für eine Verhaltenstherapie zugänglich zu machen. Neue Ansätze sind das sogenannte Neurofeedback, das aber noch von keiner Kasse übernommen wird. Kommentatoren, die ADHS mit Vernachlässigung, zu viel Fernsehen und Reizüberflutung zu erklären versuchen, haben keine Ahnung von der wirklichen Problematik. Und wenn man keine Ahnung von der Materie hat, sollte man sich lieber nicht äußern.
meinemeinung: 01.04.2014
5. Seelische Not
Das worauf der Artikel am wenigsten eingeht, ist das die so diagnostizierten Kinder sich vor allem in seelischer Not befinden. Die Symptome dann durch Medikamentenbehandlung zu lindern zu versuchen, ist für mich so ähnlich,wie beim Auto die Warnlampe abzuschalten, wenn sie aufleutchtet, und dann davon auszugehen, das damit das Problem beseitigt wäre. Kinder brauchen vor allem Liebe, Rücksicht,Anerkennung und Geborgenheit. Wenn sie diese nicht bekommen, dann werden sie unruhig und möglicherweise auch aggressiv. Dazu kommt der enorme Leistungsdruck in der Schule, die dort üblichen Lehrmethoden, die vor allem darauf angelegt sind immer mehr Wissen in die Kinder hineinzustopfen, und so jede Kreativität abwürgen. Notwendig sind nicht nicht eine Änderung im Umgang mit Medikamenten, sondern vor allem das mehr auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen wird. Diese Entwicklung fehlt nahezu vollständig, und wird nur in Nischen als ernstes Problem erkannt.
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