Alkohol in der Schwangerschaft Ist ein Glas doch okay?

Selbst ein Gläschen schadet schon - deshalb raten Mediziner Schwangeren zur totalen Alkoholabstinenz. Zu Recht? Eine aktuelle Studie hat die Empfehlungen erneut untersucht.

Schwangere mit Bierflasche (Symbolbild)
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Schwangere mit Bierflasche (Symbolbild)

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Egal ob Sekt, Bier oder Wein - Alkohol gelangt in genauso hohen Konzentrationen in die Nabelschnur, wie es im Körper der Mutter zirkuliert. Die Plazenta kann den Stoff im Gegensatz zu vielen anderen giftigen Substanzen nicht aus dem Blut der Mutter filtern. Trinkt eine Schwangere, trinkt ihr Baby also mit. Die Folgen sind für das Ungeborene jedoch deutlich verheerender.

Die Leber zählt zu den letzten Organen, die Babys während ihrer Zeit im Bauch ausbilden. Entsprechend lange bleibt der Alkohol in ihrem Körper. Jährlich kommen in Deutschland 10.000 Kinder mit Schäden zur Welt, weil ihre Mutter zu viel getrunken hat. Das ist unumstritten. Was aber ist, wenn sich Schwangere nur ab und zu ein Gläschen gönnen? Darüber wissen Mediziner erstaunlich wenig, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Für ihre Untersuchung durchforsteten Wissenschaftler um Loubaba Mamluk von der Bristol Medical School medizinische Datenbanken nach Studien, in denen Forscher die Gesundheit der Kinder von abstinenten und moderat trinkenden Schwangeren verglichen hatten. Die Daten zum Alkoholkonsum basierten auf Selbstangaben der Mütter. Dabei setzten die Wissenschaftler die Alkoholobergrenze bei einer Menge von 32 Gramm pro Woche an, was vier Portionen entspricht.


Eine Portion Alkohol steckt beispielsweise in:

  • Einem Shot (25 Milliliter) harten Alkohol wie Whiskey, Gin, Rum oder Wodka mit bis zu 40 Volumen-Prozent.
  • Einem kleinen Glas Wein (100 Milliliter) mit 11 Volumenprozent.
  • Einem sehr kleinen Bier (200 Milliliter) mit 4,8 Volumenprozent.

Bei einer ersten Suche fanden die Forscher noch mehr als 4700 Artikel. Nach einer gründlicheren Analyse mussten sie jedoch einen Großteil davon wieder ausschließen - etwa, weil die getrunkene Alkoholmenge nicht genau erfasst war. So blieben am Ende nur 30 Studien übrig, die sie auswerten konnten. Bei vielen der Untersuchungen zeigten sich keine eindeutigen Unterschiede zwischen den Kindern der abstinenten Mütter und der moderaten Trinkerinnen.

Zum Teil variierten die Ergebnisse auch, wie die Wissenschaftler im "British Medical Journal" berichten. "Das einzige, was die Forscher sicher herausbekommen haben, ist, dass bei rund 30 Gramm Alkohol pro Woche etwas mehr Kinder zu früh und untergewichtig zur Welt kommen", sagt Hans-Ludwig Spohr, der an der Charité in Berlin das Zentrum für im Mutterleib alkoholgeschädigte Kinder (FAS-Zentrum) leitet.

Die Schäden zeigen sich oft erst im Schulalter

Trotzdem lässt sich aus den Ergebnissen nicht ableiten, dass geringe Alkoholmengen für die Kinder ungefährlich sind. "Die Folgen des Alkoholkonsums sind schwer zu untersuchen, weil die Schäden oft erst im Schulalter sichtbar werden", sagt Spohr, der seit mehr als 40 Jahren Betroffene betreut.

Auch Kinder, die mit fünf noch gut zurechtkommen, können mit zwölf Jahren auf einmal Probleme in der Schule entwickeln. "Das hängt damit zusammen, dass die Anforderungen an das alkoholgeschädigte Gehirn mit dem Alter immer komplexer werden", erklärt Spohr. Nur wenigen Kindern lassen sich die Alkoholschäden schon bei der Geburt ansehen.

Ein weiteres Problem der Studien ist, dass die Gesundheit der Neugeborenen neben dem Alkoholkonsum der Mutter noch von vielen anderen Faktoren abhängt. Das könnte erklären, warum das moderate Trinken in manchen Untersuchungen sogar einen leichten positiven Effekt auf die Kinder zu haben scheint: Vor allem gebildete Schwangere trinken den Forschern zufolge gelegentlich mal ein Glas Wein - ansonsten verhalten sie sich aber in vielen Punkten gesünder. Das kann die Ergebnisse beschönigen.

Es gibt keine verlässliche Grenze

Unterm Strich lässt deshalb auch diese Untersuchung nur einen Schluss zu: "Es gibt keine verlässliche Grenze, bei der Alkohol ungefährlich ist", sagt Spohr. "Ab dem Moment, in dem eine Frau schwanger ist oder auch nur eine Schwangerschaft plant, sollte sie nichts mehr trinken", so der Experte. Auch die Autoren der britischen Studie raten zu diesem Vorsorge-Prinzip - genauso wie die deutschen Frauenärzte.

Nur in einer Situation können Mediziner Betroffene fast immer beruhigen: Wenn Frauen getrunken haben, bevor sie von der Schwangerschaft wussten. In den ersten vier Wochen gilt in der Regel das Alles-oder-Nichts-Prinzip. Schadet der Alkohol dem Embryo stark, endet die Schwangerschaft. Leichte Schäden hingegen können die Zellen in diesem frühen Stadium noch ausgleichen. Das ändert sich jedoch, sobald sich Organe ausbilden. Spätestens bei einem positiven Schwangerschaftstest sollte deshalb Schluss sein mit Bier, Wein und Sekt - ohne Ausnahmen, auch nicht mal ein Glas.

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In der Gesellschaft ist diese Botschaft noch zu wenig angekommen: Jede vierte Frau in Deutschland trinkt, obwohl sie ein Kind erwartet. Sie riskiert damit die Gesundheit ihres Babys.

Zusammengefasst: Wissenschaftlich lässt sich kaum untersuchen, wie sich geringe Alkoholmengen in der Schwangerschaft auf das Kind auswirken. Klar aber ist, dass das Gift über die Nabelschnur direkt in den Körper des Babys gelangt und die Entwicklung des Kindes erheblich stören kann. Aus diesem Grund sollten Schwangere Alkohol komplett meiden, ohne Ausnahmen.



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