Tabuthema Angst vor der Geburt

Aus Angst vor den Schmerzen bei einer natürlichen Geburt entscheiden sich immer wieder Schwangere für einen Kaiserschnitt - und täuschen medizinische Probleme vor. Ein Tabubruch kann nur mit intensiven Gesprächen gelingen, mahnen Ärzte und Hebammen.

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Gespräche und Offenheit im Umgang können die Geburtsangst mildern
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Gespräche und Offenheit im Umgang können die Geburtsangst mildern


Die Schwangerschaft soll eine schöne Zeit sein, eine Zeit voller Vorfreude auf das Kind. Doch für viele werdende Mütter sind die Monate vor der Geburt geprägt von Angst vor diesem Termin: Klappt die natürliche Geburt? Wie soll man die Risiken einschätzen? Und dann - was ist mit den Schmerzen?

Die Hamburger Hebamme Katharina Helms hat die Erfahrung gemacht, dass nur wenige Schwangere so sehr mit sich und ihrem Körper im Reinen sind, dass sie der Geburt angstfrei entgegensehen. Und bei einigen sei die Angst so groß, dass eine natürliche Geburt für sie nicht in Frage kommt. "Sie trauen sich nicht zu, die Schmerzen zu ertragen, oder fürchten, dass Kind nicht gesund zur Welt bringen zu können", sagt Helms.

Vorgeschobene medizinische Gründe

Es gebe immer wieder Schwangere, die sich aus der Angst heraus für einen Kaiserschnitt entscheiden, ohne das zuzugeben. Stattdessen würden dann medizinische Gründe genannt. Eine vertane Chance, glaubt Helms. "Denn es kann helfen, darüber zu reden." Sie empfiehlt, sich während der Schwangerschaft durch eine Hebamme begleiten zu lassen, die einfühlsam auf die Geburt vorbereitet.

Helms glaubt an Vorteile einer natürlichen Entbindung für Mutter und Kind, wenn medizinisch nichts dagegen spricht. Das Erfolgserlebnis, es geschafft zu haben, könne Frauen zudem viel Stärke geben. "Daher versuche ich, auch ängstliche Frauen dazu zu ermutigen. Ich respektiere es aber, wenn sie sich anders entscheiden", sagt Helms. Viele Ärzte gehen davon aus, dass der Hormoncocktail, den Mutter und Kind während einer natürlichen Geburt ausschütten, wichtig für die Bindung ist und das Immunsystem des Kindes durch den Kontakt mit Keimen stimuliert wird. Außerdem birgt ein Kaiserschnitt alle Gefahren einer Operation wie etwa das Narkose- und Infektionsrisiko - und kann in der Heilungsphase sehr schmerzhaft sein.

"Die Geburt ist eine Grenzerfahrung"

"Grundsätzlich sind Ängste vor der Geburt normal und verständlich", sagt auch Corinna Reck, Psychologin am Zentrum für Psychosoziale Medizin des Universitätsklinikums Heidelberg. Verharmlosung helfe da kaum: "Eine Geburt ist schließlich eine Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod." Bei bis zu 30 Prozent der Mütter träten danach Symptome eines traumatischen Erlebnisses auf. "Einige denken dann: Das will ich so nicht noch einmal erleben. Dann vergessen sie es wieder, das hat die Biologie so eingerichtet", sagt Reck.

Etwa ein Prozent entwickle aber eine dauerhafte posttraumatische Belastungsstörung, die behandelt werden muss. Nach einer negativen Erfahrung fürchten manche Frauen eine weitere Geburt so sehr, dass sie sogar eine Phobie vor einer neuen Schwangerschaft entwickeln.

Besonders anfällig für Geburtsangst seien Schwangere, die in der Vergangenheit Missbrauchs- oder Gewalterfahrungen gemacht hätten. "Ein Kontrollverlust über den eigenen Körper wie bei der Geburt ist für solche Frauen oft kaum zu ertragen", sagt Reck. Auch eine Depression während der Schwangerschaft kann die Neigung zu Ängsten und Sorgen verstärken.

Wichtig sei es herauszufinden, welche Hilfe eine Schwangere braucht, um die Ängste zu bewältigen. "Neben Gesprächen gibt es hypnotherapeutische Entspannungsmethoden, mit denen wir gute Erfolge erzielen", sagt Psychologin Reck. Wenn die Angst nicht überwunden werden kann, könne ein geplanter Kaiserschnitt schließlich der Ausweg sein.

"Angst vor der Geburt wird heruntergespielt"

"Dass Frauen Angst vor der Geburt haben wird gerne heruntergespielt, es ist ein gesellschaftliches Tabu", sagt Holger Maul, Chefarzt der Frauenklinik im Marienkrankenhaus Hamburg. "Dabei haben die Frauen riesige Angst - vor den Schmerzen und dem, was mit ihnen und ihrem Kind passiert." Viele trauten sich nicht, das von selbst anzusprechen.

Maul fragt werdende Mütter daher direkt, welche Ängste sie mit der Geburt verbinden. Dann klärt er sie sachlich über das auf, was ihnen bevorsteht - ohne Schmerzen und Risiken schönzureden. Er sagt ihnen auch, dass ein geplanter Kaiserschnitt möglich ist. "Wichtig ist, dass man das ergebnisoffen bespricht", sagt Maul.

Kaiserschnitt nicht riskanter als natürliche Geburt

Die meisten Frauen fühlten sich durch die Wahlfreiheit beruhigt - so dass sie sich schließlich doch für eine natürliche Geburt entscheiden. "Aber auch wenn ich grundsätzlich eine normale Geburt befürworte: Für einige Frauen kann ein Kaiserschnitt die bessere Lösung sein", sagt der Mediziner. Denn tatsächlich falle bei großen Ängsten das Gebären oft schwerer. "Die Frauen können schlechter lockerlassen und entspannen." Etwa zehn Prozent der Frauen entscheiden sich laut Maul im Marienkrankenhaus für einen Kaiserschnitt, der nicht zwingend nötig wäre. Medizinisch sei das vertretbar, der Eingriff sei nach heutiger Datenlage auch nicht riskanter als die natürliche Geburt.

"Mit dem Thema Geburtsangst sollte insgesamt offener umgegangen werden", sagt Maul. Damit es Frauen endlich leichter falle, ihre wahren Wünsche und Sorgen zu äußern. Und den richtigen Weg für sich selber zu finden.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 164 Beiträge
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Seite 1
snigger 16.10.2013
1. nicht vergessen!
was im artikel nicht erwähnt wird, ist die schlichte tatsache, dass viele kliniken die frauen zum kaiserschnitt drängen. man(n) nennt das immer so schön "risiko-schwangerschaft". dabei isses einfach so: für eine natürliche geburt bekommt eine klinik weniger geld von der krankenkasse und muss dafür länger räumlichkeiten zur verfügung stellen. ein geplanter kaiserschnitt ist als Operation abrechenbar, dauert meist einen bruchteil an zeit, benötigt mehr personal ... und ein bisschen psychologie ist auch noch mit dabei: wenn man(n) später sagen kann ... es war ja eine risikoschwangerschaft ... drückt man einerseits auf die mitleidsdrüse (denn es ist ja alles gut ausgegangen) und tut andrerseits was fürs selbstbewusstsein (denn wir haben es ja geschafft).
specialsymbol 16.10.2013
2. Haha!
Wenn ich alleine aus meinem Bekanntenkreis die Horrorgeschichten zusammenzähle (von überforderten Ärzten/Hebammen im Kreisssaal vergessen, Not-Kaiserschnitt ohne Hypnotikum wg. verstopfter Nadel, Fehldiagnoses bei der Kindslage in Hektik etc.) ist die Angst nicht unbegründet.
Ishibashi 16.10.2013
3. Welche Vorteile ?
wenn ich als Mann Kinder kriegen würde wäre die Entscheidung klar. Was soll denn an Schmerzen schon gut sein ? OK, bei einer natürlichen Geburt werden die Babies mehr Keimen ausgesetzt, was sicher ein Vorteil für das Immunsystem der babies ist aber man kann ja auch später noch etwas weniger Hygiene fanatisch sein und diesen Mangel ausgleichen.
pinahannibal 16.10.2013
4.
Habe unseren Sohn ohne Kaiserschnitt und ohne PDA auf die Welt gebracht.Und was soll ich sagen;in unserem Bekanntenkreis bin ich schon fast ein Unikat
Senf-Dazugeberin 16.10.2013
5. Vielleicht einfach eine PDA statt Kaiserschnitt
ZITAT: Bei bis zu 30 Prozent der Mütter träten danach Symptome eines traumatischen Erlebnisses auf. "Einige denken dann: Das will ich so nicht noch einmal erleben. Dann vergessen sie es wieder, das hat die Biologie so eingerichtet", sagt Reck. ZITATENDE Das klingt so, als ob ALLE Frauen ganz automatisch die Schmerzen vergessen würden und diese Einschätzung halte ich für totalen Blödsinn. Nach 2 Geburten im Abstand von 23 Monaten (die 1. ohne PDA, die 2. mit PDA) kann ich für mich sagen, dass ich die höllischen Schmerzen aus Geburt 1 NICHT vergessen habe. Ich wundere mich vielmehr, wie es Frauen gelingt, solche Schmerzen zu vergessen und dann beim nächsten Mal ganz erstaunt festzustellen, dass es ja doch weh tut. Genau aus diesem Grund habe ich während der 2. Schwangerschaft (geplant) von Anfang an gesagt, dass ich auf jeden Fall eine PDA nehme und zumindest bei mir waren die Wehen kurz nach dem Setzen der PDA absolut erträglich geworden. Die normalen (auch schon extem schmerzenden Wehen) habe ich danach nur noch als leichten Schmerz wahrgenommen, die Presswehen taten ziemlich weh aber lange nicht so unerträglich wie bei Geburt 1. Ich will hier schwangeren Müttern keine Bange machen. Man kann auch eine natürliche Geburt ohne PDA oder sonstige Schmerzmittel durchstehen und es ist tatsächlich so, dass man die Schmerzen direkt danach ganz schnell ausgeblendet (NICHT vergessen!) hat weil das Baby so viel schöner und wichtiger ist. Ich finde es nur unfair, dass einem eigentlich vorher niemand sagt, WIE SEHR es denn wirklich weh tut. Da wird was von "wie richtig heftige Regelschmerzen" erzählt aber ich denke, bei den meisten Frauen geht es weit darüber hinaus. Es soll Frauen geben, die Wehen einfach so ohne Schmerzen veratmen können oder manchen geht es wohl auch in der Badewanne so prima, dass es fast von alleine rausflutscht. Aber sowas ist (zumindest in meinem Bekanntenkreis) wohl eher die Ausnahme. Also kann ich nur raten, macht euch schlau, informiert euch VORHER über die Alternativen und wenn ihr an eine der zahlreichen Hebammen geratet, die der Meinung sind, dass eine Geburt doch schließlich TOTAL NATÜRLICH sei und dass man das auch ohne Hilfsmittelchen (bzw. nur mit pflanzlichen, die aber zumindest bei mir gar nichts bewirkt haben) gut hinkriegen könnte... dann überlegt euch mal, ob ihr eine Wurzelbehandlung auch ohne örtliche Betäubung machen würdet. Das wäre schließlich auch total natürlich. Aber schließlich liegt nicht die Hebamme dort und schreit schlimmstenfalls vor Schmerzen also sollte man ruhig selbstbewusst um Hilfe bitten wenn man das gerne möchte. Zum Thema Kaiserschnitt kann ich jetzt nur für mich selber sprechen. Da fand ich die Vorstellung, dass mir was aufgeschnitten wird, viel schlimmer als die Angst vor der Geburt. Außerdem habe ich dann immer gedacht, dass man bei der natürlichen Geburt zwar mittendrin Schmerzen hat, bei einem Kaiserschnitt dann aber später noch viel länger, bis die Wunde wieder verheilt ist. Alles Gute und eine leichte Geburt an alle, die kurz davor sind. Ihr schafft das und es lohnt sich!
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