Antihistaminika: Lebensgefahr durch Kinder-Hustensaft

Von Marita Vollborn und Vlad Georgescu

Mittel gegen Erkältungen und Übelkeit kommen häufig sorglos zum Einsatz. Doch manche rezeptfreien Medikamente bergen besonders für Kleinkinder große Risiken. Kinderärzte fürchten Vergiftungen - und fordern eine Rezeptflicht für beliebte Hustenstiller.

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Corbis

Hustensaft: Unkalkulierbares Risiko

Gegen die Übelkeit ihrer zweijährigen Tochter Alexandra* kannte die Mutter ein rezeptfreies Medikament. Sie verabreichte ihr das erste Zäpfchen am frühen Morgen, abends wiederholte der Vater die Prozedur. Innerhalb weniger Stunden war Alexandra tot.

Der Wirkstoff, den Alexandra bekam, ist ein H1-Antihistaminikum der ersten Generation (AH1G). Ursprünglich gegen allergische Beschwerden entwickelt, werden die Mittel heute vor allem wegen ihrer hustenstillenden und ermüdenden Wirkung eingesetzt. Allerdings bremsen die Substanzen bei Kleinkindern auch die Atmung.

Während die chemischen Namen der Inhaltsstoffe Laien nichts sagen - sie heißen Doxylamin, Diphenhydramin oder Dimenhydrinat - kennt man die Liste der in der Apotheke auch ohne Rezept erhältlichen Präparate aus der Werbung: Vomex A, Vivinox, Wick MediNait. Sie werden als Erkältungsmittel, Hustenstiller oder gegen Übelkeit beworben - teilweise auch für Kinder.

"Wir müssen davon ausgehen, dass bundesweit etliche Kinder infolge einer AH1G-Vergiftung sterben", sagt Hannsjörg Seyberth, ehemaliger Leiter der Universitätskinderklinik Marburg. Seyberth ist außerordentliches Mitglied der Deutschen Arzneimittelkommission. Er will erreichen, dass die alten und seit langem frei in der Apotheke erhältlichen Medikamente für Kinder wieder rezeptpflichtig werden.

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) warnt bereits seit 2012 in einem Positionspapier vor den Präparaten. Die Fachleute der Kommission für Arzneimittelsicherheit im Kindesalter raten dem zuständigen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), die Wirkstoffe wegen des ungünstigen Nutzen-Risiko-Verhältnisses bei Säuglingen und Kleinkindern wieder rezeptpflichtig zu machen. Denn während den kleinen Patienten bei einer Überdosis ein Atemstillstand droht, ist die Wirkung vieler Präparate nur schlecht belegt.

Rezeptpflicht in anderen Ländern

In Frankreich sind zwölf der Medikamente für Kinder unter zwei Jahren seit 2010 nicht mehr zugelassen. Die zuständige Kommission begründet die Maßnahme mit über 1500 Fällen von unerwünschten Nebenwirkungen nach Vergiftungen mit AH1G-Medikamenten. Zahlreiche Kinder seien gestorben, so die Behörde. In den USA und Großbritannien gelten ähnliche Regeln, in Kanada sind die Mittel gar erst ab dem sechsten Lebensjahr zugelassen.

Das deutsche BfArM antwortet auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE: "Die Sicherheit der H1-Antihistaminika der ersten Generation wird - wie die eines jeden zugelassenen Arzneimittels - durch das BfArM kontinuierlich überwacht. Bereits im vergangenen Jahr wurde in diesem Zusammenhang auch die von Ihnen angesprochene Problematik diskutiert." Derzeit prüfe die Behörde in Zusammenarbeit mit der DGKJ, ob regulatorische Maßnahmen erforderlich seien.

Ob tatsächlich Kinder an Vergiftungen mit den Antihistaminika sterben, ließe sich nur durch regelmäßige Obduktionen verstorbener Kinder herausfinden. Doch in Deutschland wird lediglich knapp die Hälfte der verstorbenen Kinder von Rechtsmedizinern obduziert.

"Die Obduktionsrate von 50 Prozent bezieht sich auf plötzliche und unerwartete Todesfälle im ersten Lebensjahr, also Fälle mit Verdacht auf plötzlichen Säuglingstod", sagt Thomas Bajanowski vom Institut für Rechtsmedizin der Uni Essen. "Ergänzende toxikologische Untersuchungen werden nicht in allen Fällen in Ergänzung der Obduktion angeordnet". Wie viele verstorbene Kinder in Deutschland einen erhöhten AH1G-Spiegel im Blut haben, bleibt daher unerfasst.

"Es geht um hohe Umsätze"

Die von Seyberth und seinen Kollegen geforderte Wiedereinführung der Rezeptpflicht würde das Geschäft mit den nur vermeintlich harmlosen Antihistaminika gefährden. Es ist unwahrscheinlich, dass die gesetzliche Krankenversicherung die Kosten für die Mittel übernehmen würde, da eine Wirkung für die meisten Präparate nur schlecht belegt ist.

Kinderarzt Seyberth spekuliert, die Hersteller könnten Druck auf das BfArM ausüben: "Es geht vermutlich um hohe Umsätze mit rezeptfreien, aber apothekenpflichtigen Medikamenten". Solche Vorwürfe weist das Bundesinstitut zurück: "Das BfArM finanziert sich weder direkt noch indirekt aus Geldern der pharmazeutischen Industrie."

Mediziner Seyberth geht es um den nachhaltigen Schutz der Kinder. "Wir möchten die Eltern über die Risiken von Husten- und Erkältungsmitteln sowie Medikamenten gegen Übelkeit und Brechreiz aufklären", sagt der Kinderarzt. Denn die Präparate lähmen vor allem bei unter Zweijährigen die Atmung und ermüden sie langanhaltend: Bis zu 24 Stunden lang können Kleinkinder in tiefe Benommenheit verfallen. Zusätzlich drohen Herzrhythmusstörungen oder neurologische Ausfälle.

Die Werbung der Hersteller allerdings informiert weniger über die bekannten Nebenwirkungen der Antihistaminika, sondern konzentriert sich auf die erhoffte Wirkung.

* Name von der Redaktion geändert

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1. Lebensgefahr durch Medizin und gehetzte Ärzte
Demokrator2007 18.06.2013
Zitat von sysopMittel gegen Erkältungen und Übelkeit kommen häufig sorglos zum Einsatz. Doch manche rezeptfreien Medikamente bergen besonders für Kleinkinder große Risiken. Kinderärzte fürchten Vergiftungen - und fordern eine Rezeptflicht für beliebte Hustenstiller. Antihistaminika: Lebensgefahr durch Kinder-Hustensaft - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/antihistaminika-lebensgefahr-durch-kinder-hustensaft-a-896416.html)
Vor kurzem gab es die ARD-Reportage-betrifft:Riskante Rezepte betrifft: Riskante Rezepte - SWR Ferns. BW | programm.ARD.de (http://programm.ard.de/TV/swrfernsehenbw/riskante-rezepte/eid_2811310034968658) Danach sterben pro Jahr mind. 25.000 Patienten (an den teilw. fatalen Nebenwirkungen), zumeist ältere Menschen. So fällt es weniger auf, das diese Gefahr für schwächere Patienten (dazu gehören Alte und Kinder) exorbitant gestiegen ist, weil die Gesundheitsfürsorge immer stärkerem Gewinnstreben ausgesetzt wird. Es gibt die sog. Pricus-Liste die lebensgefährliche Medikamente für Senioren auflistet. Warum gibt es so etwas nicht für Kinder? Ein Schelm wer nicht glaubt das "unser" junger gesunder Gesundheitsminister Daniel Bahr ein Segen für die Pharmabranche ist -und das sich hieran zugunsten von Patienten etwas verbessert. Ciao DerDemokrator P.S. Gab es nicht gerade wieder ein Hygieneproblem mit Frühchen?
2. ?
xxx-ray 18.06.2013
[QUOTE=sysop;13005175]Mittel gegen Erkältungen und Übelkeit kommen häufig sorglos zum Einsatz. Doch manche rezeptfreien Medikamente bergen besonders für Kleinkinder große Risiken. Kinderärzte fürchten Vergiftungen - und fordern eine Rezeptflicht für beliebte Hustenstiller. auszug aus der "roten liste":Supp. 40 mg: Kleinkdr. (8-15 kg) 1-mal tgl., Kdr. (15-25 kg) 2-mal tgl.; Kdr. (>25 kg) 2- bis 3-mal tgl. welches antihistaminikum wurde denn gegeben (für kinder oder das für erwachsene), wie alt und schwer war das kind. wurde die dosierung beachtet?
3. Fürsorge
dr.u. 18.06.2013
Zitat von sysopMittel gegen Erkältungen und Übelkeit kommen häufig sorglos zum Einsatz. Doch manche rezeptfreien Medikamente bergen besonders für Kleinkinder große Risiken. Kinderärzte fürchten Vergiftungen - und fordern eine Rezeptflicht für beliebte Hustenstiller. Antihistaminika: Lebensgefahr durch Kinder-Hustensaft - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/antihistaminika-lebensgefahr-durch-kinder-hustensaft-a-896416.html)
Aber die Pharmaindustrie will doch nur unser aller Bestes. Unser Geld.... Hauptsache der "Blöde Kranke" glaubt, dass es für und gegen alles eine Pille gibt, die man einfach einnehmen oder verabreichen muss. Und wer das nicht glaubt, wird bestimmt demnächst auch pathologisiert. Nicht den Heilsversprechen der Pharmaindustrie und Medizin zu glauben ist doch krank, oder? Gesunde, abwechslungsreiche Ernährung und ausreichend Bewegung an frischer Luft sind für alle Altersklassen ein Gesundbrunnen und ein Plus an Lebensqualität.
4. Weiterlesen: Vollständige Antwort des BfArM
spon-1226581447969 18.06.2013
Liebe Leserinnen und Leser gern möchten wir Ihnen die Möglichkeit geben, unsere im o.a. Artikel vermutlich aus Platzgründen nicht vollständig erwähnte Antwort an den Spiegel aus dem Februar 2013 vollständig nachzulesen: Aktuell evaluiert das BfArM die im Rahmen einer Abfrage zu den Antihistaminika der ersten Generation bei Säuglingen und Kleinkindern von allen europäischen Arzneimittelbehörden erhaltenen Daten, um zu prüfen, ob unter Berücksichtigung dieser Daten regulatorische Maßnahmen erforderlich sind. Zusätzlich stehen wir mit einer Reihe von Experten im Kontakt, unter anderem mit der Deutschen Gesellschaft für Kinder‐und Jugendmedizin sowie mit der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. Das BfArM hat auf seiner Homepage und in dem gemeinsam mit dem PEI herausgegebenen Bulletin zur Arzneimittelsicherheit sowie gegenüber den Fachkreisen deutlich gemacht, dass die Anwendung von H1‐ Antihistaminika der ersten Generation bei Säuglingen und Kleinkindern unter strenger Beachtung der Produktinformationen und mit besonderer Vorsicht erfolgen muss. Siehe . Kinder unter drei Jahren sind besonders gefährdet für Nebenwirkungen. Überdosierungen müssen deshalb in dieser Altersgruppe unter allen Umständen vermieden werden. Herzlicher Gruß, Maik Pommer
5. Hausmittel ...
spon-facebook-10000258226 18.06.2013
... sind dabei oft auch schon hinreichend gut. Zwiebelsaft z.b. hilft bei Husten. auch hierzu gibt es "im Netz" viel und gute Tips! xxx-ray kann ich dabei auch nur zustimmen, dass die Dosierungshinweise einen Grund haben. Dort stehe auch oft genug, dass bestimmte Mittel nicht bei Kleinkindern
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