Inspiriert durch YouTube-Video Automechaniker erfindet Rettungstüte für schwierige Geburten

Das YouTube-Video einer Schnapsidee hat einen argentinischen Automechaniker auf einen genialen Einfall gebracht: Er entwickelte eine Tüte, mit der Babys im Notfall aus dem Geburtskanal gezogen werden. Das Werkzeug soll in Entwicklungsländern Leben retten.

Geburtstüte: Die Erfindung eines Automechanikers könnte Leben retten
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Geburtstüte: Die Erfindung eines Automechanikers könnte Leben retten


Mit Kraft drückt der Mann im Video einen Korken in eine leere Flasche und versichert: Ich schaffe es, diesen Korken wieder aus der Flasche zu holen, ohne das Glas kaputt zu machen. Anschließend stopft er eine gefaltete blaue Plastiktüte in die Flasche, pustet sie auf und schließt den Korken mit ihr ein. Dann zieht der Mann an der Tüte, es ploppt, fertig.

Mehr als 600.000 Menschen haben das kurze YouTube-Video mittlerweile gesehen, die meisten speicherten es wohl als unnützes Wissen ab. Wann muss man schon mal einen Korken aus einer leeren Flasche bekommen? Der argentinische Automechaniker Jorge Odón war jedoch inspiriert.

Geistesblitz um vier Uhr früh

Um vier Uhr in der folgenden Nacht rüttelte er seine Frau wach, erzählt Odón der "New York Times". Ein Geistesblitz hatte eine Verbindung geschaffen zwischen dem Korken in der Flasche und Babys, die im Geburtskanal feststecken. Könnte man den Kindern nicht genauso einfach helfen wie dem Korken in der Flasche? Seine Frau erklärte ihn erst für verrückt, dann aber half sie Odón beim Basteln.

Sie nähte ihm einen Beutel als Plastiktüten-Äquivalent, eine Puppe seiner Tochter diente als Versuchsbaby, ein Glasgefäß als Mutterleib. Der Prototyp funktionierte. Doch nicht nur das. Der Automechaniker schaffte es, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Spender für seine Idee zu gewinnen. Vielleicht rettet seine Hartnäckigkeit eines Tages Leben.

Saugglocke bei mehr als jeder 20. Geburt

Wenn die Geburt plötzlich stoppt, etwa weil die Mutter ermüdet, die Wehen nachlassen oder das Kind extrem groß ist, kann es passieren, dass das Baby im Geburtskanal stecken bleibt. Ärzte in Deutschland greifen in diesen Fällen zu einer Zange oder noch häufiger zu einer Saugglocke, um mit Hilfe der Mutter das Baby auf die Welt zu ziehen. Mehr als jedes 20. Kind kam 2012 mit solch einer Hilfe zur Welt (5,7 Prozent Saugglocke, 0,5 Prozent Zangengeburt). Sind die Komplikationen sehr bedrohlich, wird die Mutter in den OP-Saal geschoben.

In Entwicklungsländern hingegen gibt es bei solchen Schwierigkeiten kaum Möglichkeiten, den Frauen zu helfen. Gerade in ländlicheren Gebieten existieren weder Mittel noch Personal für einen Kaiserschnitt, die Frauen sind bei Komplikationen sich selbst überlassen. Auch Saugglocke und Zange sollten nur von erfahrenem Personal eingesetzt werden. Sonst drohen Verletzungen von Mutter und Kind, die Wirbelsäule des Kindes kann verletzt, Schädel und Gehirn könnten gequetscht werden.

Babykopf zwischen Luftpolstern

Genau diesen Frauen hofft die WHO in Zukunft mit Odóns Entwicklung helfen zu können: Sie ist einfach zu bedienen und günstig herzustellen, wie erste Tests zeigen. Dabei nutzt sie tatsächlich dasselbe Prinzip wie der Mann mit seinem Korken im YouTube-Video.

Korken aus einer Flasche befreien
Zuerst stülpt der Geburtshelfer einen doppelwandigen Plastikschlauch über das Köpfchen des Babys, das sich im Geburtskanal befindet. Anschließend pumpt er Luft zwischen die Wände der Tüte, der Babykopf wird vom Luftpolster umschlossen und sitzt fest in einer Art Luftblase.

Zieht der Geburtshelfer nun an der Tüte, zieht er auch am eingeschlossenen Baby. Um die Geburt noch weiter zu erleichtern, sind die äußeren Wände der Tüte mit einem Gleitmittel versehen. Falls nötig, kann dabei eine ähnliche Zugkraft auf den Beutel ausgeübt werden wie bei einer Saugglocke aus Metall. Tests haben bereits bestätigt, dass das Konzept funktioniert und einfach anzuwenden ist. Bis die Spezialtüte - wenn überhaupt - wirklich Leben retten kann, muss sie allerdings noch in weitere Studien bestehen.

Weniger als 50 US-Dollar pro Stück

Bisher wurde die Sicherheit von Odóns Erfindung bei 30 Argentinierinnen getestet, die ihre Kinder alle ohne Komplikationen im Krankenhaus zur Welt brachten. Eine der Mütter lobte die Tüte anschließend, ihr Baby habe bei der Geburt 4,5 Kilo gewogen, die Entwicklung des Automechanikers habe ihr "wirklich geholfen", sagte sie der "New York Times".

Jetzt plant die WHO Tests mit 100 weiteren Frauen in China, Indien und Südafrika, bei denen ebenfalls keine Komplikationen erwartet werden. Anschließend soll die Tüte bei 170 Frauen mit einem Geburtsstillstand eingesetzt werden. Bewährt sie sich, sind die Wege für eine industrielle Produktion bereits jetzt geebnet: Die US-Firma Becton, Dickinson and Company, weltweit für die Produktion zum Beispiel von Spritzen bekannt, hat bereits die Lizenzen erworben. Die Kosten sollen weniger als 50 US-Dollar pro Stück betragen, Entwicklungsländer Rabatte erhalten.

Die WHO zeigt sich schon jetzt optimistisch, auf ihrer Homepage spricht sie von einem "lebensrettenden" Gerät. So oder so hat es die Entwicklung des 59-jährigen Automechanikers jetzt schon weitergebracht als viele andere Vorstöße auf dem Gebiet. Sie zeigt damit eins: Es braucht nicht immer komplizierte, technische Erneuerungen, um die Medizin zu revolutionieren - sondern manchmal einfach eine geniale Idee.

irb

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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
Augustusrex 15.11.2013
1. Ganz toller Mann!
Das ist ja mal wirklich eine Superidee!
McMacaber 15.11.2013
2.
Weniger als 50USD? Recht teurer für die vermeintliche Zielgruppe, mit im schlimmsten Fall täglichen Einkommen auf Cent Ebene. Zumal der Arzt auch bezahlt werden will. Und inwiefern sind Zange bzw Saugglocke kompliziert? Zumal beides nach Verwendung sterilisiert wird und wieder verwendet werden kann. Ist also doch eher ein Produkt für die erste Welt.
addit 15.11.2013
3. Genial!
Mehr brauchts hier nicht!
DonCarlos 15.11.2013
4. Materialkosten sind nicht alles
Zitat von McMacaberWeniger als 50USD? Recht teurer für die vermeintliche Zielgruppe, mit im schlimmsten Fall täglichen Einkommen auf Cent Ebene. Zumal der Arzt auch bezahlt werden will. Und inwiefern sind Zange bzw Saugglocke kompliziert? Zumal beides nach Verwendung sterilisiert wird und wieder verwendet werden kann. Ist also doch eher ein Produkt für die erste Welt.
Die ca. $50 kommen daher, dass so ein Produkt hier aufwendigen Tests unterzogen wird, die auch ständig wiederholt werden sollen (siehe PIP und TÜV). Das ist für wenige Produkte teuer. Produziert man aber viele und gibt die überflüssigen nur zu den reinen Produktionskosten in die 3. Welt ab, dann liegen die Kosten sehr wahrscheinlich unter einem Dollar. Zange und Saugglocke sind in der Anschaffung teuer. Eine ordentliche Sterilisierung dürfte so teuer sein wie die Tüte. Bei der Tüte kommt hinzu, dass dabei aufgrund der Physik ein Arzt viel weniger Fehler machen kann.
JaguarCat 15.11.2013
5. Wäre das kein Medizinprodukt ...
... würde es nicht "weniger als 50 US-$" kosten, sondern "weniger als 50 ¢". Sorry, der musste sein. Jag
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