Betreuung beim Frauenarzt 36 Jahre, behindert, Mutter

Behinderte Menschen haben es in Deutschland extrem schwer, Gynäkologen zu finden. Ganze fünf Spezialangebote gibt es bundesweit - eins davon in Dachau. Dort finden auch Frauen mit Handicap Rat, die ein Kind bekommen wollen.

Frauenärztin Gerlinde Debus: 200 behinderte Patientinnen untersucht die Professorin im Jahr
Susanne Böllert

Frauenärztin Gerlinde Debus: 200 behinderte Patientinnen untersucht die Professorin im Jahr

Von Susanne Böllert


Bernadette Gradl ist Mutter. Ihr kleiner Sohn ist ihr ganzer Stolz. Ob sie immer eine gute Mama ist, ob sie im Alltag alles richtig macht, weiß sie nicht. "Ich hab immer ein bisschen Angst", sagt die 36-Jährige. Nichts Ungewöhnliches für eine junge Mutter. Ungewöhnlich sind nur die Umstände, unter denen sich die Münchnerin und ihr Mann für ein Kind entschieden haben. Er ist kleinwüchsig, sie Tetraspastikerin, in ihren Bewegungen, beim Sprechen und Schlucken stark beeinträchtigt.

Schwerer als alle durch die Zerebralparese verursachten körperlichen Einschränkungen, unter denen Gradl von Geburt an leidet, wog irgendwann der Wunsch nach einem Kind. Aber ging das überhaupt? Konnte sie schwanger werden? Würde ihr schmaler Körper die Strapazen von Schwangerschaft und Geburt aushalten? Würden Symptome sich verschlimmern?

Antworten auf diese Fragen hat die Rollstuhlfahrerin in der gynäkologischen Ambulanz des Helios Amper-Klinikums Dachau gefunden. Seit 2007 betreut Chefärztin Gerlinde Debus schwerst körperbehinderte Frauen. Vorangegangen waren ein Jahrzehnt gemeinsamer Planung mit den "Netzwerkfrauen Bayern", einem Zusammenschluss von 250 behinderten Frauen, sowie zähe Verhandlungen mit der Kassenärztlichen Vereinigung. 200 Patientinnen untersucht die Professorin inzwischen im Jahr. Die Nachfrage steige stetig. "Anfangs konnten wir nur drei Termine pro Woche anbieten, heute sind es fünf", erklärt Debus. Die Frauen kommen aus ganz Oberbayern. Von der barrierefreien Ambulanz mit dem mehrfach verstellbaren gynäkologischen Stuhl und der Chefärztin, die sich für jede Patientin eine Stunde Zeit nimmt, haben sie meist im Bekanntenkreis erfahren. Behinderte Frauen sind oft begnadete Netzwerkerinnen. Das müssen sie sein.

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Spezialambulanz für Behinderte: Mit Lift und Rampe ist es nicht getan
Verpflichtung zur Gleichberechtigung

Denn noch ist die uneingeschränkte Teilhabe am sozialen Leben, wie sie die Uno-Behindertenkonvention vorschreibt, hierzulande nicht gewährleistet. Gerade bei der medizinischen Versorgung bestehen große Defizite. Wer zu seinem Recht kommen will, muss findig sein und gut informiert. Dabei hat sich Deutschland 2009 mit der Ratifizierung der Konvention verpflichtet, Behinderten eine Gesundheitsversorgung "in derselben Bandbreite und Qualität" wie Nichtbehinderten zu ermöglichen - einschließlich sexualmedizinischer Gesundheitsleistungen. In der Realität sind nur die wenigsten Arztpraxen barrierefrei und fachlich auf die besondere Patientengruppe eingestellt.

Im gynäkologischen Bereich gibt es lediglich fünf spezialisierte Angebote. In ganz Deutschland. Dabei leben laut Statistischem Bundesamt hierzulande mehr als 350.000 schwerbehinderte Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren. Neben der Ambulanz in Dachau existiert seit 2009 an der Uniklinik Erlangen die "Gynäkologische Spezialambulanz für Mädchen und Frauen mit Behinderung". Ihr Leiter Matthias Beckmann berichtet: "Zu uns kommen Frauen aus ganz Nordbayern, aus Hessen und Thüringen. Wir begleiten 10 bis 15 Schwangere im Jahr."

In Frankfurt hat Pro Familia eine Sprechstunde eingerichtet. In Berlin betreuen im Familienplanungszentrum Balance Gynäkologinnen und Sexualpädagoginnen geistig behinderte Frauen. Körperbehinderten steht ein höhenverstellbarer Stuhl zur Verfügung. Das einzige Spezialangebot in Norddeutschland ist seit 2011 am Klinikum Bremen angesiedelt, wo niedergelassene Ärzte im Wechsel behinderte Frauen behandeln. Dass sich so wenige Mediziner dieser gar nicht so kleinen Zielgruppe annehmen, begründen Experten auch mit dem Kostenfaktor: Die Behandlung sei zeitintensiv, vergütet werde jedoch nur nach Standardtarif.

Mit Lift und Behindertentoilette ist es nicht getan

Mit ein paar Rampen, breiten Türen, Aufzügen, Behindertentoiletten und einem Lift, um schwergewichtige Frauen auf den Stuhl zu heben, ist es längst nicht getan. "Das Wichtigste ist, den richtigen Umgang mit den Frauen zu erlernen", erklärt Chefärztin Debus, "dabei ist das Spektrum an Behinderungen wahnsinnig groß. Sie müssen Ihre Kommunikation und Ihre Handlungen an jede Frau individuell anpassen." So könne eine Spastikerin bei Berührung so verkrampfen, dass man sie gar nicht mehr untersuchen könne. Frauen mit neurologischen Erkrankungen seien oft so kraftlos, dass ihnen die Beine vom Stuhl rutschten. "Da muss ich mir schon mal das eine Bein auf die Schulter legen und das andere mit dem Hosenbein am Stuhl festbinden", erklärt Debus pragmatisch.

Bernadette Gradl rechnet ihrer Ärztin vor allem eins hoch an: "Sie hat mich richtig untersucht." Nicht so abgefertigt wie die erste Gynäkologin, zu der sie als junge Frau gegangen war, als sich die Periode nicht einstellen wollte. "Die hat gesagt, ich kann meine Tage gar nicht kriegen. Und dann war auf einmal doch alles voll Blut." Ein bisschen habe es auch an Doktor Debus und ihrem eingespielten Team gelegen, dass sie ihrem Kinderwunsch nachgegeben habe, sagt die Münchnerin. In Dachau habe man ihr Mut gemacht.

Risiken abwägen

"Natürlich gibt es Behinderungen, die eine Schwangerschaft erschweren", sagt Debus. So hätten kleinwüchsige Frauen mit Glasknochen oft nicht genug Platz im Bauchraum für ein Baby. Außerdem sei die Krankheit vererbbar. Und manche neurologischen Erkrankungen seien bereits so weit fortgeschritten, dass die Mütter maximal den zweiten Geburtstag ihres Kindes erleben würden. "All dies gilt es vor einer Schwangerschaft abzuwägen", sagt Debus. Fünf bis zehn Prozent ihrer behinderten Patientinnen entschieden sich für ein Baby. Ihr Eindruck sei, dass deutlich mehr gehandicapte Frauen ihren Kinderwunsch auslebten als noch vor einigen Jahren. "Die Frauen sind selbstbewusster geworden, auch die behinderten. Behinderung, Sexualität und Kinderwunsch sind nicht mehr so tabuisiert wie früher", freut sich die Gynäkologin.

Bernadette Gradls Ängste waren jedenfalls unbegründet: Sie wurde schnell schwanger, die Spastik verstärkte sich nicht. "Ich konnte nur kaum etwas bei mir behalten", berichtet sie von einem ganz normalen Schwangerenschicksal. Den Kaiserschnitt hat Gradl gut überstanden. Heute ist sie zur Vorsorge bei der Ärztin. Danach wird sie gemeinsam mit einer privat bezahlten Assistenzkraft ihren Sohn aus der Krippe holen und ihm wie jeden Tag eine gute Mutter sein.

GYNÄKOLOGIE FÜR SCHWERBEHINDERTE - FRAGEN AN DIE EXPERTIN
Zur Autorin
  • mensch media
    Susanne Böllert lebt und arbeitet in München. Zu den Schwerpunkten ihres Redaktionsbüros mensch media gehören die Themen Pflege und Inklusion.
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