Blikk-Studie zur Mediennutzung Die meisten Kita-Kinder spielen täglich auf dem Smartphone

Wie wirken sich digitale Medien auf Heranwachsende aus? Kinderärzte haben in Deutschland rund 5500 Kinder und Jugendliche untersucht und ihre Eltern befragt.

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Die Zeiten, in denen Eltern sich Sorgen machten, wenn die Kinder zu oft vorm Fernseher sitzen, sind anscheinend vorbei. Heute geht es um Smartphones.

"Für mich ist ganz klar: Wir müssen die gesundheitlichen Risiken der Digitalisierung ernst nehmen!", sagte Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Sie stellte in Berlin die sogenannte Blikk-Studie vor (Blikk steht für Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz, Kompetenz, Kommunikation).

Kinderärzte haben in Deutschland rund 5500 Kinder und Jugendliche untersucht und sie und ihre Eltern zu ihrem Umgang mit digitalen Medien befragt. Die Ärzte berichten jetzt unter anderem Folgendes:

  • Nutzt die Mutter, während sie ihren Säugling betreut, parallel digitale Medien, hat das Kind eher Fütter- und Einschlafstörungen.
  • 70 Prozent der Kinder im Kita-Alter nutzen das Smartphone ihrer Eltern mehr als eine halbe Stunde täglich.
  • Kinder unter sechs Jahren, die intensiv digitale Medien nutzen, haben häufiger Störungen bei der Sprachentwicklung, sind eher hyperaktiv oder können sich schlechter konzentrieren.
  • Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 13 Jahren, die täglich mehr als eine Stunde digitale Medien nutzen, leiden häufiger unter Konzentrationsschwäche oder sind hyperaktiv. Sie konsumieren mehr süße Getränke und Süßigkeiten und haben eher Übergewicht.
  • Sowohl jüngere als auch ältere Kinder mit hohem Medienkonsum sind eher unruhig und schnell ablenkbar.

Diese Beobachtungen beweisen nicht, dass der Umgang mit den Smartphones direkt für die gesundheitlichen Probleme verantwortlich ist. Das bemängelte auch die Würzburger Medienpsychologin Astrid Carolus. Sie warnte vor einer einseitigen Diskussion. Dass der Umgang mit Smartphones negative Folgen habe, gehe aus der Studie nicht eindeutig hervor, sagte Carolus im Deutschlandfunk. Nachgewiesen worden seien lediglich statistisch signifikante Zusammenhänge, aber keine klare Beziehung zwischen Ursache und Wirkung.

Die Wissenschaftlerin sprach sich gegen Smartphoneverbote für Kinder aus. Diese gingen an der Realität vorbei. Die jungen Menschen wüchsen heute in einer digitalisierten Welt auf und müssten den richtigen Umgang mit den Geräten lernen.

Auch die an der Studie beteiligten Ärzte und Forscher sprechen nicht von Verboten, sondern sie plädieren dafür, die Medienkompetenz von Eltern und Kindern zu stärken.

Qualifizierte Medienberatung gefordert

So sagte etwa Rainer Riedel, Direktor des Instituts für Medizinökonomie & Medizinische Versorgungsforschung in Köln, der richtige Umgang mit den digitalen Medien, die durchaus einen berechtigt hohen Stellenwert in Beruf und Gesellschaft eingenommen hätten, sollte frühzeitig kontrolliert geübt werden.

Und Uwe Büsching vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte forderte, dass eine Medienanamnese und eine qualifizierte Medienberatung zukünftig die Früherkennungsuntersuchungen beim Kinderarzt ergänzen müsse.

wbr/AFP



insgesamt 98 Beiträge
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Seite 1
crazy_swayze 29.05.2017
1.
Ein Kind sollte kein Smartphone besitzen. Ein Jugendlicher, ok, aber Kinder sollten draußen spielen, ihre Hausaufgaben machen und Bücher lesen. Die Zeiten, die ein Kind mit digitalen Medien verbringt, sind zu kontrollieren. Man kann natürlich auch bewusst mal 2 Stunden während eines Linienflugs dem Kind ein Tablet in die Hand drücken, um es abzulenken, weil es dort sonst nix zu tun gibt. Aber täglich über 30 Minuten Handyspielereien? Da machen es sich viele Eltern zu einfach.
santoku03 29.05.2017
2.
Hier einen kausalen Zusammenhang zu vermuten, wäre zumindest sehr gewagt. Eher ist anzunehmen, dass sowohl die intensive Smartphone-Nutzung als auch die genannten Entwicklungsstörungen eine gemeinsame Ursache haben, nämlich die systematische Vernachlässigung der Kinder in bildungsfernen Schichten. Das ließe sich sicher auch problemlos nachweisen, würde man die Daten mal mit den Familiendaten der Kinder verknüpfen. Aber dann wäre es ja kein Brüller für unsere "Drogenbeauftragte" geworden.
ohnefilter 29.05.2017
3. Einfache Lösung
Uwe Büsching vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte forderte, dass eine Medienanamnese und eine qualifizierte Medienberatung zukünftig die Früherkennungsuntersuchungen beim Kinderarzt ergänzen müsse. So einfach ist das.
MartinS. 29.05.2017
4. ...
Die Studie zieht überraschend realistische Schlussfolgerungen und begeht nicht den sonst durchaus so beliebten Kardinalsfehler direkt von einem statistischen Zusammenhang auch auf Ursache/Wirkung zu schlussfolgern.... ebenso wie die tatsächlich lebensnahe Erkenntnis, dass ein generelles Verbot von digitalen Medien (egal, ob jetzt an Spartphone, Tablet, Spielkonsole oder Fernseher) eher kontraproduktiv wäre. Ja, der richtige Umgang mit diesen Medien muss erlernt werden... und damit ist nicht das Bedienen der Geräte oder der Software gemeint, sondern die Integration in ein ausgewogenes Sozialverhalten. Wenn man das aufsparen will, bis die Kinder "das richtige Alter" erreicht haben, so vergrößert sich eher das Risiko, dass es dann mehr aus dem Ruder läuft, weil man weniger Kontrolle und die Kids eben kaum Erfahrungen haben, aber halt durch das lange Verwehren eine große Neugierde. Momentan habe ich eher den Eindruck, dass es vielen der eigentlich Erwachsenen sehr schwerfällt, einen natürlichen Umgang mit diesen Medien zu entwickeln. Da fällt es so einigen schwer, das Ding überhaupt mal aus der Hand zu legen, und nicht sofort panisch danach zu greifen, wenn es nen Piepser von sich gibt. Es sind eher NICHT die Kinder, die überhaupt kein Gefühl dafür haben, dass man nicht jeden Unsinn auf facebook oder whatsapp verbreiten muss... sich bei jedem Mist fotografieren und alles kommentieren. Da tun sich eher die "Großen" sehr schwer, das in einem vernünftigen Ausmaß zu kontrollieren.
christian-h 29.05.2017
5. Angabe
Zitat von santoku03Hier einen kausalen Zusammenhang zu vermuten, wäre zumindest sehr gewagt. Eher ist anzunehmen, dass sowohl die intensive Smartphone-Nutzung als auch die genannten Entwicklungsstörungen eine gemeinsame Ursache haben, nämlich die systematische Vernachlässigung der Kinder in bildungsfernen Schichten. Das ließe sich sicher auch problemlos nachweisen, würde man die Daten mal mit den Familiendaten der Kinder verknüpfen. Aber dann wäre es ja kein Brüller für unsere "Drogenbeauftragte" geworden.
Wie kommen Sie darauf, das es nur Kinder aus bildungsfernen Schichten betrifft? Die Kinder aus nicht bildungsfernen Schichten haben zusätzlich zum Smartphone noch, Tablets, Xbox, Playstation... und das soll jetzt besser sein?
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