Chefarzt mit religiöser Überzeugung Abtreibung abgelehnt

Im niedersächsischen Dannenberg führt die Landkreisklinik keine Abtreibungen mehr durch. Grund ist der christliche Glaube des Chefarztes. Landrat, Gesundheitsministerium und Beratungsverbände sind entsetzt.

Schwangere bei Ultraschall-Untersuchung
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Schwangere bei Ultraschall-Untersuchung

Von Tanja Karrasch, und


In der Capio-Elbe-Jeetzel-Klinik (EJK) in Dannenberg entscheidet nicht das Gewissen des einzelnen Arztes darüber, ob eine Schwangerschaft abgebrochen wird, sondern der Chefarzt: Thomas Börner, seit Dezember 2016 Gynäkologie-Chef, hat beschlossen, dass in seiner Abteilung keine Schwangerschaftsabbrüche nach der Beratungsregelung mehr durchgeführt werden. Eine Abtreibung könne er nicht mit seinem christlichen Glauben vereinbaren, für ihn gelte das Nicht-Tötungsgebot der Bibel.

Die Klinikleitung trägt die Entscheidung des Chefarztes mit: "Kein Arzt kann verpflichtet werden, einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen", sagt Klinikchef Markus Fröhling zu SPIEGEL ONLINE. Dass Börner nicht nur für sich, sondern auch für die anderen Gynäkologen des Krankenhauses entschieden hat, hält Fröhling für richtig. "Bei derart schwerwiegenden Eingriffen sollte ein Chefarzt die Richtung der Abteilung vorgeben dürfen."

Weiterhin durchführen will die Klinik Schwangerschaftsabbrüche, wenn eine Frau wegen der Schwangerschaft in Lebensgefahr schwebt oder vergewaltigt wurde.

Das deutsche Abtreibungsrecht
    Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland grundsätzlich rechtswidrig, unter bestimmten Bedingungen aber nicht strafbar. Dem Paragrafen 218a des Strafgesetzbuches zufolge darf eine Frau innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen abtreiben lassen, wenn sie dem Arzt einen Beratungsschein vorlegt. Die Beratung muss mindestens drei Tage vor dem Eingriff in einer staatlich anerkannten Konfliktberatungsstelle erfolgt sein. Sie soll die Frau ermutigen, die Schwangerschaft fortzusetzen, und dem Schutz des ungeborenen Lebens dienen.

    Eine Abtreibung bleibt auch nach der zwölften Schwangerschaftswoche straffrei, wenn für die Schwangere Lebensgefahr besteht oder eine schwerwiegende körperliche oder seelische Beeinträchtigung droht. Ein Abbruch ist zudem bei einer Schwangerschaft infolge einer Sexualstraftat, etwa einer Vergewaltigung, möglich - aber dann nur innerhalb der ersten drei Monate.

Die Dannenberger Entscheidung stößt auf heftige Kritik: "Wir sind entsetzt", sagt Uta Engelhardt, Landesgeschäftsführerin des niedersächsischen Beratungsnetzwerkes Pro Familia. "Diese Entscheidung der Klinik geht gegen das Selbstbestimmungsrecht der Frauen." Die EJK ist das einzige Krankenhaus im Landkreis Lüchow-Dannenberg, in dem Abtreibungen möglich waren. "Die Frauen haben nun keine Möglichkeit mehr, in ihrem Landkreis einen Abbruch durchführen zu lassen", sagt Engelhardt. "Sie müssen sich auf den Weg machen in andere Landkreise und andere Bundesländer, und das ist eine große Belastung."

Die Gesundheitsministerin droht

Das nächstgelegene Krankenhaus, in dem Schwangerschaftsabbrüche möglich sind, liegt im rund 20 Kilometer entfernten Salzwedel, eine Uelzener Klinik ist etwa 40 Kilometer weit weg. Dazu sagt Fröhling: "Diese Krankenhäuser sind innerhalb einer halben Stunde erreichbar. In dünn besiedelten Gebieten wie hier ist das eher Standard als Ausnahme."

Aber auch Niedersachsens Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD) betont, wie wichtig es ist, dass Frauen den Eingriff in angemessener Entfernung zu ihrem Wohnort vornehmen lassen könnten. "Bei der Förderung von Investitionen der Krankenhäuser obliegt es nach einer Änderung des Bundesrechts den Ländern, Qualitätskriterien zugrunde zu legen", sagte Rundt. "Eines dieser zahlreichen Kriterien kann gegebenenfalls auch die Sicherstellung von Schwangerschaftsabbrüchen im jeweiligen Einzugsbereich der Krankenhäuser sein."

Klinikchef Fröhling gibt sich von der Drohung unbeeindruckt: "Es würde dem Interesse der Bevölkerung sehr zuwiderlaufen, wenn man unsere Klinik finanziell beschneidet, denn das würde in die Versorgung ein riesiges Loch reißen." Jährlich werden hier 6500 Patienten stationär und 13.500 in der Notaufnahme behandelt. "Die Zahl von 31 Schwangerschaftsabbrüchen 2016 ist dagegen verschwindend gering", argumentiert Fröhling.

"Eine längst überwunden geglaubte Diskussion"

Landrat Jürgen Schulz ist aufgrund der Klinikentscheidung "überrascht und einigermaßen irritiert". Gerade weil die EJK das medizinische Zentrum der Erst- und Grundversorgung in der Region sei. Die ärztliche Leistung nun nicht mehr wohnortnah anzubieten, präge das Image der gesamten Region.

Vor allem aber entfacht das Verhalten des Krankenhauses "eine längst überwundene Diskussion vergangener Jahrzehnte", so Schulz zu SPIEGEL ONLINE. Zwar sei jeder Arzt seinem Gewissen unterworfen, aber "zu einer gynäkologischen Abteilung gehört nicht nur das Berufen von Ärzten auf ihren christlichen Glauben und die Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen", sagt Schulz, "sondern auch das Selbstbestimmungsrecht der Frauen, im Rahmen unserer geltenden Rechtsordnung einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen und diese ärztliche Leistung zu erbitten."

Das Gesetz sieht bindend vor, dass eine Schwangerschaft frühestens drei Tage nach einer Beratung, die "dem Schutz des ungeborenen Lebens dienen soll", beendet werden kann. Nur wenige Frauen dürften mit dieser Entscheidung leichtfertig umgehen. Fröhling hingegen betont vor allem die negativen Folgen eines Abbruchs: "Ich weiß von Frauen, die so einen Abbruch ihr Leben lang nicht verwinden", so der Klinikchef, "und von Müttern, die heilfroh sind, dass sie nicht abgebrochen haben."

Pro Familia ist überzeugt, dass die Frauen durch Entscheidungen wie die der EJK wieder in die Ecke der Schuldzuweisung gedrängt werden. Das Tabu einer Abtreibung werde dadurch noch viel größer. "Es kann nicht sein, dass wir so einen Rückschritt machen", sagt Uta Engelhardt. "Ich fühle mich wieder wie vor 30 Jahren."

Mit Material von dpa

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