Die Kleinen machen lassen So lernen Eltern Gelassenheit

Ob Schuhe anziehen, Zähne putzen oder die Nudeln aufspießen - vieles wollen Kleinkinder gerne selbst ausprobieren. Eltern sollten sie machen lassen, raten Experten. Aber was tun, wenn's mal schnell gehen muss?

Selbst Zähneputzen
Getty Images/Cultura RF

Selbst Zähneputzen


Der Jackenknopf will einfach nicht in das Loch passen. Immer wieder rutscht er zwischen den kleinen Kinderfingern hindurch. Sollen Mutter oder Vater sofort eingreifen? Nein, rät die Diplom-Pädagogin Susanne Mierau aus Berlin. Sie empfiehlt Eltern, ihre Kinder eigenständig Erfahrungen sammeln zu lassen.

"Aufgaben wie Knöpfe schließen, Schuhe binden oder alleine essen sind für Kinder anfangs natürlich schwierig und dauern dementsprechend länger. Es ist aber eine langfristige Investition, damit das Familienleben entspannter wird." Denn: Wenn die Kinder kleine Aufgaben übernehmen können, spart das Zeit und Nerven.

Auch die Kinder ziehen Vorteile daraus, wenn sie sich den Herausforderungen des Alltags stellen. Gelingt eine Aufgabe zum ersten Mal, wird das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert. "Außerdem lernen sie Selbstwirksamkeit, was für die Entwicklung sehr wichtig ist", sagt Mierau. Das heißt: Die Kinder merken, dass sie durch ihr Verhalten etwas erreichen können. Regeln hingegen die Eltern alles und lassen dem Kind wenig Raum zum Ausprobieren, kann das dazu führen, dass es inaktiv wird.

Was aber ist, wenn es mal schnell gehen muss? Wenn der Bus zur Kita in zehn Minuten abfährt, bleibt keine Zeit, um sich ewig mit dem Jackenknopf aufzuhalten. In so einer Situation dürfen Eltern ruhig eingreifen und das Ausprobieren und Erforschen auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Sie sollten ihre Versprechen jedoch im Hinterkopf behalten - und sie auch einlösen. Denn Erfahrungen sind für die Kleinen so wichtig, dass dafür immer Zeit bleiben sollte.

Zwischen Über- und Unterforderung: Der richtige Zeitpunkt

Wichtig ist, den Nachwuchs weder zu unter- noch zu überfordern. Über den richtigen Zeitpunkt für eine neue Aufgabe entscheidet deshalb nicht unbedingt das Alter, sondern eher der Entwicklungsstand. Eltern können ihr Kind beobachten: "Wo steht es? Womit beschäftigt es sich? Und sich dann fragen: Wie könnte ich es herausfordern?", erklärt Anika Wittkowski von der Universität Bremen.

Außerdem sollten Eltern die Signale des Kindes ernst nehmen: Wenn das Kind den Schuh und den Schnürsenkel sieht und den Wunsch äußert, das selbst zu probieren, sollten die Eltern darauf eingehen, sagen Danielle Graf und Katja Seide aus Wandlitz. Die beiden schreiben gemeinsam einen Blog über das Familienleben.

Kleine Herausforderungen lassen sich dabei gut in den Familienalltag einbauen. Das Zusammenlegen der Wäsche etwa kann für das Kind zu einer Art Memory werden. Es bekommt zum Beispiel den Auftrag, die passenden Socken zu finden und anschließend ineinander zu stülpen.

Eine weitere Möglichkeit ist, das Kind beim Kochen einzubeziehen. "Es gibt extra Messer und Gemüseschäler für Kinder, die nicht so scharf sind", sagt Mierau. Auch die Salatschleuder kann für die Kleinen ein spannendes Küchengerät sein. Hierbei ist ebenfalls die Geduld der Eltern gefragt. Sie sollten ihrem Kind die Möglichkeit geben, den neuen Gegenstand selbst zu erforschen - auch wenn das bedeutet, dass das Essen erst fünf Minuten später auf dem Tisch steht. "Wenn Eltern den Kindern zeigen, wo genau sie bei einer Salatschleuder kurbeln müssen, und was dann passiert, nehmen sie ihnen die Magie dieses Gegenstands", erklärt Graf.

Denn Kinder lernen am besten, wenn sie in einer Beschäftigung versinken. Dabei bilden sich neuronale Verbindungen im Gehirn. Deshalb sollten Eltern die Kinder in diesem Flow-Zustand möglichst selten unterbrechen, raten Graf und Seide.

Eltern müssen vertrauen können

Aber immer gelassen dabei zusehen, wie das Kind einfach macht? Das fällt vielen Eltern schwer. Was, wenn sich der Nachwuchs verletzt oder die teure Vase umreißt? Gegen die Angst hilft Vertrauen: "Das Kind wird nur Aufgaben angehen wollen, für die es sich auch bereit fühlt. Das hat die Natur so eingerichtet", sagt Graf.

Wenn der Nachwuchs beschließt, erstmals einen Treppenaufstieg zu wagen, solle man als Mutter oder Vater also nicht reflexartig mit einem "Nein" reagieren. Stattdessen können sie Stufe für Stufe hinter dem Nachwuchs hergehen, um ihn notfalls aufzufangen. Das ist ein Kompromiss, der dem Kind die eigene Erfahrung lässt, zugleich aber auch die Nerven der Eltern schont.

Oft klappen Dinge nicht beim ersten Versuch. Die Treppe ist zu steil oder die Nudeln fallen von der Gabel. Das kann bei den Kleinen für Frust und Wut sorgen. "Es ist wichtig, dem Kind Raum für Fehler zu geben", sagt Anika Wittkowski. Scheitern gehört zum Lernen dazu. Dies sollten Eltern dem Kind vermitteln. Mierau rät dazu, Verständnis zu zeigen: "Man kann dem Kind sagen 'Oh, das verärgert dich jetzt'. Morgen versuchen wir es einfach noch mal, dann klappt es bestimmt."

irb/dpa

insgesamt 11 Beiträge
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Emma Fairfax 15.06.2018
1.
Ich muss immer ein wenig kichern, zu welchen Themen 'Experten' herangezogen werden. Jeder von uns war mal klein und musste alles lernen. Da ist doch der eigene gesunde Menschenverstand und der Wunsch, seinem Kind Erfolgserlebnisse zu verschaffen, um es selbstständig und stolz zu machen, eigentlich ausreichend. Ich selbst lerne immer noch gern und mag es auch nicht, wenn man mir ungeduldig und selbstherrlich alles aus de Händen reißt, weil man angeblich alles besser weiß. Im Gegenteil: Ich habe gerade durch Kinder und ihre unvoreingenommene Art, an Dinge heranzugehen, schon sehr viel gelernt. Und dass man sein Kind vor Gefahren schützt, dürfte auch jedem klar sein.
artusdanielhoerfeld 15.06.2018
2. Echt jetzt?
Wer als Eltern in spe auf solche "Tipps" angewiesen ist, der soll bitte keine Kinder bekommen. BITTE!
andreasclevert 15.06.2018
3. Gelassenheitsprüfung
Weil ja viele Eltern aus der Haut fahren, wenn die Kinder mal nicht so schnell sind, fand ich es lustig zu erfahren, dass es für Pferde eine Gelassenheitsprüfung gibt (im Ernst). Das wäre doch mal was für Eltern (ausführlich: https://wp.me/p4WCtx-kT).
kuschmucki 15.06.2018
4. @artusdanielhoerfeld
Sollte man wirklich meinen. Leider sieht es in der Realität anders aus. Ich erlebe tagtäglich, dass besonders Kinder Spätgebärender/ gute Ausbildung darunter leiden, dass ihre Eltern ihnen nichts zutrauen oder „zumuten“ wollen. Diese Kinder trauen sich natürlich irgendwann gar nichts mehr zu, verlassen sich nur noch auf andere und haben im wahrsten Sinne kein Selbstbewusstsein.
SabineAusDemNorden 15.06.2018
5. Boah ey Gähn
Spätgebärende? 35, so wie ich etwa? Gute Ausbildung? Fachhochschulreife zB.? Und nun meinen Sie zu wissen, dass ich wahrscheinlich helicoptere? Der Artikel war totlangweilig. Das sind alles Dinge, die man sowieso so macht. Mein Großer wurde gerade 4, kann bereits Radfahren und hat einen eigenen kleinen Herd (DDR Modell aus meiner Kindheit), auf dem er sich mit dem kleinen Edelstahlkindergeschirr von Ikea, selbst Nudeln mit Tomatensauce kocht. Man tut was man kann..
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