Pränatale Tests Downsyndrom führt meist zu Abtreibung

Es ist ein merkwürdiger Gegensatz: Menschen mit Downsyndrom sind auf Plakaten und bei Kampagnen für mehr Inklusion sehr präsent - dabei gibt es immer weniger von ihnen. Nicht nur in Deutschland.

Eine Schwangere
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Eine Schwangere


Werdende Mütter können ihr Kind bereits in der Schwangerschaft immer besser auf Erbkrankheiten testen lassen. Eine Folge: In Deutschland kommen kaum noch Babys mit Trisomie 21 - auch bekannt als Downsyndrom - zur Welt. Etwa neun von zehn Schwangeren lassen in Deutschland bei einer Trisomie 21 einen Abbruch vornehmen - so schätzen es zumindest Experten, belastbare Zahlen gibt es nicht.

Statistisch gesehen kommt bei etwa 600 bis 700 Geburten ein Baby mit Downsyndrom zur Welt. Menschen mit Downsyndrom haben in jeder Zelle ein Chromosom mehr als andere Menschen. Das Chromosom 21 ist dreifach vorhanden, daher auch die Bezeichnung Trisomie 21. Wie sehr das zusätzliche Chromosom die Betroffenen körperlich einschränkt, kann sehr unterschiedlich sein.

Im vergangenen Jahr wurde die Geburt eines Downsyndrom-Kindes als Arztfehler vor Gericht verhandelt. Eltern hatten gegen Frauenärzte geklagt, weil diese nicht entdeckt hatten, dass ihr Kind Trisomie 21 hat. Sie argumentierten, sie hätten die Schwangerschaft abgebrochen, wenn sie von der Behinderung gewusst hätten. Die Klage wurde abgewiesen.

Auch in den meisten Nachbarländern Deutschlands entscheiden sich viele Frauen für eine Abtreibung, wenn sie erfahren, dass ihr Kind das Downsyndrom hat - ein Überblick:

Schweiz

In der Schweiz werden dem Bundesamt für Statistik zufolge jährlich nur noch weniger als 90 Menschen mit Trisomie 21 geboren. 2015 gab es etwa 10.000 Abtreibungen - wie viele Frauen sich aufgrund einer Fehlbildung des Fötus dazu entschieden, sagt die Statistik allerdings nicht.

"Die Schweiz ist in der Praxis noch sehr separativ unterwegs, nicht integrativ und schon gar nicht inklusiv", sagt Barbara Habegger von der Elternvereinigung Insieme21. Die Kinder hätten Anspruch auf den Besuch einer Regelschule. Aber oft lehnten Schulen sie unter fadenscheinigen Gründen ab, etwa, weil angeblich das Klassenzimmer nicht groß genug für ein Kind und seine Heilpädagogin sei.

Skandinavien

In Dänemark bietet das öffentliche Gesundheitssystem allen Schwangeren seit 2004 einen Test an - bestehend aus Ultraschall-Untersuchung und Blutprobe -, der das Risiko für die Geburt eines Kindes mit Downsyndrom anzeigen soll. Seitdem ist die Zahl der mit Trisomie 21 geborenen Kinder laut der landesweiten Vereinigung Downsyndrom erheblich gesunken. 2015 kamen demnach in Dänemark nur noch 31 Kinder mit der Behinderung zur Welt.

Auch in Schweden werden immer mehr Kinder mit Downsyndrom abgetrieben, wenn die Behinderung schon in der Schwangerschaft erkannt wird. In der Zeitung "Aftonbladet" warnte der Medizinethik-Professor Nils-Eric Sahlin im vergangenen Jahr davor, eine Richtung wie Dänemark einzuschlagen: Gebe es immer weniger Menschen, die anders seien, sinke die Akzeptanz von Vielfalt in der schwedischen Gesellschaft.

Bei einem Fruchtwasser-Test wird ein kleiner Teil des Fruchtwassers entnommen und auf Hinweise für Gendefekte untersucht

Neun von zehn Schwangerschaften in Norwegen, bei denen ein Risiko für Downsyndrom besteht, enden laut der Gesundheitsbehörde des Landes mit einer Abtreibung. Obwohl die Zahl der Abbrüche gestiegen ist, kommen - wie auch in Deutschland - seit Jahren ähnlich viele Kinder mit der Behinderung zur Welt. Das liegt daran, dass mehr ältere Frauen Kinder bekommen, bei denen ein höheres Downsyndrom-Risiko besteht. Frauen zwischen 40 und 45 bringen bei etwa jeder 50. Geburt ein Kind mit Downsyndrom zur Welt.

Polen

Ob das Downsyndrom in Polen zu den Hauptgründen für eine Abtreibung zählt - wie die nationalkonservative Regierung behauptet -, ist Frauenrechtlern zufolge schwer zu beurteilen. Laut Regierung werden in dem katholisch geprägten Land etwa 1000 Abtreibungen pro Jahr vorgenommen. Die Dunkelziffer wird allerdings auf rund 150.000 geschätzt.

Die offiziellen Regelungen sind extrem streng. Schwangerschaften dürfen nur abgebrochen werden, wenn das Leben der Mutter bedroht, das Kind schwer behindert oder die Frau vergewaltigt worden ist. Vergangenes Jahr trieb die der katholischen Kirche nahestehende Regierung der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) ein Abtreibungsverbot voran, scheiterte jedoch am Protest Zehntausender Frauen.

Wie in anderen europäischen Ländern werden Menschen mit Downsyndrom in Polen im Bildungsbereich an Spezialeinrichtungen und Inklusionsschulen gefördert sowie mit Sozialleistungen unterstützt.

Abtreibung oder ein Kind mit Trisomie 21? Das ist für Eltern immer eine schwierige Entscheidung. Betroffene setzen sich auch deshalb dafür ein, dass Menschen mit Downsyndrom mehr in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Eine junge Frau mit Downsyndrom hat in Frankreich beispielsweise vor Kurzem das Wetter präsentiert. Es sei ein "großer Tag" für sie gewesen, sagte sie später. Zuvor hatte sie auf Facebook um Unterstützung geworben - sie bekam 100.000 Likes.

koe/dpa

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