Eierstocktransplantation: Unfruchtbare bringt Baby zur Welt

Sandra G. an der kleinen Hand ihrer Tochter: Vor der Krebsbehandlung Gewebe konserviert Zur Großansicht
DPA

Sandra G. an der kleinen Hand ihrer Tochter: Vor der Krebsbehandlung Gewebe konserviert

Zwei Wunder in nur vier Jahren: Erst überlebte Sandra G. einen aggressiven Brustkrebs und galt danach als unfruchtbar. Dann wurde die 32-Jährige schwanger und brachte ein Kind zur Welt. Erlanger Ärzte halfen mit einer ungewöhnlichen Transplantation etwas nach.

Erlangen - Die Hormone müssen bei Sandra G. im doppelten Sinne über Jahre verrückt gespielt haben. "Ich hatte schon immer den Wunsch, Kinder zu bekommen", sagt die 32-Jährige am Freitag im Konferenzraum der Erlanger Uni-Klinik. Sie hält die wenige Tage alte Isabel im Arm, strahlt wie auch ihr Freund Andreas S. in die Kameras und kann ihr zweifaches Glück gar nicht fassen. 2008 wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert - eine besonders aggressive Art noch dazu.

Sie überlebte die Chemotherapie, doch nicht nur das: Ende August brachte die eigentlich als unfruchtbar geltende Krebspatientin auch ein gesundes Kind zur Welt. Möglich machten dies Erlanger Wissenschaftler mit einer ungewöhnlichen Methode.

Für die Therapie entnahmen die Mediziner der Patientin kurz vor der Krebsbehandlung Eierstockgewebe und froren es ein. Nach der Behandlung transplantierten sie es der Patientin wieder - und ermöglichten durch diesen Schritt die Schwangerschaft. Der Tumor sei damals rund 2,5 Zentimeter groß gewesen und schnell gewachsen, sagt der wissenschaftliche Leiter der Reproduktionsmedizin am Uni-Klinikum Erlangen, Ralf Dittrich.

Die Diagnose traf die damals 28-Jährige völlig unvorbereitet. "Ich war fassungslos und stand völlig neben mir", berichtet sie. Die weiteren Untersuchungen aber hätten auf einen Hoffnungsschimmer hingedeutet. Die Lymphknoten waren noch nicht betroffen, in der Verwandtschaft gab es keine Krebsfälle. Daraufhin habe man ihr angeboten, vor der eigentlichen Behandlung das Eierstockgewebe zu entnehmen, erzählt Dittrich.

"Etwas Sympathisches ist dabei herausgekommen"

Als dann nach einem halben Jahr der Krebs besiegt war, blieb die Periode aus und es traten Wechseljahrbeschwerden auf. Sandra G. galt als unfruchtbar. "Das war unfair", sagt sie. Zu dieser Zeit habe sie im Hier und Jetzt gelebt. Erst nach mehreren Gesprächen mit ihren Ärzten habe sie sich überzeugen und das Eierstockgewebe wieder einsetzen lassen. Mit ihrem neuen Freund Andreas S. vereinbarte sie, "es einfach zu versuchen. Und am Ende ist ja was Sympathisches herausgekommen", erzählt sie und wiegt ihr Neugeborenes liebevoll im Arm.

Bereits zum zweiten Mal in Deutschland ist den Erlanger Wissenschaftlern die sogenannte Kryokonservierung von Eierstockgewebe gelungen, so dass es zu einer Geburt kam. Zuvor hatten sie die Methode bei einer Patientin mit Lymphdrüsenkrebs angewendet, die im vergangenen Jahr in Dresden ein Kind per Kaiserschnitt zur Welt brachte. Seit rund zehn Jahren forschen die Mediziner der Frauenklinik an der experimentellen Methode.

Die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass eine Frau nach einer Chemotherapie unfruchtbar werde, sagt Dittrich. Allein 2010 sei bei 15.000 Frauen unter 45 Jahren Krebs diagnostiziert worden. Um ihnen die Chance auf Nachwuchs zu erhalten, könne aber vor der eigentlichen Krebsbehandlung nun Eierstockgewebe entfernt, tiefgefroren und später wieder retransplantiert werden.

Seit 2007 nutzten elf Frauen in Erlangen das Verfahren. In keinem Fall sei es fehlgeschlagen, aber bisher seien erst zwei Kinder daraus entstanden. Weltweit kam es nach Angaben der Erlanger Universitätsklinik erst 13-mal zu einer Geburt nach einer solchen Therapie. Nach dem nun gelungenen Experiment sind sich die Wissenschaftler sicher, dass die Methode vielen Frauen bei der Erfüllung eines Kinderwunschs helfen kann. Das neue Verfahren sei selbst bei anderen Krankheiten geeignet, die "die Möglichkeit einschränken, Kinder zu bekommen", sagt Dittrich.

Dem Mediziner zufolge könnte die Technik aber nicht nur bei Erkrankungen eingesetzt werden. Auch das sogenannte Social Freezing sei denkbar und für die Frauen durchaus zu begrüßen. Dabei wird Gewebe eingefroren, um in späteren Jahren Kinder auf die Welt bringen zu können, wenn der Job oder andere Gründe zunächst dagegen sprechen. Dies dürfe aber nicht über die Krankenkassen bezahlt werden, fügte er hinzu. Eine Frage, die sich Sandra G. nicht mehr stellen muss. Sie hat ja jetzt ihre Isabel.

Stefan Engelbrecht, dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. optional
1man1cup 15.09.2012
Wenn man sich das ganze unter dem Aspekt der gegenwärtigen globalen Bevölkerungs- und Wohlstandsverteilung vorstellt, ist es schon sehr absurd. Auf der einen Seite sterben täglich die Kinder von gesunden Müttern zu tausenden mangels einfachster Unterstützung und auf der anderen werden unter Hochaufwand mit allerhand künstlichen Hilfsmitteln sozusagen mit der Brechstange neue erzeugt.
2. Glückwunsch
hojas 15.09.2012
Zitat von 1man1cupWenn man sich das ganze unter dem Aspekt der gegenwärtigen globalen Bevölkerungs- und Wohlstandsverteilung vorstellt, ist es schon sehr absurd. Auf der einen Seite sterben täglich die Kinder von gesunden Müttern zu tausenden mangels einfachster Unterstützung und auf der anderen werden unter Hochaufwand mit allerhand künstlichen Hilfsmitteln sozusagen mit der Brechstange neue erzeugt.
Mein Gott - kann man nicht einfach eine Frau zum Nachwuchs beglückwünschen, die in einer denkbar aussichtslosen Situation war? Wenigstens kann man davon ausgehen, dass dieses Kind gewollt, geliebt und umsorgt wird und nicht einfach in die Welt gesetzt wurde, egal ob die anderen 7 Kinder eh schon am Verhungern sind...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Schwangerschaft & Kind
RSS
alles zum Thema Transplantationen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
  • Zur Startseite
Sprechstunde