Verwechselte Eizellen: Erfolgreich befruchtet, gesund geboren - trotzdem falsch
Als ihr Sohn fünf Jahre alt ist, erfährt Bianca B., dass sie nicht die biologische Mutter ihres Sohnes ist - und der Vater nicht der biologische Vater. Nach SPIEGEL-Informationen wurden die befruchteten Eizellen bei der künstlichen Befruchtung vertauscht. Das ist kein Einzelfall.
Befruchtung im Reagenzglas (Illustration): Einzelne Spermien werden direkt in die Eizelle injiziert
Hamburg - Fünf Jahre war der Sohn von Bianca G. alt, als aus einer Vorahnung grausame Gewissheit wurde: Er ist nicht ihr Kind. Wie der SPIEGEL berichtet, wurde der Frau aus Hessen bei einer künstlichen Befruchtung eine fremde Eizelle eingesetzt. Auch ihr ehemaliger Partner entpuppt sich als nur vermeintlicher Vater des Kindes. Am renommierten Reproduktionszentrum in Jena war es offensichtlich zu einer Verwechslung gekommen.
Nichtsahnend trug Bianca G. das Kind aus, es sollte das Glück des Paares perfekt machen. Doch schon während der Schwangerschaft gerieten die beiden in Streit, sie trennten sich. Seine Skepsis war es schließlich auch, die den Fehler ans Licht brachte. Ein rothaariges Kind von einem dunkelhaarigen Vater? Das, dachte der Mann, kann doch nicht möglich sein. Hatte Bianca G. ihm ein Kind untergejubelt? Er ging vors Familiengericht, focht die Vaterschaft an.
Das Gutachten gab ihm Recht. Es zeigte aber auch, dass das Kind mit fast hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit nicht von Bianca G. stammt. Die alleinerziehende Mutter stürzte in eine tiefe Krise. (Lesen Sie hier im digitalen SPIEGEL die ganze Geschichte über Bianca G. und ihren Streit mit dem Reproduktionszentrum.)
Bisher in Deutschland ein Einzelfall
Mit ihrem Schicksal ist Bianca G. ein Einzelfall - wahrscheinlich. Jedes Jahr setzen Mediziner allein in Deutschland rund 80.000-mal befruchtete Eizellen in die Gebärmutter von Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch ein. Das Embryonenschutzgesetz erlaubt hierzulande nur, dass Frauen ihre eigenen Kinder austragen. Strenge Qualitätsstandards sollen dabei Fehler verhindern.
Weitere Verwechslungsfälle wie der von Bianca G. sind hierzulande nicht bekannt. Allerdings existieren Berichte über mehrere Fälle, bei denen wahrscheinlich das Sperma vertauscht wurde. So schilderte der SPIEGEL im vergangenen Jahr die Geschichte eines Paares, das durch Zufall feststellte, dass der vermeintliche Vater nicht der leibliche Vater seines Kindes sein konnte. Als er in der Krankenakte seines Kindes blätterte, fiel ihm die Blutgruppe auf: B. Vater und Mutter hatten beide die Blutgruppe 0. Nachwuchs mit der Blutgruppe B ist da unmöglich.
Zwar war der Vater nicht der leibliche Vater, bei der Eizelle handelte es sich in diesem Fall aber um die der Mutter. Wie konnte es zu dieser Verwechslung kommen? Handelte es sich möglicherweise sogar um Vorsatz? Obwohl ein Gutachten eindeutig dafür sprach, dass die Befruchtung mit den fremden Spermien in der Klinik passiert sein musste, stritt die Klinik ihre Schuld ab - anders als bei Bianca G..
In einem weiteren Leserbrief meldete sich damals - bevor Bianca G. sich jetzt selbst an die Öffentlichkeit wandte - ihr Anwalt zu Wort und schilderte kurz den Fall seiner Mandantin. "Während sich Väter in solchen Fällen durch Vaterschaftsanfechtungsverfahren aus der Verantwortung stehlen können, bleiben die Mütter, denen eine falsche Eizelle implantiert wurde, ein Leben lang Mütter. Das ist der eigentliche Skandal", schrieb er.
Zwischen Heldentum und Trauer
Wie Bianca G. erging es einer Frau in den USA, nur dass Carolyn Savage unfreiwillig zur Leihmutter wurde. Innerhalb von zwölf Jahren unterzog sich die Frau 20 hormonellen Stimulationen, drei künstlichen Befruchtungen (in-vitro-Fertilisation, IVF), zwei Embryonentransfers - und durchlebte vier Fehlgeburten. Dann kam der 6. Februar 2009: Ihr 40. Geburtstag nahte, noch ein letztes Mal wollte die damals schon dreifache Mutter versuchen, mit Hilfe einer IVF schwanger zu werden. Es glückte.
Doch als Carloyn im zweiten Monat schwanger war, rief die Klinik an: Die Eizelle, die in ihr wuchs, sei nicht ihre, das Sperma nicht das ihres Mannes. Ihr wurde nahegelegt, abzutreiben. Doch Carolyn entschied sich, das Kind zu bekommen und seinen leiblichen Eltern - ebenfalls Kunden der Klinik - zu übergeben. In den amerikanischen Medien wurde sie als Heldin gefeiert, sie schrieb ein Buch über ihre Geschichte.
Wer in es hineinliest, erfährt jedoch nicht nur von der Heldin. Da ist auch die Trauer einer Mutter in dem Moment, in dem sie das Kind, das gegen ihre Bauchdecke geboxt hat, das sie mit ihrem Blut ernährt hat, das ihrem Herz neun Monate so nah war, abgeben muss: "Wir trauern noch immer und hadern mit den Umständen, die uns dazu gezwungen haben, ein Baby wegzugeben, das in unseren Augen unser eigenes war", schreibt sie. "Gut möglich, dass ich nie über den Verlust hinwegkommen werde."
Auch Bianca G. fürchtete, dass sie ihren Sohn nicht behalten darf. Zumindest diese Angst konnte ihr Anwalt ihr mittlerweile nehmen.
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Klassische In-vitro-Fertilisation (IVF): Zunächst werden durch eine Hormonbehandlung Eizellen im Körper der Frau zum Reifen gebracht und später entnommen. Sie kommen zusammen mit den männlichen Spermien in ein Reagenzglas, wo im Idealfall eine spontane Befruchtung stattfindet.
Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion (ICSI): Sind die Spermien in ihrer Beweglichkeit gestört oder nur in geringer Zahl in der Samenflüssigkeit enthalten, kommt die ICSI-Methode zum Einsatz: Ein einzelnes Spermium wird unter dem Mikroskop direkt in die Eizelle injiziert.
Sonderformen der Injektion werden angewandt, wenn es weitere Probleme mit der Spermiengewinnung gibt. Bei einer wird das zu injizierende Spermium zusätzlich anhand seiner äußeren Merkmale ausgesucht. Sind die Samenwege des Mannes verstopft, können Mediziner die Spermien auch direkt aus Hoden oder Nebenhoden gewinnen.
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