Fehlgeburten Der schmerzhafte Abschied vom ungeborenen Kind

Grade zu Beginn einer Schwangerschaft kommt es häufig zu Fehlgeburten. Viele Frauen belastet der Verlust extrem. Oft fühlen sie sich damit alleingelassen. Traumatherapien können helfen, den Schmerz zu überwinden.

Grabfeld für Sternenkinder: Vielen Frauen fällt es schwer, eine Fehlgeburt zu verarbeiten
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Grabfeld für Sternenkinder: Vielen Frauen fällt es schwer, eine Fehlgeburt zu verarbeiten


Als Jana Köhler* schwanger wurde, war sie sehr glücklich. Es war der richtige Zeitpunkt, sie war 30 Jahre alt, hatte den Einstieg in den Beruf geschafft und lebte mit ihrem Partner zusammen. Schon zwei Monate, nachdem das Paar aufgehört hatte, zu verhüten, war der Test aus der Apotheke positiv ausgefallen. Die Frauenärztin zeigte ihr den Herzschlag des Embryos auf dem Ultraschallbild, Jana Köhler war in der siebten Woche schwanger.

Vier Wochen später ging sie zur nächsten Vorsorgeuntersuchung. Der Embryo würde nun so groß sein wie ein Gummibärchen, wusste sie. "Er versteckt sich", meinte die Ärztin zunächst noch, als sie auf dem Ultraschallbild nichts entdecken konnte. Doch der Embryo war verschwunden. Jana Köhler hatte eine missed abortion gehabt, einen verhaltenen Abort. Dabei geht ein toter Embryo nicht ab, sondern wird oft vom Körper resorbiert.

Wie einen Schlag ins Gesicht habe sie die Nachricht empfunden, sagt Jana Köhler: "In mir zog sich alles zusammen." Im Krankenhaus entfernten Ärzte die Reste der Fruchtblase aus ihrer Gebärmutter, Jana Köhler saß im Gynäkologiestuhl und konnte nicht aufhören zu weinen. Sie fühlte sich hilflos. Bei der Erinnerung daran muss sie selbst ein Jahr später noch gegen Tränen ankämpfen.

Schwerer Schicksalsschlag - wenig Verständnis

Schätzungen zufolge enden 10 bis 15 Prozent aller Schwangerschaften mit einer Fehlgeburt, 80 Prozent davon innerhalb der ersten zwölf Wochen. Vielen Frauen fällt es schwer, das Ereignis zu verarbeiten - dennoch wird selten darüber gesprochen. Unter anderem, weil es ein sehr persönlicher Schmerz ist, dessen Ausmaß selbst nahestehende Menschen nicht immer verstehen.

Jutta Kuck ist Ärztin und Therapeutin, sie berät betroffene Frauen in den Pro-Familia-Beratungsstellen von Solingen und Burscheid. Vor allem, wenn die Fehlgeburt früh passiert, fehle dem Umfeld oft das Verständnis, sagt die Medizinerin: "Es wird erwartet, dass die Frauen nach zwei Wochen wieder arbeiten gehen, und spätestes nach sechs Wochen alles vergessen haben." Doch der Verlust des ungeborenen Kindes sei ein Schicksalsschlag, mit dem jeder anders umgehe.

"Frauen nehmen den Embryo meist schon ab dem ersten Schwangerschaftstest als ihr Kind wahr und bauen eine Bindung zu ihm auf", sagt Kuck. Und viele sehen nach einem Abort ihren Lebensplan scheitern, weil sie fürchten, dass sie niemals ein Kind bekommen können. Das trifft vor allem auf die Frauen zu, die erst spät schwanger werden. "Wenn eine 38-Jährige ein ungeborenes Kind verliert, kann ihr ja auch niemand garantieren, dass sich ihr Kinderwunsch noch erfüllt", sagt Kuck.

Schuldgefühle und Vorwürfe

Besonders stark leiden Frauen, die in ihrem Leben schon öfter Verluste erfahren mussten: Wer zum Beispiel einen Elternteil verloren oder andere schmerzhafte Trennungen erlebt hat, bleibt besonders verwundbar. Eine Fehlgeburt kann aber auch starke Frauen aus der Bahn werfen, die sonst gut darin sind, Probleme zu meistern. "Solche Frauen gehen oft davon aus, sie könnten das ganze Leben planen und kontrollieren. Die missglückte Schwangerschaft wird dann als schlimmer Kontrollverlust empfunden", sagt Kuck.

Fast alle Frauen machen sich Vorwürfe, wenn sie ein Kind verlieren. "Man sucht nach Gründen", sagt auch Jana Köhler. War sie zu oft beim Sport? Hatte sie nicht dieses eine Mal Alkohol getrunken, als sie noch nichts von der Schwangerschaft wusste? Die Schuldgefühle seien in der Regel unbegründet, sagt Jutta Kuck: "Und sie machen es schwer, abzuschließen."

Die Therapeutin hilft Frauen mit Methoden der Traumatherapie, ihren Kummer zu verarbeiten oder mit der Angst vor einer weiteren Fehlgeburt umzugehen. Manchmal hilft sie auch dabei, vom Kinderwunsch Abschied zu nehmen. Außerdem berät sie Paare, deren Beziehung nach einer Fehlgeburt leidet: Oft fühlen sich Frauen von ihren männlichen Partnern allein gelassen, die scheinbar weniger trauern. Dabei gingen diese häufig nur anders mit dem Verlust um, sagt Kuck. "Die Männer glauben, sie müssten für ihre Partnerin stark sein, und verbergen deshalb ihr Leid."

Abschied vom nie geborenen Kind

Freunden und Familie empfiehlt die Therapeutin, ganz einfach zuzuhören - für Aufmunterungsversuche der Art "Das nächste Mal klappt es bestimmt!" hingegen sei es in der Trauerphase zu früh. Auch Rituale könnten betroffenen Frauen helfen. So bieten mehrere Geburtskliniken heute symbolische Bestattungszeremonien für zu früh oder nie geborene Kinder an.

Jana Köhler hat für ihr verlorenes Baby eine Kerze angezündet. Vielleicht wäre es schwer krank gewesen, hat sie sich irgendwann gesagt, und die Schwangerschaft musste deswegen scheitern. Die Fehlgeburt hätte ihr so erspart, sich später für oder gegen eine Abtreibung entscheiden zu müssen. Heute ist sie die Mutter von Malte, einem neun Monate alten Sohn. Vor kurzem hat er zum ersten Mal Mama gesagt. Trotzdem denkt sie manchmal noch an das andere, das niemals geborene Kind. Sie malt sich dann aus, dass es heute schon laufen könnte.

Zur Autorin
  • Irene Habich
    Irene Habich studierte Tiermedizin und Journalistik. Sie arbeitet als freie Wissenschaftjournalistin in Berlin und Hamburg.

*Name geändert

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insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
sipi 24.02.2015
1. Mutter Natur
Ich hatte schon 2 Fehlgeburten. Bei dem einen hat sich ausser der Fruchtblase spaeter nichts weiter entwickelt und beim anderen hat das Herz aufgehört zu schlagen . Ich glaube an Gott und ıch glaube daran dann alles was passiert aus einem bestimmten Grund passiert. Mutter Natur schützt dich indem es verhindert krankhaft veraenderte Zellen so weiter-zu-entwickeln das daraus ein nicht Lebensfaehiger Mensch entsteht. Ich war auch traurig , ja natürlich aber sehe das ganze etwas realistischer und bin dankbar das ich kein evtl. behindertes Kind bekommen habe. Jetzt bin ich wieder Schwanger und bete das es diesmal klappt !
Luna-lucia 24.02.2015
2. hierzu sollten dringend
Beratungs- und Hilfestationen eingerichtet werden! Obwohl in solchen Seelennöten echte Hilfe schwer ist - sollte es möglich sein, in Beratungsstellen Adressen von ebenfalls Betroffenen zu bekommen. Es könnten sich "Gruppengespräche" ergeben. Etwa so, wie es auch Trauerhilfen gibt. Ein Gefühlsaustausch, ein Wissen, dort werde ich verstanden - könnte vielen Frauen helfen, schneller zu verarbeiten, und wieder Hoffnung zu schöpfen.
MDen 24.02.2015
3. Unangenehme Realtität(en)
Der wirkliche Grund für diese traumatiscche Wahrnehmung der Fehlgeburt sind meiner Meinung nach zwei Aspekte: unser heutiges Planbarkeits- und Machbarkeitsdenken, das uns glauben lässt, unser Schicksal unter Kontrolle zu haben. Dann ist solch ein Ereignis das Erlebnis eines scheinbar grundlosen Kontrollverlusts. Aber was noch viel schwerer wiegt, ist die Wahrnehmung, dass eine Fehlgeburt oder auch der Kindstod etwas völlig Unnormales ist, weswegen es als inakzeptabler, kaum zu verarbeitender Unfall des Schicksals wahrgenommen wird. Bis vor 100 Jahren war es auch bei uns wie heute noch in den meisten Teilen der Welt der Normalfall, dass Frauen Fehlgeburten erlitten bzw. erleiden und Kinder früh starben bzw. sterben. Dass die Menschen damals und anderswo psychisch nicht völlig zerstört wurden/werden, lässt sich nur mit einer anderen Wahrnehmung solcher Ereignisse erklären. Insofern sind diese traumatisierten Mütter und Väter eigentlich Opfer unserer Sicht auf die Realität.
SilkeSchwekutsch 24.02.2015
4. Schöner Beitrag zu wichtigem Thema
Danke für diesen guten Beitrag zu einem wichtigen, aber leider immer noch sehr tabuisierten Thema. Es gibt Unterstützung für Frauen und Paare, die den frühen Abschied von ihrem Kind verkraften müssen. Profamilia berät fachkundig, es gibt auch Gruppen und Seminarangebote zu diesem Thema, die im Netz für die jeweilige Region gefunden werden können.
linlaluna 24.02.2015
5. Das Verständnis fehlt
Ich kann absoult mitfühlen, man fühlt sich ausgeliefert wie auf der Schlachtbank. Meine Gynäkologin war am Einfühlsamsten - die Ärzte in der Klinik und viele in der Umgebung waren "grausam" - die Sprüche wie "Sie sind noch jung" oder "Das nächste Mal klappt es" machen den Schmerz nur noch schlimmer. Wie im Artikel wird einem das Recht zu trauern von dem meisten Menschen versagt und das macht das alles nur noch schlimmer. Als Betroffene sind mir bei dem Artikel die Tränen in die Augen geschossen - denn genauso geht es einer Frau nach einer Fehlgeburt. Das Schlimmste ist das Gefühl alleine zu sein - kein Verständnis. Es ist besser eine Betroffene einfach in den Arm zu nehmen und zuzuhören - anstatt durch gut gemeinte "dumme Sprüche" alles zu verschlimmbessern.
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