Fötus-Partys Boom der Babywatcher

Krabbelgruppen sind Schnee von gestern, heute gibt es Fötus-Partys. In geselliger Runde bestaunen werdende Eltern das Ungeborene im 3-D-Ultraschall. Babywatching ist beliebt und für die Anbieter lukrativ - ungeachtet seiner Risiken.

Von

E. Merz

Coleen und Wayne Rooney wollten ihr Glück nicht für sich behalten. Englands Top-Stürmer und seine Gattin wollten es teilen, mit ihren Familien, mit ihren Freunden. Das Paar lud zu sich ein, um ein besonderes Fest für ihr Baby zu feiern, den ungeborenen Fötus, seit vielleicht 25 Wochen im Bauch von Coleen: In 3D konnten die werdenden Eltern und ihre Freunde das Kind auf einem gemieteten High-Tech-Ultraschallgerät dabei beobachten, wie es gähnte und seine Zunge herausstreckte.

Der britische Fußballstar und seine stets medienpräsente Ehefrau sind zwar keine Durchschnittseltern, doch offenbar wollen immer mehr werdende Mütter und Väter in reichen Industrieländern, was sich das britische Glamour-Paar 2009 wünschte: Gemeinsam mit Freunden einen Blick auf das ungeborene Kind werfen, das Unsichtbare sichtbar, die Zukunft greifbarer machen.

Babywatching in der Shopping-Pause

Fötus-Partys sind im Kommen. Die Anbieter nennen ihre Räumlichkeiten Studios, ein Arzt ist nur selten im Team. Es geht darum, unvergessliche Momente in der Schwangerschaft zu schaffen und sie dann per Bild und Ton festzuhalten. In den USA bieten die Studios ihre Dienste sogar schon in Einkaufszentren an: Babywatching in der Shopping-Pause.

Geschäftstüchtigen Menschen ist längst klar: Werdende Eltern sind eine zahlungswillige Klientel. Ihre besonders große Liebe zum Ungeborenen besiegeln sie mit einem besonders großen Ultraschall-Paket. Bei der Firma Babyscan etwa können sie das "4D Baby Bonding Gold Package" für 195 Pfund (rund 230 Euro) kaufen. 4D steht für die vierte Dimension, die bei den Ultraschalluntersuchungen die Zeit ist. Zusätzlich zu vier Hochglanzbildern bekommen die Kunden hier eine 20-minütige DVD mit Videosequenzen ihres ungeborenen Kindes, ein "lustiges Mousepad" mit Fötusmotiv und einen kuscheligen Teddybär, der auf Bauchdruck statt zu brummen, die fetalen Herztöne abspielt.

Fotostrecke

8  Bilder
Blick in den Bauch: Daumenlutschen in 3D
Bei Womb with a View gibt es im Schlussverkauf für 219 Pfund (rund 260 Euro) das "Ultimate Complete Platinum"-Paket und bei Cocoon kann man den "Platinum Deal" für satte 270 Pfund (320 Euro) abschließen: Die Schwangere erhält hier noch eine iPod-Video-Datei. So kann auch im Nachhinein noch jeder quasi live beim "ersten Treffen" dabei sein.

Ultraschall zur Unterhaltung

Doch reicht für eine medizinische Hightech-Untersuchung der Wunsch aus, entdecken zu wollen, "wessen Lippen und Nase das Baby hat", wie die britische Firma Womb with a View wirbt? Die deutschen Fachgesellschaften meinen: Nein. "Eine Ultraschalluntersuchung allein zur Anfertigung von Erinnerungsbildern oder -videos ist aus medizinischer Sicht abzulehnen", sagt Eberhard Merz, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (Degum). Und Großbritanniens Chefhebamme Cathy Warwick schimpfte Anfang des Jahres über die Kommerzialisierung der Schwangerschaft: "Überall im Land tauchen Services für Fötus-Partys auf", schrieb die Leiterin des Royal College for Midwives (Hebammen) in einer Kolumne der britischen BBC. "Zu Diagnostikzwecken gedachte Ultraschalluntersuchungen werden jetzt zur Unterhaltung missbraucht."

Bessere Früherkennung durch 3D
Wachstum von Organen
Für die Untersuchung von Organen hat die 3-D-Technik einen weitreichenden medizinischen Nutzen: Besser als im herkömmlichen Ultraschall kann ein Arzt damit plastisch die Nieren, die Leber oder die beiden Gehirnhälften des Babys darstellen und die Organgröße oder die Blutversorgung beurteilen.
Fehlbildungen
Auch bei einem offenen Rücken bildet die räumliche Darstellung genau das Ausmaß und den Ort der Fehlbildung ab. Der sogenannte Glass-Body-Modus erlaubt es dem Untersucher, nur den Gefäßbaum des ungeborenen Kindes mit allen Abzweigungen und eventuellen Fehlbildungen zu betrachten. Laut einer Studie zu Entdeckungsraten von Fehlbildungen, die 2005 im Fachblatt "Ultraschall in der Medizin" veröffentlicht wurden, war der 3-D-Ultraschall in über 60 Prozent der Fehlbildungen der 2-D-Technik überlegen.
Funktion
Das Herz kann in einem Video als schlagende Einheit betrachtet und der Blutfluss beurteilt werden. Insbesondere Veränderungen an den Herzklappen oder den Scheidewänden können so präsize lokalisiert werden.
Zeit
Die neue Technik ermöglicht es Ärzten, die Bilder und Videosequenzen zu speichern und sie im Nachhinein genauer anzusehen. Untersucht ein Mediziner hingegen im Beisein der Frau eine Körperstelle des Ungeborenen länger als 30 Sekunden, verunsichert das viele Frauen.
Dass es sich bei der Fötusbesichtigung um eine richtige Marktlücke handelt, haben auch deutsche Unternehmer erkannt. Bei Babyfacing im bayerischen Aichach kann eine Schwangere über eine 24-Stunden-Hotline Baby-TV-Termine auch am Abend oder am Samstag vereinbaren. Gut 60 Kilometer weiter in Konzenberg bietet eine Heilpraktikerin Ultraschall in 3D und 4D an. Für die Weiterverarbeitung der Bilder können sich Eltern dann an den Münchener Maler Richard Fuchs wenden, der die Ultraschalldokumente auf Leinwände druckt und diese in den Farbtönen Lolli, Frühling, Apfel, Lagune oder Schoko einfärbt.

Die beiden Ultraschallstudios bieten keine medizinische Diagnostik an, ein Arzt ist nicht mit im Team. Bei Babyfacing unterschreiben Schwangere sogar, dass es sich bei den Ultraschallsitzungen nicht um diagnostische Maßnahmen handelt. Genauso ist es bei Heilpraktikerin Sabine Bayr-Seifert. Sie sagt werdenden Müttern: "Ich mache schöne Bilder und Filme, aber keine medizinische Untersuchung."

Aber was passiert, wenn beim Babyfernsehen auch für Laien offensichtlich wird, dass mit dem Baby etwas nicht stimmt? Wenn ein Arm oder ein Bein fehlt? Für jede Schwangere wäre das erst einmal eine schreckliche Nachricht. Ein Arzt könnte die Frau mit seinem Fachwissen beraten, sie beruhigen oder zu einem Spezialisten weiterleiten. Ob das Personen ohne medizinische Ausbildung gelingt, ist höchst fragwürdig.

Frauenarzt Eberhard Merz, der die Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe am Frankfurter Krankenhaus Nordwest leitet, kennt viele Fälle, in denen Mediziner bei Ultraschalluntersuchungen Auffälligkeiten entdecken und ihre Patientinnen dann in spezialisierte Praxen schicken: "Ein unauffälliger Ultraschall in der 12. Schwangerschaftswoche garantiert nicht, dass auch beim Organultraschall in der 20. Woche alles gut ist", sagt der Spezialist.

Bislang waren es in Deutschland hauptsächlich Frauenärzte, die zusätzliche Ultraschalluntersuchungen anboten - und dafür ebenfalls kräftig kassierten. Im Hamburger Gynäkologikum etwa zahlt eine Frau 190 Euro für eine 30-minütige Sitzung mit Feindiagnostik, schöne Bilder und eine DVD. Am Frankfurter Klinikum Nordwest kann sich eine Schwangere am Ende ihrer Untersuchung ebenfalls Erinnerungsstücke kaufen: Farbbilder für 40 Euro oder eine DVD für 100 Euro. Auch in einigen Universitätskliniken schalten die Ärzte auf 3D um - meistens sogar kostenfrei. "Mitunter kann ich eine ängstliche Frau beruhigen, wenn ich ihr das Kind in der 3D-Ansicht zeige", erklärt Monika Rehn, Oberärztin in der Frauenklinik des Universitätsklinikums Würzburg.

In Internetforen suchen Schwangere schon nach dem günstigsten 3-D-Tarif in ihrer Umgebung. Im "Babyforum" etwa berichtet eine Nutzerin, dass ihr Arzt sie für 95 Euro bei jedem Termin per Ultraschall untersuche und ihr am Ende der Schwangerschaft eine CD mit 4-D-Aufnahmen geben werde. Nutzerin "Schtäffi" antwortet: "Wow. Jedes Mal 3- bzw. 4D ist ja super. So eine Ultraschall-Flatrate bietet mein Doc leider nicht an."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes wurden der Heilpraktikerin Sabine Bayr-Seifert Zitate zugeschrieben, die so nicht gefallen sind. Außerdem befindet sich Babyfacing nicht in Aiching, sondern in Aichach. Wir bitten, die Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
huettenfreak 18.06.2012
1. Respekt
"Von der Wiege bis zur Bahre", das muss nun zumindest teilweise neu geschrieben werden. Wenn man Föten vor der Geburt unnötig oft mit Ultraschallgeräten zu Leibe rückt dann bedeutet dies wohl eines: mangelnder Respekt vor Mutter Natur und dem noch ungeborenen Kind. Denn immerhin wird das Kind durch die Ultraschallwellen in zusätzlichen Stress versetzt. Aber vielleicht wird sich das Kind später ja durch eine entsprechende "Aufsässigkeit" gegenüber seinen Eltern "erkenntlich" zeigen.
Vier 18.06.2012
2. Ist jetzt nicht wahr, oder?
Ein fehlerhaftes Organ erkennen können, aber dann nicht genügend mit den Eltern reden können, um die zum Arzt zu schicken? ICH könnte auf den Bildern kein fehlerhaftes Organ erkennen, hätte mir aber schon schönere Bilder gewünscht. Der Techniker muss nur erklären können, dass durch Reflexionen im Fruchtwasser auch mal unerklärliche Artefakte entstehen, ist halt eine heftige Rechenaufgabe für den Prozessor, da ein 3D-Bild draus zu zaubern. Nix gegen Ultraschallparties, finde ich gut und mindestens unterhaltsam!
bolonch 18.06.2012
3. Man kann auch Probleme suchen wo es keine gibt ...
Als unsere Tochter unterwegs war, hat unser Arzt alle 6-8 Wochen einen Ultraschall (2D und 3D) gemacht und hat uns jedes mal gesagt, diesmal ist es medizinisch sinnvoll, diesmal ist es nur zum Spass. Das war wunderbar. Weil die Famile, die weit weg wohnt auch gerne 3D Bilder oder Filme sehen wollte, sagte er das mache er nicht, weil sich dann jeder Zuschauer als Hobbydiagnostiker betaetigen wuerde. Er gab uns dann die Adresse von einem Kollegen, der sich auf schoene Bilder spezialisiert hatte. Wir haben das ueberlegt, aber am Ende nicht gemacht. Ich kann aber nur sagen, dass die Momente, in denen wir sehen konnten, wie unsere Kleine wuchs, sich bewegte, am Daumen lutschte oder sich herumdrehte, zu absolut bleibenden Erinnerungen geworden sind. Ein Ultraschall ist nicht schaedlich und wenn jemand dafuer bezahlen will, warum soll er (oder sie) ihn nicht bekommen?
lilli42 18.06.2012
4. Risiken?
Im Teaser ist von Risiken die Rede - aber im Artikel steht dazu nichts!!! Oder ist die Gefahr gemeint, dass während des Baby-Watchings eine Fehlbildung entdeckt wird und das Personal nicht ausreichend zum Überbringen dieser Nachricht geschult ist? Das soll also das "Risiko" sein? Mir wäre neu, dass alle Frauenärzte hier eine Extra-Ausbildung hätten...
larousse 18.06.2012
5. konsequent
Da bin ich aber doch viel konsequenter....gehe noch einen Schritt weiter zurück, nämlich wie es überhaupt zum Fötus kommt....da gibt es massenhaft Filme drüber, die täglich in Unmengen angesehen werden......
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