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Missbildungen bei Babys: Muss Folsäure ins Essen?

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Frisch gemahlen: In vielen Ländern wird Mehl mit Folsäure angereichert Zur Großansicht
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Frisch gemahlen: In vielen Ländern wird Mehl mit Folsäure angereichert

In Europa gelingt es nicht, die Zahl der Babys mit offenem Rücken zu senken, das zeigt eine neue Studie. Eine einfache Maßnahme würde helfen, die Missbildungen zu verhindern - sie ist aber umstritten.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


In der fünften bis sechsten Schwangerschaftswoche macht das Herz des Babys seinen ersten Schlag, für Hirn und Rückenmark bilden sich die ersten Ansätze. Dort, wo sich einmal der Rücken befinden wird, formt sich eine Rinne, die schließlich ein Dach bekommt: Das Neuralrohr entsteht, die Herberge des späteren Nervensystems. Gerade dieser Schritt ist jedoch fehleranfällig.

Jedes Jahr schließt sich bei etwa 5000 Föten in Europa das Neuralrohr nicht richtig, sie kommen mit Lücken in der Wirbelsäule oder am Schädel zur Welt. Ihr Rückenmark, sonst geschützt in den Wirbelkörpern, kann freiliegen, Teile des Gehirns können fehlen. Ursachen für Neuralrohrdefekte gibt es verschiedene, zum Teil liegen sie im Erbgut. Vor einem der häufigsten Auslöser aber können Frauen ihr Baby schützen: Folsäuremangel.

Vor mehr als 20 Jahren zeigten Wissenschaftler, dass die Aufnahme des B-Vitamins vor der Empfängnis das Risiko für einen offenen Rücken (Spina bifida) oder Schädelmissbildungen (Anenzephalie) um mehr als 70 Prozent reduziert. Die Anzahl der Missbildungen in Europa konnte dieses Wissen trotzdem nicht senken, schreiben Forscher im "British Medical Journal". Sie kritisieren die europäische Folsäurepolitik als gescheitert.

Etwa neun von 10.000 Geburten betroffen

Für ihre Untersuchung analysierten die Wissenschaftler um Babak Khoshnood vom Center for Biostatistics and Epidemiology in Paris, wie viele Föten zwischen 1991 und 2011 Fehlbildungen durch einen Neuralrohrdefekt entwickelten. Dabei stützten sie sich auf 28 Register aus 19 europäischen Ländern, darunter auch Deutschland.

Ihr Fazit: In den 20 Jahren hat sich die Zahl der betroffenen Babys kaum geändert. Laut den Daten kam es 1991 wie auch 2011 bei etwa neun von 10.000 Schwangerschaften zu den Missbildungen.

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Zwar können Khoshnood und seine Kollegen nicht ausschließen, dass Registrierungsfehler ihre Ergebnisse verzerrt haben. Auch können sie anhand der Daten nicht eindeutig sagen, dass ein Folsäuremangel für viele der Fälle verantwortlich war. Für diese These spricht jedoch, dass die Versorgung mit dem Vitamin in Europa noch immer schlecht ist, auch in Deutschland.

Deutschland: Weitreichende Unterversorgung

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kam 2005 zum Schluss, dass 80 bis 90 Prozent der deutschen Bevölkerung weniger des B-Vitamins aufnehmen als empfohlen. Der Stoff steckt zwar in Spinat, Salat, Weißkohl, Orangen oder Getreide. Frauen, die schwanger werden wollen, sollten trotzdem zusätzlich 400 Mikrogramm Folsäure pro Tag in Form von Nahrungsergänzungsmitteln schlucken, empfiehlt unter anderem das BfR. Diese Empfehlungen reichten nicht aus, schreiben jetzt die Forscher. Was etwa, wenn eine Schwangerschaft ungeplant eintritt?

Die Amerikaner sind seit Langem einen Schritt weiter. Weil viele Frauen anders nicht erreicht werden können, müssen Hersteller seit 1998 Getreideprodukte wie Brot, Pasta und Reis mit dem B-Vitamin anreichern. Die Zahl der Neuralrohrdefekte sei nach wenigen Jahren um etwa 30 Prozent zurückgegangen, berichtet das Ärzteblatt. Berechnungen gehen davon aus, dass die Maßnahme jährlich 1300 Neuralrohrdefekte in den USA verhindert.

"Eine der großen Herausforderungen ist, ein Level zu finden, das vor Neuralrohrdefekten schützt, ohne die Bevölkerung einer zu hohen Dosis auszusetzen", schreiben James Mills und Aggeliki Dimopoulos von den National Institutes of Health in den USA im begleitenden Editorial im "British Medical Journal". Zu viel Folsäure kann einen Mangel an Vitamin B12 verschleiern und vor allem ältere Menschen gefährden. Die Erfahrungen aus den USA zeigten jedoch, dass ein gutes Mittelmaß möglich ist, so die Forscher weiter.

Mittlerweile reichern beinahe 80 Länder Grundnahrungsmittel wie Mehl mit Folsäure an, immer wieder sank die Zahl der Neuralrohrdefekte stark. Da Europa hingegen allein auf Empfehlungen setzte, sei nicht überraschend, dass die Maßnahmen nicht greifen, schreiben Mills und Dimopoulos. Für sie ist klar: "Die Ergebnisse von Khoshnood und seinen Kollegen sollten die zuständigen Behörden in der EU antreiben, gründlich über eine verpflichtenden Anreicherung nachzudenken."


Zusammengefasst: Ein offener Rücken und andere Neuralrohrdefekte zählen zu den häufigsten Missbildungen bei Babys. Folsäure kann den Defekten vorbeugen, in Europa leiden jedoch noch viele Menschen unter einem Mangel. In anderen Ländern hingegen werden Grundnahrungsmittel seit Jahren mit Folsäure angereichert - und die Zahl der Missbildungen ist gesunken.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand, bei etwa 9 von 100.000 Lebendgeburten in Europa trete ein Neuralrohrdefekt auf. Richtig ist: Es ist bei etwa 9 von 10.000 (beziehungsweise bei 90 von 100.000) der Fall. Wir haben den Fehler korrigiert.

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Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 44 Beiträge
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1. interessant
MarkusH. 27.11.2015
1200 Fälle werden in den USA verhindert, knapp 300.000.000 Einwohner halt mitdosiert. gute Quote. aber ist wohl das gleiche mit Impfgegner. dann doch lieber Zwang für alle
2. Die Häufigkeit...
dmg 27.11.2015
...beträgt leider nicht 9 : 100 000 sondern 9 : 10 000 (siehe auch die angegebene Publikation im British Medical Journal). D.h., fast eines von 1000 Neugeborenen ist betroffen.
3.
burgundy2 27.11.2015
Das Risiko ist doch sehr individuell (9 auf 100000 Geburten sind nicht wirklich häufig, wenn man bedenkt, dass Herzfehler bei 1 auf 100 Geburten vorkommen), also muss die Prophylaxe auch individuell erfolgen. Eine grundsätzliche Anreicherung von Nahrungsmitteln erscheint unverhältnismäßig.
4. Bitte einen Taschenrechner benutzen
planetexpress 27.11.2015
Die Zahlen in dem Artikel sind Quatsch! Bei 9 Fälle pro 100.000 Geburten und 5.000 Fälle pro Jahr müsste es 55 Millionen Geburten in der EU geben. In 2014 gab es aber nur zirka 4.8 Millionen Geburten in der EU. Daraus resultieren dann zirka 430 Fälle pro Jahr in der EU (in Deutschland 63, bei zirka 700.000 Geburten). Und es wäre schön, wenn das erhöhte Asthmarisiko erwähnt werden würde, welches sich bei der Einnahme von Fohlsäure ab dem 4. Monat deutlich erhöht.
5. Mangel vermeiden
dialogischen 27.11.2015
Da Fertigfuttermüll und industrielle Nahrungsmittelerzeugung und -Distribution den Nährstoffgehalt der Nahrung gesenkt haben, ist Unterversorgung mit essentiellen Nährstoffen längst ein relevantes Erkrankungsrisiko geworden, dem durch selektive Substitution begegnet werden kann.
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