Auf die Frage, was zu Übergewicht führt, gibt es eine einfache Antwort: Zu viel essen und zu wenig Bewegung. Wer ein wenig tiefer wühlt, stößt allerdings auf ein wesentlich komplexeres Bild. Der Schlafrhythmus zum Beispiel kann über das Gewicht entscheiden, die Gene tragen ihren Teil dazu bei, der Stoffwechsel, die Hormone, der emotionale Zustand. So werden etwa Teenager, die sich dick fühlen, auch eher dick.
Forscher um Anita Morandi vom Pasteur Institut in Lille haben die bekannten Dickmachfaktoren jetzt in einer mathematischen Formel zusammengefasst. Mit Hilfe der Gleichung sollen Mediziner in Zukunft abschätzen können, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Neugeborenes sich zu einem übergewichtigen Kind oder Heranwachsenden entwickelt. Ziel ist, die überflüssigen Pfunde schon früh im Leben zu bekämpfen, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie in der Fachzeitschrift "PLoS One".
Risiko Übergewicht: BMI der Eltern spielt größte Rolle
Zunächst trugen die Wissenschaftler mehrere bekannte Risikofaktoren zusammen, die das Gewicht beeinflussen. Auf ihrer Liste standen unter anderem der Body-Mass-Index (BMI) der Eltern, das Geburtsgewicht des Kindes, die Anzahl der Mitglieder im Haushalt und das Rauchverhalten der Mutter. Außerdem bezogen die Forscher 39 Genvarianten in ihre Analyse mit ein, die mit Übergewicht in Verbindung gebracht werden.
Um abzuschätzen, welcher der Faktoren welchen Einfluss besitzt, analysierten die Forscher anschließend eine Gruppe von 4000 Menschen. Alle Teilnehmer hatten an der "Northern Finland Birth Cohort 1986" teilgenommen und waren von der zwölften Schwangerschaftswoche ihrer Mutter bis hin zu ihrem 16. Lebensjahr beobachtet worden. Aus den Risikodaten und anhand des Gewichts im Alter von sieben und 16 Jahren erstellten die Forscher ihre Übergewichtsformel.
Der BMI der Eltern erwies sich dabei als der beste Hinweis auf ein späteres Übergewicht, aus den genetischen Daten hingegen konnten die Forscher kaum etwas schließen. Offensichtlich seien die bisher bekannten Risikogene noch nicht aussagekräftig genug, schlussfolgern die Forscher. Deshalb strichen sie die genetischen Daten aus den weiteren Analysen. Zudem beschränkten sie ihre Formel auf die Vorhersage von starkem Übergewicht, also Fettleibigkeit. Denn für normales Übergewicht ergaben sich aus ihren Analysen keine statistisch haltbaren Daten.
Spätfolgen: Dicke Kinder entwickeln häufig früh Diabetes
Mit Hilfe zweier unterschiedlicher Gruppen - einer mit 1503 Schulkindern aus Italien und einer mit 1032 Kindern aus Massachusetts in den USA - prüften die Wissenschaftler anschließend, inwieweit die Prophezeiungen der Gleichungen zutreffen. Tatsächlich zeigte sich, dass die Formel auch in diesen Gruppen gute Ergebnisse erzielte.
Mit den durch die Gleichung als gefährdet identifizierten Kinder erfassten die Forscher 70 bis 75 Prozent der tatsächlichen Übergewichtskandidaten. Allerdings ließ sich die Vorhersage bei der italienischen Gruppe weiter verbessern, indem das Geschlecht der Kinder mit einbezogen wurde. Die US-Formel hingegen wurde akkurater, als die Wissenschaftler unter anderem auch die ethnische Abstammung berücksichtigten.
In der Theorie könnte man alle drei entwickelten Gleichungen als einfache Excel-Tabellen direkt in der Klinik einsetzen. Allerdings räumen die Forscher ein, dass man die Formeln noch verfeinern muss, bevor sie praxistauglich sind. Denkbar sei zum Beispiel, die Gleichung auch für die Bevölkerung weiterer Länder individuell anzupassen. Zudem müsse weiter an Methoden geforscht werden, mit denen man das drohende Übergewicht bei Kleinkindern dann auch abwenden könnte, fordern die Autoren.
"Eltern sind nach der Geburt ihres Kindes besonders empfänglich für Informationen zu dessen Gesundheit", schreiben die Forscher. Dies, so hoffen sie, könne man nutzen, um ihren Lebensstil positiv zu beeinflussen. So haben Studien zum Beispiel gezeigt, dass Stillen das Risiko senken kann, dass ein Kind übergewichtig wird.
In vielen Industrieländern leiden immer mehr Kinder unter Übergewicht. Die überzähligen Kilos können schon in der Kindheit und im frühen Erwachsenenalter Schäden anrichten, die sich nur schwer wieder beheben lassen. Unter anderem entscheidet hauptsächlich das Gewicht darüber, wer schon früh Diabetes-Typ-2 oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickelt. Studien zeigen auch, dass sich einmal erworbene überzählige Kilos nur schwer wieder loswerden lassen. Dicke Kinder entwickeln sich häufig zu dicken Erwachsenen.
Sie wollen die Formel ausprobieren? Die finnische Gleichung finden Sie unter folgendem Link.
irb
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH