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15. November 2012, 17:44 Uhr

Hirnschäden

"Trinken in der Schwangerschaft ist Misshandlung"

Trinkt eine Schwangere, leidet das Gehirn ihres Kindes - ein Leben lang. Die Betroffenen entwickeln Konzentrationsschwierigkeiten, sie sind hyperaktiv, ecken an. Werdende Mütter sollten besser aufgeklärt werden, fordern Forscher.

Rostock - Jedes Jahr kommen in Deutschland rund 4000 Kinder mit Hirnschäden auf die Welt, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft getrunken haben. Die Schädigung durch Alkohol im Mutterleib sei die häufigste angeborene Schädigung überhaupt, sagte der Arzt Hans-Ludwig Spohr von der Berliner Charité am Donnerstag auf der Landeskinderschutzkonferenz in Rostock.

"Trinken in der Schwangerschaft ist die schwerste Misshandlung, die man einem Kind zufügen kann", so der Arzt weiter. Der Alkohol verändere die Arbeit bestimmter Gene in den Nervenzellen, molekulare Signale könnten im wachsenden Gehirn nicht mehr richtig weitergegeben werden: Das Hirn nimmt unwiderruflich Schaden. Die Kinder seien im Wachstum, im Verhalten und in der Intelligenz gestört, erklärte Spohr. Bei vielen leidet das Arbeitsgedächtnis, Planungen fallen ihnen schwer.

Laut dem Mediziner sieht man nur einem geringen Teil der Kinder die Alkoholschädigung am typischen Aussehen mit zum Beispiel kleinen Augen, schmaler Oberlippe und insgesamt kleinem Kopf an. "Sie sind nur die Spitze des Eisbergs", meinte er. Sind die Störungen versteckt, würden die Kinder in der Schule oft gehänselt, sie seien unruhig und hyperaktiv. Oft würden sie aus ihren Familien herausgenommen und in Pflegefamilien gegeben, die mit den Kindern ebenfalls schwer zurechtkämen.

"Zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft aufhören"

Eine Lösung für das Problem sieht der Mediziner, der sich schon lange mit dem Thema Alkoholkonsum in der Schwangerschaft auseinandersetzt, in der Aufklärung werdender Mütter. "Man kann zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft aufhören zu trinken", meint er. Ansonsten habe die Gesellschaft kaum Möglichkeiten einzugreifen.

Der Professor für Sozialpädagogik an der Hochschule Neubrandenburg, Matthias Müller, sieht Chancen in den frühen Hilfen und Netzwerken all derer, die mit Kindern zu tun haben. Einer trinkenden Schwangeren müsse Hilfe angeboten werden, etwa durch eine Familienhebamme, Ärzte oder Sozialarbeiter. "Aber so, dass die Frau denkt: Gut, dass die mir helfen." Vor allem aber müssten mit Hilfe der Netzwerke aus Vertretern von Justiz, Polizei, Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Kinder- und Jugendhilfe familienfreundliche Strukturen geschaffen werden.

Einfach ist auch das nicht: Netzwerke kosten Müller zufolge Arbeitszeit und damit Geld. Bei lohnenden Kooperationen gehe es nicht darum, die eigene Position durchzusetzen, sondern darum, die unterschiedlichen Interessen der Beteiligten gewinnbringend zu bündeln und umzusetzen. Zum Wohl der Kinder.

irb/dpa

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