Hilfe für Frühchen Wenn Mütter ihre Milch an fremde Babys spenden

Mütter von Frühchen können oft nicht stillen. Dabei würden gerade diese Kinder von Muttermilch profitieren. Frauenmilchbanken in Krankenhäusern könnten helfen - doch davon gibt es viel zu wenige.

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Als ihr Sohn im siebten Schwangerschaftsmonat viel zu früh zur Welt kommt, ist er zu schwach, um an der Brust zu trinken. Jennifer beginnt abzupumpen, um ihren Sohn dennoch mit Muttermilch zu versorgen und den Milchfluss nicht versiegen zu lassen. Sie bildet genug Milch - mehr als ihr Sohn trinken kann. Als ein Arzt mit der Frage auf sie zukommt, ob sie die überschüssige Milch für andere Frühchen spenden möchte, zögert sich nicht. "Das war für mich überhaupt keine Frage. Wenn ich helfen kann, dann mach ich das."

Jennifer hatte Glück, dass die Milchproduktion bei ihr gut in Gang kam. Die Mehrzahl der Mütter von frühgeborenen Kindern hat damit Probleme. "Wenn ein Kind mit 24 oder 25 Wochen auf die Welt kommt, ist das für die meisten Eltern ein Schock", erklärt Ralf Böttger, Neonatologe am Uniklinikum Magdeburg. Die Sorge um das Kind, der Stress und die psychische Belastung, die damit einhergingen, sorgten häufig dafür, dass die Mütter keine Milch produzieren könnten.

"Dazu kommen die Fälle, bei denen die Mutter selbst krank ist und Medikamente nehmen muss", so Böttger. Auch dann könnten die Frauen ihr Kind nicht selbst versorgen, da die Gefahr zu groß wäre, dass die Wirkstoffe in der Milch landen und das Baby schädigen. Um diesen Kindern zu helfen, hat der Neonataloge an seiner Klinik eine Frauenmilchbank aufgebaut, an die Mütter ihre überschüssige Milch spenden können.

Eine Initiative fordert Frauenmilchbanken für jedes Bundesland

Frauenmilchbanken gibt es bereits seit fast 100 Jahren in Deutschland. Allerdings ist ihre Zahl für die Versorgung bedürftiger Kinder derzeit viel zu gering, klagen Fachleute. Eine Frauenmilchbank-Initiative (FMBI) möchte das ändern. "Nur um die 20 der mehr als 200 Perinatalzentren in Deutschland verfügen derzeit über eine Frauenmilchbank", sagt Anne Sunder-Plaßmann, Mitbegründerin der Initiative. "Der Bedarf ist viel größer. Andere Länder, etwa Schweden, sind uns da weit voraus." Die Initiative will erreichen, dass in fünf Jahren jedes Bundesland über mindestens eine Frauenmilchbank verfügt.

Frank Jochum von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Waldkrankenhaus Spandau in Berlin hält den Aufbau von Milchbanken für begrüßenswert. "Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass künstliche Milch nicht das Gleiche leisten kann wie Muttermilch, etwa was die Verdaulichkeit angeht oder bestimmte immunologische Aspekte," so Jochum. An seiner Klinik gibt es bisher keine Milchbank, "ich hätte aber gern eine".

Jennifer ist am Uniklinikum Freiburg zur Spenderin geworden. "Das war eigentlich kein großer Umstand", erzählt die 39-Jährige, deren Sohn heute zwei Jahre alt ist. "Ich war ja ohnehin jeden Tag in der Klinik und habe sechs bis acht Mal am Tag abgepumpt. Einen Teil davon bekam mein Sohn, den Rest eben ein anderes Kind."

Bei Ralf Böttger am Uniklinikum Magdeburg spenden im Schnitt etwa 15 Frauen im Jahr ihre Milch. "Damit können wir in der Regel die Kinder versorgen, die sie am allerdringendsten brauchen - die Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm", sagt Böttger. Wenn Milch übrig sei, werde sie auch an kranke Neugeborene abgegeben. "Die Lage ist gut, aber nicht perfekt."

Milchspenderinnen werden zuvor auf Infektionskrankheiten getestet

Böttger wirbt bei Kinderärzten, Frauenärzten und Hebammen in der Region für seine Milchbank - und fragt in der Klinik Mütter, die gerade entbunden haben, ob sie spenden wollen. Ist eine Interessentin gefunden, muss sie Fragen zu ihrer Lebensweise sowie aktuellen und früheren Erkrankungen beantworten. Ihr Blut wird auf Infektionskrankheiten wie HIV, Hepatitis, Syphilis und das Cytomegalievirus untersucht. Zudem werden Abstriche vom Körper auf multiresistente Keime getestet. Sind die Befunde okay, kann es losgehen mit der Spende.

Dieses Vorgehen ist nicht in allen Milchbanken gleich, aber vergleichbar. Es geht grundsätzlich darum, gesundheitliche Risiken für die besonders empfindlichen Früh- und Neugeborenen auszuschließen - etwa zu verhindern, dass Krankheitserreger mit der Muttermilch zu ihnen gelangen. Bevor die gespendete Milch verfüttert wird, wird sie auf Keimbelastung untersucht.

Sehr unreife Frühgeborene profitierten von der Muttermilchgabe am meisten, erläutert der Berliner Kinderarzt Jochum. Sie können an einer seltenen, aber gefürchteten Darminfektion erkranken, der sogenannten nekrotisierenden Enterokolitis. Bei diesem komplexen Krankheitsgeschehen wandern unter anderem Bakterien in den Darm ein, die regelrechte Löcher in die Darmwand fressen können. "Wir wissen, dass solche Infektionen seltener auftreten, wenn die Kinder mit Muttermilch ernährt werden."

Welcher Inhaltsstoff in diesem Fall den Schutz vermittelt, ist nicht bekannt. Man weiß aber, dass in der Muttermilch zahlreiche Substanzen stecken, die in den ersten Lebenswochen und -monaten vor Krankheiten schützen, etwa Antikörper gegen Infektionserreger wie Rotaviren. "Solche Bestandteile lassen sich nicht ohne Weiteres nachbilden und der Formula-Milch stabil zusetzen", so Jochum.

Vorsicht bei privaten Milchspenden

Im besten Fall wird die gespendete Milch roh an die Frühchen verfüttert - nur so bleiben alle gesundheitsfördernde Bestandteile erhalten. In manchen Fällen ist es aber auch nötig, die Milch zuvor zu erhitzen, also zu pasteurisieren. Etwa, wenn die milchspendende Mutter sich im Verlauf ihres Lebens mit dem Humanen Cytomegalievirus (HCMV) infiziert hat. Nach einer - oft harmlos verlaufenden Infektion - bleibt dieses Virus im Körper und kann reaktiviert werden, etwa unter Stress oder im Zuge anderer Erkrankungen.

Für die Neugeborenen kann eine Ansteckung schlimme, sogar tödliche Folgen haben. "Milch von Müttern, in deren Blut wir Antikörper gegen HCMV finden, pasteurisieren wir deshalb immer", erläutert Böttger von der Frauenmilchbank in Magdeburg.

Grundsätzlich sei die Muttermilchspende sicher, betonen Fachleute. "Angst vor unerwünschten Reaktionen durch die Gabe von fremder Muttermilch muss man im Umfeld einer Klinik nicht haben", sagt auch Jochum.

Anders sehe das aus bei privat organisierten Milch-Börsen, bei denen etwa im Internet Muttermilch zum Verkauf oder als Spende angeboten wird. 2014 startete so eine Initiative in Hamburg. Frank Jochum sieht solche privaten Initiativen kritisch: "Die Infektionsgefahr ist einfach zu groß, und man weiß ja auch zum Beispiel nicht, ob die spendende Mutter irgendwelche Medikamente nimmt." Die Hamburger Milch-Börse gibt es inzwischen nicht mehr.

Es fehlt an Geld zum Aufbau der Milchbanken

An Spenderinnen gebe es grundsätzlich keinen Mangel, ist Böttger überzeugt. "Das Interesse ist groß." Derzeit seien es eher strukturelle Gründe, die den Aufbau und Betrieb von Milchbanken einschränken würden. "Der Betrieb einer Milchbank ist derzeit für die Klinik ein Minusgeschäft", sagt Böttger. Man benötige Ausstattung und Personal - dafür kämen derzeit die Kliniken allein auf, die Krankenkassen beteiligten sich an den Kosten nicht. Aus diesem Grund fehle es auch an Strukturen, um etwa Spenderinnen-Milch abzuholen und so die Kapazität einer Milchbank zu vergrößern.

So hängt es oft am Engagement einzelner Ärzte oder Politiker, ob in einem Bundesland eine Milchbank besteht oder aufgebaut wird - oder eben nicht. Die niedersächsische Landesregierung beteiligt sich seit Kurzem an der Einrichtung von drei Muttermilchbanken im Land. Die erste wurde im September im niedersächsischen Vechta eröffnet, Kliniken in Wolfsburg und Hannover sollen folgen.

Jennifer hörte nach der Entlassung ihres Sohnes aus dem Krankenhaus auf, ihre Milch zu spenden. Nach knapp drei Monaten in der Klinik kam ihr Sohn nach Hause und begann, selbstständig an der Brust zu trinken. "Dann war ich froh, die Milchpumpe los zu sein", erzählt Jennifer heute. "Aber ich fand es schön, da mitzumachen. Man kann etwas zurückgeben und denen helfen, die nicht selber stillen können. Das ist eine gute Sache."

mah/ Anja Garms, dpa



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