Kuscheln statt Brutkasten Wie die Känguru-Methode Frühchen fördert

Tragen Mütter ihre Frühchen viel am Körper, wärmen und stillen sie, kann sich das auch Jahre später noch auf das Leben der Kinder auswirken. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die Frühchen 20 Jahre lang begleitet hat.

Zwillings-Säuglinge im Gabriel-Touré-Krankenhaus in Bamako, Mali
DPA/ Fundación Canguro/ Eurekalert

Zwillings-Säuglinge im Gabriel-Touré-Krankenhaus in Bamako, Mali


Frühgeborene Babys profitieren auch noch Jahrzehnte später, wenn sie in ihren ersten Wochen auf der Welt intensiven Körperkontakt mit ihren Eltern hatten. Das hat eine Langzeitstudie zur sogenannten Känguru-Methode ergeben, die mit Unterstützung kanadischer Forscher in Kolumbiens Hauptstadt Bogota durchgeführt wurde.

Dabei trugen die Mütter die untergewichtigen Frühchen viel auf nackter Haut, wärmten und stillten sie. Außerdem wurde die gesamten Familien mit einbezogen und im Umgang mit den Winzlingen geschult. Kontrollgruppe waren Babys, die Helfer in ihren ersten Lebensmonaten auf herkömmliche Weise vor allem im Brutkasten betreuten.

18 bis 20 Jahre nach der Geburt trafen die Forscher die Heranwachsenden wieder, befragten und untersuchten sie drei Tage lang. Auf diese Weise sammelten sie Daten von 264 Kindern, die zwischen 1993 und 1996 geboren wurden und mit weniger als 1800 Gramm auf die Welt gekommen waren.

Bessere Schulbildung, weniger aggressiv

Bei der im Fachjournal "Pediatrics" veröffentlichten Analyse zeigten sich klare Vorteile für die Känguru-Frühchen: Die Kinder seien im Mittel weniger aggressiv, impulsiv und hyperaktiv als solche, die ihre ersten Lebenswochen zumeist im Brutkasten verbrachten, schreiben die Autoren um Nathalie Charpak von der Fundación Canguro in Bogota.

Auch die Sterberate war bei den Känguru-Frühchen merklich niedriger als bei der Kontrollgruppe im Brutkasten. Ihr Gehirn wuchs, speziell in den für das Lernen wichtigen Bereichen, stärker. Vor allem unter den sehr zarten Babys war der Intelligenzquotient 20 Jahre später etwas höher. Die Kinder aus dem Känguru-Programm schnitten in der Schule besser ab und fehlten seltener im Unterricht. Als junge Arbeitnehmer verdienten sie im Durchschnitt mehr.

Eine Mutter trägt einen Säugling im Laquintinie-Krankenhaus in Douala, Kamerun.
DPA/ Fundación Canguro/ Eurekalert

Eine Mutter trägt einen Säugling im Laquintinie-Krankenhaus in Douala, Kamerun.

Die große Stärke der Studie ist der 18 bis 20 Jahre lange Kontakt der Forscher zu den Kindern. Trotzdem sind die Ergebnisse aufgrund der vergleichsweise kleinen Zahl berücksichtigter Teilnehmer noch mit Vorsicht zu bewerten. Andere Studien sprechen jedoch ebenfalls für positive Effekte der Känguru-Methode.

So kann der Körperkontakt laut einer Zusammenstellung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor schweren Krankheiten schützen, sich positiv aufs Stillen auswirken und das Stresslevel der Mütter senken. Nur im Hinblick auf die Überlebenschancen der Kinder konnten die meisten Untersuchungen keinen positiven Effekt der Technik nachweisen. Wenn überhaupt, wirkt sich die Methode aber positiv aus.

Wissen schützt

Die Forscher der aktuellen Studie erklären die positiven Effekte auch damit, dass die Eltern der Känguru-Gruppe dank der begleitenden Schulungen besser über die Bedürfnisse von Babys Bescheid wussten und dieses Wissen anhaltend umsetzten. Einen Effekt hatte dies vor allem bei ärmeren Familien mit geringem Bildungsgrad. "Die alltäglichen Aktivitäten zu Hause haben langfristig den größten direkten Einfluss auf ein Kind", schreiben die Forscher.

Das Programm habe sich auch auf die Familien insgesamt positiv ausgewirkt: Ihr Zusammenhalt sei besser und die Grundstimmung liebevoller gewesen. Zudem zeigte sich, dass Paare eher zusammenblieben, wenn auch der Vater seinen frühgeborenen Nachwuchs im Tuch getragen hatte.

"Känguruen" in Deutschland

"Wir sind fest überzeugt, dass diese effiziente, wissenschaftlich basierte Methode in allen Umgebungen angewendet werden kann - von solchen mit sehr beschränktem bis zu solchen mit uneingeschränktem Zugang zu Gesundheitseinrichtungen", sagt Charpak. Jährlich kommen nach Daten der WHO weltweit etwa 15 Millionen Kinder vor der 38. Schwangerschaftswoche auf die Welt.

Gerade weil Technik zur Frühgeborenen-Betreuung inzwischen in vielen Regionen der Welt verfügbar sei und es daher weniger schwere gesundheitliche Folgeschäden gebe, komme es darauf an, auf die kleinen Effekte zu achten. "Kleine Auswirkungen wie geringfügige kognitive Defizite, eine schlechtere Feinmotorik, verminderte Hör- oder Sehfähigkeit und Konzentrationsstörungen können unentdeckt bleiben, haben aber tiefgreifende Effekte auf das Leben der Familien."

Auch in Deutschland ist das "Känguruen" in Frühgeborenenstationen verbreitet. Nicht nur die winzigen Babys profitieren davon. Die Eltern lernen, mit den zerbrechlich wirkenden Winzlingen umzugehen, Berührungsängste zu überwinden und eine Beziehung aufzubauen. Vor allem Frühchen-Mütter fühlen sich manchmal - auch wenn es unbegründet ist - schuldig, weil sie ihr Baby nicht neun Monate austragen konnten.

irb/dpa

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